Stand: 26.05.2015 19:46 Uhr  | Archiv

Arbeitgeber fliehen aus Tariflöhnen

von Mareike Burgschat & Nicolas Peerenboom

Piloten, Lokführer und jetzt Erzieherinnen: Kaum ein Tag, an dem sich Reisende oder Eltern nicht über die Arbeitskämpfe bei Lufthansa, der Bahn oder in den Kitas ärgern würden. Die empfundenen Beeinträchtigungen sind so erheblich, dass das Verständnis für die Streikenden vielerorts schrumpft und die Stimmung im Lande kippt. Was soll das Ganze? Kann man sich nicht einigen? Warum sind die Gewerkschaften so egoistisch, warum sehen sie nicht das große Ganze? Der Unmut ist jetzt sogar in ein Gesetz gegossen worden. Quasi als "gewünschter" Nebeneffekt entmachtet das neue Tarifeinheitsgesetz kleine Gewerkschaften mit Berufsgruppen in Schlüsselpositionen.

VIDEO: Arbeitgeber fliehen aus Tariflöhnen (8 Min)

Doch wie sähe unsere Arbeitswelt ohne Gewerkschaften aus? Und was geschieht mit den Arbeitnehmern in jenen Branchen, in denen die Gewerkschaften schwach oder gar nicht vertreten sind? Am Beispiel von zwei Branchen, dem Callcenter-Gewerbe und dem Einzelhandel, ist Panorama 3 dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis ist für die Arbeitnehmer niederschmetternd.

Was Gewerkschaften für Arbeitnehmer erreicht haben

Was für viele Beschäftigte heute selbstverständlich scheint, ist vielfach das Ergebnis harter Arbeitskämpfe. Hier ein Auszug:

Die Callcenter-Branche - eine tariffreie Zone

Frau mit Headset © Bildredaktion NDR Online Foto: Christine Raczka
Callcenter-Mitarbeiter haben bis heute keine Tarifverträge, weil es keinen Arbeitgeberverband gibt.

Mehr als 110.000 Menschen arbeiten in der noch recht jungen Branche. Die meisten als sogenannte Callcenter-Agenten. Diese arbeiten fast alle ohne Tarif. Grund: Seit Entstehen der ersten Callcenter Anfang der 90er-Jahre haben es die Arbeitgeber in dieser Branche bis heute nicht geschafft, einen Arbeitgeberverband zu gründen. Den Gewerkschaften fehlt deshalb ein Ansprechpartner, um für die Mitarbeiter in dieser Branche Tarifverträge verhandeln und abschließen zu können. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht gewollt. So nämlich können die Arbeitgeber die Löhne und Arbeitsbedingungen in ihren Unternehmen weitgehend selbst bestimmen. Und das geht meistens zu Lasten der Arbeitnehmer.

Ein Beispiel: die Sky Deutschland Service Center GmbH in Schwerin. Wenn Kunden des Bezahlsenders die Hotline anrufen, landen sie in der Regel bei einem der über 700 Mitarbeiter des Sky-Callcenters. Wegen der geringen Bezahlung und der Arbeitsbedingungen wollen der Betriebsrat und die Gewerkschaft ver.di erreichen, dass die Geschäftsführung endlich Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft aufnimmt. Doch Geschäftsführerin Daniela See findet, das sei nicht nötig. Sie lässt ver.di wissen: "Die Geschäftsleitung und der Betriebsrat der Sky Deutschland Service Center GmbH arbeiten schon seit vielen Jahren konstruktiv sowie auf Augenhöhe zusammen. Wir sehen daher momentan keinen Bedarf für Tarifverhandlungen mit Ihnen".

Panorama 3 wollte von Geschäftsführerin See wissen, ob sie Gewerkschaften in Deutschland für überflüssig hält. Statt einer Antwort wurden wir an die Zentrale in München verwiesen. Aber auch dort erhalten wir keine Antwort auf unsere Frage. Eine solche gewerkschaftsfeindliche Haltung in Tarifangelegenheiten kann man sich nur leisten, wenn die Gegenseite, also die Gewerkschaften, schwach ist. Tatsächlich sind in der Callcenter-Branche weniger als zehn Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Da ist es schwer, einen Haustarifvertrag abzuschließen, geschweige denn, einen allgemein verbindlichen, branchenweiten Tarifvertrag durchzusetzen.

Lohndumping im Einzelhandel

Plastiktüte © imago/Schöning
Edeka-Slogan: GIlt das auch für die Mitarbeiter?

Was die Callcenter-Branche schon immer war, nämlich eine tariffreie Zone, da drängt es den Einzelhandel offenbar mit aller Macht hin. Über 2,3 Millionen Menschen arbeiten im Einzelhandel. Trickreich verabschieden sich große Handelsketten wie die Edeka seit längerem aus der Tarifbindung. Und senken so systematisch das Lohnniveau der Mitarbeiter.

Das System von Edeka und Co ist stets das gleiche: Ein bisher vom Konzern in Eigenregie geführter Markt wird an einen Einzelunternehmer übergeben. Oft ist das der bisherige Filialleiter. Die Mitarbeiter werden vor die Wahl gestellt: Wollen sie ihren Arbeitsplatz behalten, müssen sie zustimmen, dass ihr Arbeitsvertrag vom neuen Markt-Inhaber übernommen wird. Lehnen sie das ab, ist ungewiss, ob sie unter dem Konzerndach weiter beschäftigt werden oder eine Kündigung erhalten.

Zwar bleibt für die bisherigen Mitarbeiter einige Zeit lang der Tarifschutz erhalten - sie werden weiter nach Tarif bezahlt. Neu eingestellte Mitarbeiter aber werden oft zu erheblich schlechteren Konditionen eingestellt. Sie bekommen für die gleiche Arbeit wesentlich weniger Lohn, weniger Urlaubstage und geringere Nebenleistungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld.

Abmeldung aus dem Arbeitgeberverband

Um dies so durchsetzen zu können, muss der neue Markt-Inhaber seinen Betrieb nur aus dem Arbeitgeberverband herausnehmen. Schon kann er Löhne und sonstige Arbeitgeberleistungen nach eigenem Gusto festlegen. In vielen Märkten hat es deshalb schon eine Spaltung in der Belegschaft gegeben: In Gutverdiener, die noch nach Tarif bezahlt werden, und Schlechtverdiener, für die der gesetzliche Mindestlohn offenbar zum neuen Lohnstandard wird.

Edeka weist solche Vorwürfe zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme teilt das Unternehmen Panorama 3 mit: Die Übertragung von Märkten an selbstständige Kaufleute wirke sich laut einer Studie "positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung aus und die guten Arbeitsbedingungen bleiben erhalten." Etwa 80 Prozent der Edeka-Märkte werden bereits von Einzelunternehmern betrieben. Bei REWE sind es zwar erst rund 40 Prozent. Aber laut "Lebensmittelzeitung" ist es Ziel der REWE-Gruppe, mit Edeka gleichzuziehen. Für die Beschäftigten bedeutet das: Sie werden härter kämpfen müssen, wenn sie ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber auch zukünftig durchsetzen wollen.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 26.05.2015 | 21:15 Uhr

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