Erst Ausbildung, dann Abitur: Vom Straßenbauer zum Physiker

Stand: 03.12.2023 06:00 Uhr

Ein Schulabschluss, eine Ausbildung oder ein Studium, Karriere: So sehen für viele junge Menschen die ersten Schritte im Berufsleben aus. Aber der Weg dahin muss nicht immer stringent sein.

von Karen Münster

Auf dem weißen Lehrerpult von Fabian Gropp stapeln sich Stromkabel, Versuchskästen und Module. Damit sollen die Kinder einer siebten Klasse gleich einen Schaltkreis bauen. "Bei dem Versuch geht es darum, dass die Kinder etwas über Elektrizität lernen", so Gropp. Auf den ersten Blick wirkt der 30-Jährige wie ein ganz normaler, studierter Physiklehrer. Doch seine Bildungsbiografie ist alles andere als klassisch - und dürfte sich von den meisten seiner Kolleginnen und Kollegen unterscheiden.

Von der Schulbank zum Presslufthammer

Mit 14 Jahren besucht Fabian Gropp eine Hauptschule in Bad Segeberg. Der damalige Unterricht ist für Gropp immer wieder eine Herausforderung. "Ich habe nicht verstanden, warum alle Kinder dasselbe lernen und können müssen", sagt er heute. "Ich hatte das Gefühl, mich nicht entfalten zu können. Und das hat mich sehr frustriert." Auf die Frustration folgten schlechte Noten und schließlich der Abgang von der Schule. Für den Jugendlichen ist klar: Er möchte raus, etwas Aktives lernen und sehen, was er mit seinen Händen schaffen kann. "Also habe ich mich für eine Ausbildung als Tiefbaufacharbeiter mit dem Schwerpunkt Straßenbau entschieden", so Gropp. Im Sommer viel draußen arbeiten und im Winter für die Berufsschule pauken - eine recht intensive Zeit für den damals 15-Jährigen. "Die Arbeit eines Straßenbauers ist körperlich absolut anspruchsvoll. Aber am Ende des Tages konnte ich immer sehen, was ich geschafft habe. Und wie das, was ich mache, anderen Menschen nutzen konnte. Das war ein super Gefühl."

Nach der Ausbildung zurück in die Schule

Physikstudent Fabian Gropp schreibt mit einem Marker auf einem Whiteboard in einem Klassenraum. © NDR
Der gelernte Straßenbauer studiert jetzt Physik und unterrichtet auch.

Obwohl ihm die Ausbildung Spaß gemacht hat, entscheidet sich Fabian Gropp nach seiner Gesellenprüfung wieder für die Schulbank. "Straßenbau ist besonders angenehm, wenn man jung ist. Viele meiner älteren Kollegen haben es bereut, nicht länger zur Schule gegangen zu sein. Und auf deren Erfahrungswert habe ich mich damals verlassen", sagt Gropp. Rückblickend ist das für ihn die richtige Entscheidung gewesen. Zunächst holt er seinen Realschulabschluss nach, später das Abitur. "Schule hat wieder Spaß gemacht. Durch eine naturwissenschaftliche Vertiefung in der Oberstufe konnte ich meine Interessen noch weiter vertiefen", meint Gropp.

Studium: Maschinenbau oder Physik?

Nach der Schule entscheidet er sich zunächst für ein Maschinenbaustudium an der Technischen Universität Hamburg. "Die Kombination aus naturwissenschaftlichen Einheiten und Technik, denn dafür steht die Uni ja mit ihrem Namen, hat mich gereizt", sagt Gropp. Doch bereits nach einem Semester entscheidet er sich um. "Bis auf die Mathe-Vorlesung hat mir nichts so richtig Freude bereitet. Also habe ich überlegt, wie es stattdessen weitergehen kann", so Gropp. Zum Sommersemester schreibt er sich an der Universität Hamburg ein und studiert Physik.

Weg in Richtung Forschung

Inzwischen hat Fabian Gropp seinen Bachelor erfolgreich absolviert und auch das Masterstudium ist fast geschafft. "Es fehlt noch die letzte Hürde: die Masterarbeit." Dafür forscht er an drei Tagen in der Woche am Max-Planck-Institut. "Die Arbeit befasst sich mit Computational Science. Wir wollen bestimmte Computerprogramme visualisieren. Bedeutet: Viel Code erstellen und abgleichen", so Gropp. Um neben all der Theorie auch ein bisschen Praxis zu vermitteln, unterrichtet Gropp zusätzlich an einem Gymnasium Physik. "Es ist schon ein straffes Pensum. Die Arbeit an der Schule und die Masterarbeit fordern mich auf unterschiedliche Weise heraus", so Gropp.

Ausbildung zum Ziel geführt

Was schon beinahe nach einer Traumkarriere klingt, war für Fabian Gropp oft harte Arbeit. "Ich wäre in jungen Jahren gerne besser in der Schule gewesen. Das hätte mir später einiges an Nachholarbeit erspart. Wenn ich aber die Ausbildung nicht gemacht und mich stattdessen weiter durch die Schule gequält hätte, wäre ich wohl nicht so im Reinen mit mir, wie ich es jetzt bin", meint Gropp. Die Ausbildung, der spätere Schulabschluss und das Studium - all das möchte er nicht missen.

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Ein Auszubildender an einer Werkbank. © Imago

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