Sendedatum: 28.01.2009 23:00 Uhr

In Gefahr - Russlands Journalisten werden Freiwild

Die öffentlichen Morde an Anastasija Baburowa und Anna Politkowskaja sowie der Überfall auf Michail Betekow blieben bislang ungesühnt. Die Putin-kritische Nowaja Gazeta fordert inzwischen, Reporter zu bewaffnen.

Anmoderation:

Guten Abend. Journalisten, deren Spielraum immer enger wird - darum geht es heute in Zapp. Folgende Themen dazu: Unter Druck - Verlage beuten freie Mitarbeiter aus. Und: Zwischen den Fronten - ein Nahost-Korrespondent wird Schriftsteller. Doch zunächst nach Russland. Nirgendwo sonst in Europa leben Journalisten gefährlicher. Erst vergangene Woche wurde sie erschossen. Anastassija Baburowa, eine junge kritische Journalistin. Unvergessen auch sie, Anna Politkowskaja. Sie wurde vor zwei Jahren ermordet. Doch es gibt noch mehr Tote. Die Pressefreiheit unter Wladimir Putin quasi abgeschafft. Maik Gizinski und Sine Wiegers über mutige Journalisten, die ihr Leben für die Recherche riskieren.

Beitragstext:

Er hatte sich was getraut. Stanislaw Markelow kämpfte für Pressefreiheit, für Menschenrechte. Dafür musste er sterben. Der Rechtsanwalt vertrat verfolgte Journalisten, ohne Angst vor den Mächtigen. Vor zehn Tagen wurde er ermordet. Elena Liptser, Kollegin von Stanislaw Markelow: "Er war sehr mutig. Er hat die schwierigsten Fälle angenommen und er wusste, dass das gefährlich ist."

"Bitte klärt es auf!"

Mit Markelow starb auch eine Journalistin, Anastassija Baburowa. Sie arbeitete bei der Zeitung "Nowaja Gaseta“. Jeder hier weiß, wer in Russland kritisch berichtet, lebt in Gefahr. Und doch, auch ihre Familie konnte sie nicht vor dem Mord schützen. Vater von Anastassija Baburowa: "Wie soll ich jetzt weiterleben? Warum ist sie tot? Bitte klärt es auf." Aufklären über Hintergründe, in Russland fast unmöglich. Denn hier werden Journalisten misshandelt, verprügelt, erschossen. Stephan Stuchlik, Russland-Korrespondent, ARD: "Es ist zu einem Punkt gekommen, wo man von Pressefreiheit an und für sich überhaupt nicht mehr sprechen kann. Wir haben ein Land ohne jegliche Pressefreiheit, wo es ein Klima der Angst gibt. Ein Klima der Angst, was Journalisten betrifft, ein Klima der Angst, was Verleger betrifft, ein Klima der Angst, was Redakteure betrifft."

Unabhängiger Journalismus - in Russland undenkbar

Die Journalistin Olga Kitowa recherchierte über Korruption und Amtsmissbrauch. Deshalb bekam sie zu spüren, wie mit kritischen Reportern im Putin-Russland umgegangen wird. Dieses Polizeivideo zeigt Kitowa nach einem Verhör. Olga Kitowa (2004), Journalistin: "Es ist lebensgefährlich die Wahrheit zu schreiben, und ‚unabhängig’ ist für die meisten russischen Journalisten ein Fremdwort. In Moskau wie in der Provinz. Journalistische Unabhängigkeit, das gibt es meistens nicht."Stephan Stuchlik: "Wir haben ja immer im Kopf, dass es so etwas gibt, wie eine heroische Ausnahme. Eine Zeitung, wie etwa die "Nowaja Gaseta“, die von vorne bis hinten unabhängig und kritisch berichten würde. Wie wir uns das im westlichen Stile vorstellen. Das ist naiv. Auch in der "Nowaja Gaseta“, auch in dieser viel gerühmten Ausnahmezeitung gibt es große Passagen, wo man den angepassten Journalismus des Putin-Stils finden wird. Etwas anderes könnte sich der Herausgeber, etwas anderes könnte sich der Verleger ja überhaupt nicht leisten."

Anna Politkowskaja - eine  Ikone 

Die wenigen kritischen Zeilen, die sich die "Nowaja Gaseta" leistet, schrieb lange Zeit sie, Anna Politkowskaja. Während des Tschetschenien-Kriegs recherchierte sie in Gefangenenlagern - heimlich. Anna Politkowskaja (†): "Die haben regelrecht Jagd auf mich gemacht, als sie mitbekommen haben, dass sich da trotz allem ein Journalist rumtrieb. Ich wurde gejagt, wir mussten schließlich abhauen, ich und meine Begleiter."Das Geiseldrama von Moskau 2002. Tschetschenische Rebellen hatten sich im Musicaltheater verschanzt. Politkowskaja wagte sich zu den Geiselnehmern, versuchte zu vermitteln. Anna Politkowskaja (†): "Der Präsident müsste nur die Geiselnehmer und ihr Anliegen ernst nehmen. Das ist schwierig, aber dann wird hier alles gut ausgehen. Putin hat das Wort."Wo immer der Staat die Meinungsfreiheit unterdrückte, mischte sich Politkowskaja mutig ein. Anna Politkowskaja (†): "Ich bin hier, um ein Zeichen zu setzen. Ich bin auf der Seite der Opfer."2006 wurde sie selbst zum Opfer. Ihre Mörder lauerten ihr vor der Wohnung auf und erschossen sie im Fahrstuhl. Die Ikone des investigativen Journalismus in Russland getötet. Tausende Menschen zeigten öffentlich ihre Anteilnahme. Und endlich begriffen auch westliche Medien, wie Russland seine kritischen Journalisten bekämpft - mit System.

Wer waren Annas Mörder ?

Der unermüdlichen "Nowaja Gaseta" wird 2007 der "Henri-Nannen"-Journalisten-Preis verliehen. Chefredakteur Dmitri Muratow nimmt ihn entgegen. Dmitri Muratow, Chefredakteur "Nowaja Gaseta": "Ich weiß, wem ich heute die Verleihung dieses angesehenen Preises zu verdanken habe, der in Europa zu den wertvollsten und begehrtesten zählt. Und zwar, dem Tod der Kollegen, meiner Freunde. Ich möchte mich nicht beklagen und auch nicht um Schutz bitten. Wir selbst haben es zu unserem Beruf gemacht, diese Zeitung herauszugeben." Mittlerweile sind vier Männer des Mordes an Anna Politkowskaja angeklagt. Ihnen wird im zentralen Militärgericht in Moskau der Prozess gemacht. Stephan Stuchlik: "Da gibt es große Probleme mit den Alibis. Beziehungsweise mit den möglichen Tatzeiten der Leute, die da sitzen. Es gibt Probleme, dass die Biografien möglicherweise nicht passen. Das heißt, ich habe persönlich genauso, wie viele andere Kollegen, große Zweifel daran, dass auf dieser Anklagebank wirklich die Leute sitzen, die für den Mord an Anna Politkowskaja verantwortlich sind. Und selbst, wenn es die Mörder wären, dann stellt sich immer noch die Frage: Wer ist der Auftraggeber?"

Der Anschlag auf Michail Beketow

Auch, wer hinter diesem Anschlag steckt, wird vermutlich nie aufgeklärt. Diesmal ist ein Lokaljournalist das Opfer - Michail Beketow. Er hatte einen Umweltskandal enthüllt, ein geheim gehaltenes Autobahnprojekt. Und sich mit Lokalpolitikern angelegt. Michail Beketow 2007, Journalist: "Das ist politischer Terror und der Auftraggeber ist unserer Bürgermeister. Ich weiß, dass er es war, er hat mir das ja schon persönlich angekündigt. Danke, Herr Bürgermeister, dass es nur mein Auto war. Sie haben mir ja schon mit schlimmerem gedroht. "Das schlimmere traf ein. Ein Mordanschlag vor zwei Monaten direkt vor seinem Haus. Seitdem liegt Beketow im Koma, beide Beine und mehrere Finger wurden amputiert. Nachbarn müssen den Angriff gesehen haben, sagen Freunde, die ihn fanden. Danila Wolkonskij, 2008, Umweltaktivist: "Der lag da in einer riesen Blutlache auf dem Asphalt. Die haben ihm den Schädel eingeschlagen, die Beine verdreht. Er hatte ein Loch in der Brust und die Rippen gebrochen. Und die Nachbarn haben ihn so gesehen und ihn einen Tag so liegen lassen. Die hatten Angst den Überfall zu melden, verstehen Sie, die müssen ja hier weiterleben. "Stephan Stuchlik: "Das ist das Klima gegen das Journalisten, wie Anna Politkowskaja, wie Michail Beketow angekämpft haben. Und Sie müssen sich mal vorstellen, wie viel Courage das kostet, einen einzelnen Menschen in so einem System. Sich allein hinzustellen und zu sagen, wir machen kritische Berichterstattung, obwohl wir wissen, dass es möglicherweise an unser Wohl, an das Wohl unserer Familien und an unser Leben gehen kann."

Steuerung der Medien durch den Kreml

Nach außen ist Russland der anständige Partner. Deutschland feiert stabile Beziehungen und gute Geschäfte. Und obwohl nicht mehr Präsident, ist Wladimir Putin nach wie vor der mächtigste Mann Russlands. Vor kurzem noch geehrt beim Dresdner Opernball. Sie kannte den anderen Putin. Den Bedrohlichen, der von Anfang an die kritische Presse mundtot machen wollte. Anna Politkowskaja (†): "Die Stimmung hat sich grundsätzlich verändert. Unter Jelzin waren wir frei - konnten schreiben was wir wollten. Jetzt haben wir immer Angst, dass diese Ausgabe die letzte ist, dass sie uns schließen. "Der Kreml mischt sich ein. Die Machthaber hier wollen nichts dem Zufall überlassen. Wollen die Medien direkt steuern. Stephan Stuchlik: "Es gibt die berühmte Dienstagskonferenz, in der sämtliche Redakteure sämtlicher wichtigen Zeitungen und Medien in Russland bestellt werden. Nicht direkt in den Kreml, aber in ein kremlnahes Gebäude, wo ihnen die Macht, wie das so schön heißt in Russland, die Regierenden sagen, was sie zu veröffentlichen haben und, wie sie es zu veröffentlichen haben. Olga Kitowa, 2004 : "Ich habe grad das Gefühl, die neueste Geschichte des Landes wird umgeschrieben. Jetzt muss alles sauber sein alles fein, alles ohne Mängel. Kritischer Journalismus wird nicht mehr gebraucht."

Und so ermorden sie hier mutige Kritiker. Anastassija Baburowa war erst 25 Jahre alt, Stanislaw Markelow 34. Immer mehr Tote - und immer weniger Journalisten, die in Russland unbequeme Fragen stellen. Stephan Stuchlik: "Dieser Staat hat kritische Journalisten nicht gerne. Er verfolgt kritische Journalisten auf Umwegen. Und er wird alles tun, um eine wirkliche Aufklärung von Verbrechen an Journalisten zu verhindern. Russland ist, was Journalisten angeht, und ich rede jetzt ganz bewusst auch von russischen Journalisten, ein lebensgefährliches Pflaster. Alles andere wäre eine große Lüge.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 28.01.2009 | 23:00 Uhr

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