Stand: 26.03.2008 23:00 Uhr  | Archiv

Peinliche Erinnerungen - Wie es zu den "Hitler-Tagebüchern" kam

Die Schockmeldung kommt nur zwölf Tage nach der stolzen Präsentation der "historischen Sensation": Die Hitler-Tagebücher komplett gefälscht! Einer der größten Presse-Skandale der deutschen Geschichte: Ausgelöst durch die Gier nach einer Sensations-Geschichte und dem ganz großen Geld. Der "Stern" ermittelt in eigener Sache. Nach wenigen Stunden ist der Tagebuch-Schreiber enttarnt, die Aufarbeitung des Desasters aber dauert Jahre. Von den Verantwortlichen ist 25 Jahre später niemand mehr im Verlag und in der Redaktion tätig. Zapp über die Medienpleite des Jahrhunderts und ihre Hintergründe.

Anmoderation:


Ich sag nur 2 Buchstaben: F H. FH, wie Führers Hund, mmh vielleicht Führer Hitler oder Führer Hauptquartier - alles klar? Natürlich! Die gefälschten Hitlertagebücher, exklusiv vom Stern gekauft und gedruckt. Der wohl größte Presseskandal der Bundesrepublik. Aber irgendwie auch der unterhaltsamste. Mit herrlichen Figuren: Ein Gernegroß-Journalist, Verlagschefs, die den ganz großen Coup wittern und ein Meisterfälscher. 25 Jahre ist das jetzt her. Für Anne Ruprecht und Stephanie Zietz ein willkommener Anlass, noch mal an einen der schönsten aller Presseskandale zu erinnern.

Beitragstext:

Es sollte eine Glanz-Stunde des Journalismus werden. Der Stern, mit seinem Star-Reporter Heidemann, präsentiert der Welt eine Sensation. Die geheimen Tagebücher von Adolf Hitler. Wenige Tage nach der Veröffentlichung - das Desaster: die angeblichen Hitler-Tagebücher - eine Fälschung. Ein journalistischer Offenbarungseid für den Stern. Michael Seufert, ehemaliger Stern-Redakteur: "Blindheit, Blindheit und die Sucht nach dem großen Geld." Michael Seufert hat das Fiasko damals für den Stern aufgearbeitet und nun 25 Jahre später veröffentlicht. Der Skandal um die Hitler-Tagebücher.

Gerd Heidemann - ein "Spürhund" mit seltsamen Vorlieben

Hauptfigur: Der Journalist Gerd Heidemann. Er hatte die Tagebücher aufgespürt. Beim Stern gilt er als Spitzen-Reporter, als knallharter Rechercheur. Sein Spitzname: der Spürhund. Problematisch aber: sein Hang zum Nazi-Kult. Jahre zuvor hatte er sich verschuldet, um die ehemalige Yacht von Herrmann Göring, die Carin II, zu kaufen. Die will Heidemann wieder gewinnbringend weiterverkaufen. Doch er findet keinen Interessenten. Michael Seufert: "Heidemann ist immer tiefer in Schulden versunken und er hat auf dieser Yacht sich getroffen mit alten Nazi-Größen - SS-Generälen und dergleichen. Und ist immer tiefer, ja in diesen braunen Sumpf geraten."

Heidemann gerät an Kujau

Über braune Militaria- Freunde gelangt Stern-Reporter Heidemann schließlich an Militaria- Händler Konrad Fischer - der in Wirklichkeit Konrad Kujau heißt. Kujau erzählt von einem Flugzeugabsturz in den letzten Kriegstagen. An Bord dieser Maschine: angeblich über 20 geheime Tagebücher von Hitler. Jetzt an einem geheimen Ort in der DDR gebunkert. Kujau könne die Bücher besorgen. Für 150.000 Mark pro Stück. Heidemann fährt sofort nach Börnersdorf bei Dresden. Der Spürhund beißt an. Recherchiert und findet die Absturzstelle. Michael Seufert: "Das galt sozusagen als Beweis, dass die Tagebücher existieren. Tatsächlich hat es überhaupt nichts bewiesen, nur, dass die Maschine abgestürzt ist und die Leute ums Leben gekommen sind."

Heidemann und Walde umgehen die Chefredaktion

Die geheimen Gedanken des toten "Führers", Heidemann ist wie elektrisiert. Hitlers Tagebücher wären die Sensation und für den Reporter die Chance, endlich seine Schulden loszuwerden. Dabei soll ihm Thomas Walde helfen, Ressort-Leiter "Zeitgeschichte" beim Stern. Die beiden umgehen jedoch die Chefredaktion. Sie informieren allein die Verlagsleitung. So entscheiden nicht Journalisten, sondern Kaufleute, wie der Verlagschef, über das journalistische Großprojekt. Gerd Heidemann, ehemaliger Stern-Reporter (2003): "Dann sagte er, Heidemann, was brauchen Sie an Geld, das kriegen Sie von uns. Denn - und der Stern interessiert mich überhaupt nicht." Denn der Verlagsspitze geht es nicht um ein Magazin in Deutschland - sie wittert das Millionengeschäft weltweit. Hitlertagebücher als Bestseller. Eilig werden Exklusiv-Verträge mit Ressort-Chef Walde und Reporter Heidemann abgeschlossen. Die beiden Journalisten sollen die Geschichte liefern und am großen Geschäft beteiligt werden. Michael Seufert: "Das ist eine klassische Interessenkollision. Wenn die ihren Job richtig gemacht hätten und von Anfang an kritisch geprüft hätten, dann wären sie, wäre der Traum vom großen Geld ausgeträumt gewesen."

Journalisten im Rausch

Geblendet vom Geld verzichten sie sogar auf Basis-Recherchen. Überprüfen nicht mal ihre Quelle, den polizeibekannten Betrüger Konrad Kujau. So kann der Fälscher ungestört produzieren. 60 Bände Hitler-Schwulst sind es am Ende. Konrad Kujau: "Ich muss Ihnen sagen, ich fühlte mich die letzte Zeit schon direkt als Hitler - ich war Hitler!" Und der Meisterfälscher schreibt gnadenlos ab aus Zeitdokumenten, dichtet munter dazu und liefert was gewünscht ist. Heidemann und Verlagsleiter Fischer im Rausch. Gerd Heidemann: "Wir guckten das ehrfurchtsvoll an, Herr Dr. Fischer selbst hat vor Gericht gesagt, ihm liefen Schauer über den Nacken und, nicht, von Hitler so’n Ding in der Hand, nich." Barbara Dickmann, ehemals Stern- TV (2003): "Das war ein Männerbund! Und wenn, wenn sie gesehen hätten, mit welcher Heimlichtuerei mit diesem Material umgegangen wurde - wie eine Reliquie!"

Widersprüche nicht recherchiert

Zweifel kommen da kaum auf. Beim Stern will man fest an die Echtheit glauben. Selbst als Widersprüche auftauchen. Gerd Heidemann: "Das hab ich dann sofort Walde gemeldet, hab gesagt: Du, ich hab da zwei Fehler gefunden in den Tagebüchern und das und das. Und da sagte Walde: Ja, merk dir mal so was, das hauen wir dem Arsch dann später alles um die Ohren - mit Arsch meinte er Adolf Hitler." Nicht die Tagebücher waren verdächtig - sondern Hitler falsch informiert. Michael Seufert: "Die haben ne Menge recherchiert, aber sie haben jeden Hinweis, der kam, dass Unsinn in den Tagebüchern steht, wegargumentiert." So auch bei den goldenen Initialen auf dem Einband. Die - eindeutig falsch. Statt A H, für Adolf Hitler, prangt dort F H. Eine Erklärung wird auch hier flugs serviert: Selbst der Führer hätte sich darüber schon aufgeregt.

Kujau linkt selbst Schriftexperten

Ein bisschen geprüft wird dann aber doch beim Stern. Schriftexperten sollen einen Tagebuchausschnitt mit anderen Schriftproben von Hitler vergleichen. Ihr Urteil, wie vom Stern erwartet: die Tagebücher sind echt. Kenneth W. Rendell, Schriftexperte (2003): "Aber Heidemann hatte die Experten zum großen Teil mit Proben versorgt, die von Kujau stammten. So wurden Fälschungen mit Fälschungen verglichen." Handwerkliche Fehler, Sensationslust, Profit-Gier. Die Katastrophe programmiert.

Nach dem Rausch der tiefe Fall

Am Ende geht alles ganz schnell: Unabhängige Experten finden Weißmacher im Papier und Nylon im Einband - das gab es eindeutig erst nach dem Krieg. Die Tagebücher sind zweifellos gefälscht. Der Stern hat am Ende also über 9 Millionen Mark für Altpapier ausgegeben. Eine Katastrophe für das Blatt:. Henri Nannen, Stern-Herausgeber (1983): "Ich meine, wir haben Grund, uns vor unseren Lesern zu schämen, dass uns das passiert ist. Und das einzige, was mich tröstet ist, es ist der erste Fall, indem uns so etwas passiert ist."

Heidemann und Kujau im Knast - die Presse verliert Glaubwürdigkeit

Der Fall hat auch ein juristisches Nachspiel. 1985 verurteilt das Hamburger Amtsgericht den Fälscher Konrad Kujau zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Auch der Reporter Gerd Heidemann muss hinter Gitter. Ein Teil des Geldes ist weg. Er soll es abgezweigt haben. Michael Seufert: "Natürlich sind wir auch reingelegt worden, aber wir hätten das merken müssen. Denn wir, es war ja so, dass wir nach Aufdeckung der Fälschung sehr schnell recherchiert haben und sehr gut recherchiert haben und je besser wir waren, umso dämlicher standen wir da." Die vermeintliche Stern-Stunde - am Ende ein peinliches Debakel. Die Presse verliert an Glaubwürdigkeit, pure Gier hatte journalistische Grundregeln verdrängt - sicher nicht zum letzten Mal.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.03.2008 | 23:00 Uhr

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