Stand: 20.08.2008 23:00 Uhr Archiv

Unnatürlich: Girlies mit Wespentaille dominieren Kinderfernsehen

Die kindliche Bibi Blocksberg, die pausbäckige Heidi - so sahen sie einmal aus, die Zeichentrick-Mädchen im Kinderfernsehen. Und heute: Superschlank wie in "Horseland"; mit überlangen Beinen wie im "Winx Club", mit Wespentaille wie in "Kim Possible" - die Comic-Heldinnen sind grotesk überzeichnet: sexy und superschlank, stylish und magersüchtig. Falsche Vorbilder für junge Mädchen. Zapp über einen ungesunden Trend im Kinderfernsehen.

Anmoderation:

Sex sells - die alte Weisheit gilt auch heute noch, allerdings nicht im Printbereich. Dort fallen die Auflagen von Schmuddelheften seit Jahren. Im Fernsehen dagegen geht die Rechnung anscheinend auf, und das nicht nur bei Erwachsenen. In den beliebtesten Kinderprogrammen setzen die Macher immer stärker auf sexuelle Reize bei den Superheldinnen. Kathrin Becker über fragwürdige Vorbilder in der Zeichentrick- und Comicwelt

Beitragstext:

Heile Welt im Zeichentrick. Ausschnitt "Heidi": "Clara, schau mal, ein Schmetterling, da fliegt er." Wo die Blumen blühen, die Sonne scheint und wo die Mädchen noch wie Mädchen aussehen. So wie Heidi oder Bibi. Heldinnen des Kinderfernsehens und Abbild ihrer Zuschauerinnen. Kinderfernsehen eben. Elke Schlote, Institut für Kinderfernsehen: "Bei den Figuren Bibi Blocksberg oder auch Heidi Blocksberg sehen wir, dass es ganz typische Kinderfiguren sind, die haben so einen ganz geraden Körper, die haben keine Übersexualisierung in irgendeiner Weise."

Viel zu dünne Mädchen

Doch kindliche Proportionen, das war einmal. Wer heute auf dem Zeichentrickmarkt Furore machen will, braucht mindestens Modelmaße: Lange Beine, eine schmale Taille, wehendes Haar - möglichst sexy sollen sie aussehen, so wie die Figuren aus "Winx Club". Ausschnitt aus "Winx Club" (Nick): "...und er hatte auch Flügel und sind wir gemeinsam zu seiner Luxusvilla in den Wolken geflogen!" "Das ist gar nichts gegen meinen Traum. Ich habe eine Luxusvilla in ein Hightech-Aufnahmestudio umfunktioniert." Vor zehn Jahren schwappte die Welle der Magermädchen ins deutsche Kinderfernsehen. Jetzt hat das "Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen", kurz IZI, die Körper von 102 Zeichentrickfiguren vermessen - mit deutlichen Ergebnissen. Elke Schlote: "Es gibt da ja auch so medizinische Maße, diese Waist-Hip-Ratio, das Verhältnis zwischen der Hüfte und der Taille, und da gibt es halt sozusagen ein Maß, was gesund ist, also was für ganz normale Menschen gesund ist, und zwei von drei Mädchenfiguren in Zeichentrickprogrammen weltweit, unterbieten diesen Wert. Was bedeutet, dass die halt einfach viel, viel zu dünn sind und eine viel zu starke Wespentaille haben, und auch viel zu lange Beine."

Deformierte Zeichentrickheldinnen

Von japanischen Mangas inspiriert - Ausschnitt aus "Totally Spies" (Super RTL): "Hallo, ich bin Shirley. Willkommen in meiner Welt des Schmerzes." "Totally Spies": Riesenhaft, superdünn - der Bildschirm wird zum Laufsteg. Ausschnitt aus "Totally Spies" (Super RTL): "Ich gebe übrigens am Samstag zur Enthüllung eine Premieren-Poolparty. Da kommen nur die allercoolsten Leute hin. Du und Sam, ihr kommt doch beide..." Elke Schlote: "Wenn das jetzt reale Figuren wären, dann wären die etwa 2,20m groß, hätten sozusagen überhaupt keine inneren Organe mehr, Atemprobleme, Osteoporose und müssten sich ein, zwei Rippen raus operieren lassen, um überhaupt diese Körpermaße erreichen zu können."

Superfrau Kim Possible

Ausschnitt aus "Kim Possible" (Super RTL): "Du kennst die Mantes-Technik?" "Kennen würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Ich hab mich mal daran versucht." "Na, zeig es mir." "Was? Hier und jetzt? Na ja, ich weiß ja nicht!" "Wir sehen uns, Kim Possible." Kim ist Superspionin, trägt mit Vorliebe bauchfrei. Die Zielgruppe: 6 - 13-Jährige. Frank Klasen, Redakteur "Super RTL": "Wir haben bei der Programmentscheidung ehrlicherweise nicht das Zentimetermaß zur Hilfe genommen, das heißt, der Body Mass Index ist wahrscheinlich ein kleines bisschen weniger, aber man kann jetzt nicht davon sprechen, dass Kim Possible eine Wespentaille hat." Keine Wespentaille? Ansichtssache.

Schönheitswahn im Zeichentrick

Ausschnitt aus "Winx Club" (Nick): "Frag gar nicht erst. Wir kommen natürlich mit!" "Du weißt, du kannst immer auf uns zählen! Wir sind für dich da!" Auch bei "Winx Club": Glitzer, Glamour, dicke Schminke. Die Superheldinnen des Kinderfernsehens müssen vor allem eins sein: Sehr schön. Elke Schlote: "Es wird ja einem auch als Ideal dann vorgestellt, also diese Mädchen sind ja auch deswegen attraktiv, weil sie stark sind, weil sie toll sind, weil sie in einer tollen Mädchengruppe sind mit tollen Freundinnen. Und das ist natürlich ein Ziel, was dann auch Mädchen gerade im Jugendalter dann auch stark haben." Janine Weigold, Redakteurin "Nick": "Ich würde es aber jetzt nicht unbedingt als wahnsinnig kritisch sehen. Also, vor allem auch, wenn man dann auch einfach sieht, wir sind ein 24-Stunden-Sender, wir haben ganz, ganz viele andere Programme, die eher den Schwerpunkt auf sozialkritische Themen richten." Sozialkritik im Zeichentrick? Nicht immer ist das leicht zu erkennen. Ausschnitt aus "Horseland" (KI.KA): "Wie sehe ich aus? Wie sehe ich aus? Da können wir wirklich nicht mithalten". Die Serie "Horseland" zeigt vor allem eines: Grotesk überzeichnete Kindfrauen. Sebastian Debertin, Redakteur "KI.KA": "Ich glaube, Serien wie Horseland, die Kindern eben auch versuchen Bewegung zu vermitteln, hier mittels einer Pferdeserie, also Kinder auf Pferderücken, dass diese Serien eben dann teilweise im Design auch sich auch sich in diese Schlankheitsrichtung bewegen, das mag man so konstatieren, wir versuchen das aber auch mit anderen Programmen auszugleichen."

Mehr Freiheit in Jungs- Darstellung

Die Jungs im Kinderfernsehen dürfen auch mal anders sein. Elke Schlote: "Bei den Jungs finden wir sozusagen eine Brandbereite von sehr dicken, rundlichen Jungs, die auch ihre Berechtigung haben, bis hin zu normalen Jungs, die ja typisch aussehen, bis hin zu diesen sehr männlichen, übersexualisierten Jungen. Was bedeutet, dass der halt so diese V-Form hat, mit der extrem breiten Schulter und auch extrem schmalen Hüften. Wobei das eine Form ist, die zwar auftritt, aber eben nicht ausschließlich auftritt."

Kinderserien aus den USA

Ausschnitt aus "Winx Club" (Nick): "Gut, dann machen wir das gemeinsam." Schlanke Heldinnen wohin man schaut: Sie prägen das neue Rollenbild. Weltweit, mit der immer gleichen Optik. Frank Klasen: "Wir haben ja keinen Einfluss auf die Produktion einer solchen Serie. Die deutschen Kinderprogramme, die hier dargeboten werden, kommen zu 50 Prozent aus dem nordamerikanischen Raum, und sind auch Kaufwaren." Elke Schlote: "Das Problematische daran ist, dass sie halt immer mit dieser Schönheit gekoppelt sind, also dieses Aussehen und diese Superkräfte gehen, nicht nur bei Winx Club, sondern auch bei Witch und anderen Sendungen, einfach immer miteinander einher. Was bedeutet, dass sozusagen dieser Fehlschluss daraus gezogen werden könnte, man kann nur stark sein, wenn man auch schön ist."

Abmoderation:

Ungeschönt und gerade deshalb stark und sexy - unser Programm kommende Woche Mittwoch 23 Uhr, wie immer. Es wäre schön, wenn Sie dann auch wieder dabei sind - wir sind es auf jeden Fall. Für heute war es das. Danke fürs Zuschauen und Tschüss!

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.08.2008 | 23:00 Uhr

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