Stand: 27.08.2008 23:00 Uhr  | Archiv

Verstrickt - Alte Stasi-Seilschaften agieren noch immer im Medienbetrieb

Er war Hauptmann der Stasi. Heute ist er Sportreporter. Ein anderer war Stasi-Spitzel. Heute ist er Chef eines Mediendienstes. Ihre Verstrickung in die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit hat ihrer Karriere keinen Abbruch getan. Heute erscheinen ihre Artikel in der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Das haben Recherchen von Hans-Jürgen Börner ergeben. Der ehemalige ARD-Korrespondent in der DDR hat sich 20 Jahre danach auf Spurensuche begeben. Er wollte mit jenen sprechen, die ihn damals bespitzelt hatten. Sein Film "Meine Stasi" ist ein erschütterndes Dokument. Zapp über unerwünschte Recherchen und alte Seilschaften, die im Medienbetrieb überlebt haben.

Anmoderation:

Lügen in Zeiten des Krieges, doch nicht nur da. Auch in der ehemaligen DDR wurde in den Medien gelogen, die Öffentlichkeit bewusst betrogen. Wahrheitsgetreue Berichterstattung - Fehlanzeige, Bespitzelung und Beschattung - die Regel. Das haben vor allem jene zu spüren bekommen, die die Nachrichten über die Mauer trugen - die ausländischen Korrespondenten nämlich. Sie wurden systematisch von der Staatssicherheit überwacht. Heute, selbst 20 Jahre später, agieren manche Stasiseilschaften noch immer im Medienbetrieb. Diese bittere Erfahrung musste jetzt auch der ehemalige ARD-Korrespondent in Ostberlin, Hans-Jürgen Börner machen. Er hat sich auf eine persönliche Spurensuche begeben und dabei Erstaunliches herausgefunden. Anke Jahns über einen, der, die zur Rede stellt, die ihn zu DDR-Zeiten überwacht haben.

Beitragstext:

Ein Journalist liest seine Akte. 1800 Seiten, die Stasi-Akte von Hans-Jürgen Börner. Als DDR- Korrespondent der ARD, wurde er zum operativen Vorgang "Titus". Doch, wer waren die Spitzel? Hans-Jürgen Börner, ehemaliger DDR-Korrespondent der ARD: "Wie war das mit meinen Stasispitzeln? Wer hat was gemacht? Das habe ich versucht rauszubekommen und lege dieses sozusagen 20 Jahre danach vor." Denn vor 20 Jahren war Börner ARD-Korrespondent in der DDR - bespitzelt, drangsaliert, manipuliert. Er war unerwünscht: "Finger weg vom Kabel! Finger weg vom Kabel!"

Börner konfrontiert Ex- Stasi- Hauptmann mit Vergangenheit

Im Stasi-Archiv findet der NDR-Redakteur die Klarnamen der Drahtzieher. Drei Offiziere waren auf Börner angesetzt. Zwei sind tot, einer lebt noch: Hauptmann Manfred Mohr. Hans-Jürgen Börner: "Der war einer von drei Hauptleuten. Ein hohes Tier, wie man salopp sagen kann, der zu seinen Aufgaben zugewiesen bekam, bestimmte Journalisten zu beobachten. Und dazu gehörte ich. Dossiers schreiben und die Aktionen gegen mich steuern, das war der Job von Manfred Mohr." Manfred Mohr, ein Journalist. Börner konfrontiert den Stasi-Spitzel in Zossen. Hans-Jürgen Börner fragt Manfred Mohr: "Kennen Sie diese Akte?" Manfred Mohr, ehemaliger Stasi-Hauptmann: "Nein." Hans-Jürgen Börner: "Doch! Sie haben sie doch unterschrieben." Manfred Mohr: "Herr Börner, ich sagte, ich stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Bitte seien Sie so nett und nehmen Sie das bitte zur Kenntnis." Hans-Jürgen Börner: "Nee, das kann ich nicht zur Kenntnis nehmen. Wir müssen uns erst mal hier über dies unterhalten." Manfred Mohr: "Ich hab Ihnen schon gesagt, das ist Ihre Auffassung der Dinge und ich habe meine. Und für mich ist das 20 Jahr her und die Sache ist für mich abgeschlossen. Und ich stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Guten Tag!" Hans-Jürgen Börner: "Nee, Sie können doch nicht einfach der Vergangenheit ausweichen. Herr Mohr, das können Sie nicht machen. Das geht nicht!" Hans-Jürgen Börner kommentiert diese Szenen mit Herrn Mohr: "Ja, dreist, frech, geschult wie früher. Für mich hatte sich an diesem Tag im Mai des Jahres 2008 nichts verändert, es war ein Sprung in die Vergangenheit. Er ist mit mir so umgegangen, wie sie es früher auch taten. Zunächst souverän, cool, bestimmt. Da ist mit Mohr gar nichts zu machen. Der hat im Kopf keine Wende vollzogen, der hat nur seinen Job, seinen journalistischen Job, in irgendeiner Form erhalten können."

Zossen im Jahr 19 nach der Wende

Hier in der Lokalredaktion Zossen arbeitet der ehemalige Stasi-Hauptmann heute. Er flüchtet vor seinem Opfer Börner. Kaum ist Mohr an seinem Arbeitsplatz, soll Börner offenbar das Drehen in Zossen verboten werden. Hartwig Ahlgrimm, stellvertretender Bürgermeister Zossen: "Wenn Sie Filmaufnahmen im öffentlichen Verkehrsraum machen..." Hans-Jürgen Börner: "Ja, dreh ich, was ich will!" Hartwig Ahlgrimm: "Nein, dann bedarf das einer Genehmigung, wenn..." Hans-Jürgen Börner: "Da irren Sie!" Hartwig Ahlgrimm: "Dann bedarf das einer Genehmigung..." Hans-Jürgen Börner: "Sie irren." Hartwig Ahlgrimm: "...im öffentlichen Verkehrsraum." Hans-Jürgen Börner: "Sie irren." Hartwig Ahlgrimm: "Na gut, wir wollen uns jetzt nicht hier. Ich würde Sie bitten, sich auszuweisen." Hans-Jürgen Börner: "Nein." !" Hartwig Ahlgrimm: "Nicht? Ok! Und von welcher Institution sind Sie?" Hans-Jürgen Börner: "Norddeutscher Rundfunk Hamburg." Hartwig Ahlgrimm: "Norddeutscher Rundfunk Hamburg." Hans-Jürgen Börner: "Ich kann Ihnen meine Karte geben." Hartwig Ahlgrimm: "Ja, würde ich Sie bitten." Hans-Jürgen Börner: "Ja, aber ich überlege mir das. Wissen Sie, das erinnert mich sehr stark an die Deutsche Demokratische Republik." Hartwig Ahlgrimm: "Ob Sie das, das interessiert mich..." Hans-Jürgen Börner: "Das interessiert Sie gar nicht? Dann möchte ich erst mal Ihren Ausweis sehen. Wer sind Sie denn?" Hartwig Ahlgrimm: "Ich hab hier meine Visitenkarte, meinen Ausweis hab ich oben." Hans-Jürgen Börner: "Ja." Hartwig Ahlgrimm: "Ich hab hier meine Visitenkarte, bitte." Hans-Jürgen Börner: "Sie haben doch gar nicht, Sie haben doch gar nicht die Berechtigung uns hier, wir sind in einem öffentlichen Raum und wir drehen, was uns vor die Linse kommt." Hartwig Ahlgrimm: "Nein." Hans-Jürgen Börner kommentiert diese Szenen mit Herrn Ahlgrimm: "Also, hier denken Sie ja wirklich, sie sind im Kino. Eine groteske Situation, die aber schlaglichtartig deutlich macht, dass eben in manchen Teilen auf dem Territorium der ehemaligen DDR, sich nichts geändert hat." Denn ein stellvertretender Bürgermeister weiß nicht, wie freie Presse funktioniert und ein ehemaliger Stasi-Offizier weicht unbequemen Fragen aus.

Stasibelastete Journalisten bei einer Medienagentur

Hier arbeitet er: Bei der "Märkischen Allgemeinen" in Zossen als Sportreporter. "Achtbar verkauft", heißt einer seiner Artikel, die Fotos macht er auch. Mohr ist freier Mitarbeiter und zwar bei einer Presseagentur, die die "Märkische Allgemeine" mit seinen Artikeln beliefert. Der Chef dieser Agentur hat die DDR erlebt, hat dennoch kein Problem mit der Stasi. Bolko Bouché, Chef von Manfred Mohr: "Äh, ich bin aber als, ja, DDR- treuer Bürger aufgewachsen. Insofern ist die Staatssicherheit für mich in keiner Weise irgendwie reglementierend eingetreten. Und deshalb habe ich damit auch ein geringeres Problem als manche andere wahrscheinlich." Hans-Jürgen Börner: "Und sonst auch keine anderen Erfahrungen mit der Staatssicherheit?" Bolko Bouché: "Nein." Eine glatte Lüge. Denn Bolko Bouché war IM "Alexander" - er war Spitzel genau wie sein heutiger Mitarbeiter Mohr. Nach der Lüge jetzt die Rechtfertigung. Bolko Bouché, ehemaliger IM "Alexander": "Es war nämlich vorgesehen, dass ich mich nach dem Studium absetzen sollte in den Westen, um dort in einer Zeitung oder wie auch immer, zu arbeiten. Möglichst schnell Karriere zu machen. Ich habe in dieser Zeit auch Berichte über Leute geschrieben." Heute schreiben Bouché und Mohr andere Berichte: Zwei Stasi-Leute im Medienbetrieb. Ihre Agentur macht für die "Märkische Allgemeine" die Lokalsportseiten für 478 Tausend Euro im Jahr.

"Stasi in die Produktion"?

Ein Monopolblatt in Brandenburg, das indirekt frühere Stasispitzel beschäftigt. Hans-Jürgen Börner: "Ein Stasi-Offizier, Hauptmann, ziemlich wichtig, in der damaligen DDR. Haben Sie ein Problem damit?" Lothar Mahrla, stellvertretender Chefredakteur "Märkische Allgemeine": "Wir haben zum einen, das hab ich ja schon betont, keinen arbeitsrechtlichen Zugriff. Ein Problem haben wir schon damit. Auf der anderen Seite ist 1989 auf den Straßen der Ruf skandiert worden: "Stasi in die Produktion!" Die Herren und Damen müssen ja irgendwo bleiben." Die "Märkische Allgemeine" gehört zum Verlag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dort kein Interview für Zapp. In einer E-Mail teilt die "FAZ" lediglich mit, "...dass dem Gespräch, das Sie bereits mit Herrn Lothar Mahrla, stellvertretender Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen, hatten, nichts mehr hinzuzufügen ist." So arbeiten Stasi-Spitzel als Journalisten. Hans-Jürgen Börner: "Die Ausbildung mag ja handwerklich gut gewesen sein in der DDR, die Leute die dort Journalismus studiert haben, beherrschen ihr Fach. Wer sich so hat aber missbrauchen lassen und in einem Bereich journalistisch, und jetzt sag ich es in Tüttelchen, tätig war, das mit Bespitzeln besser beschrieben ist, na ja, der sollte nie wieder diesen Beruf ergreifen." Journalisten und die Stasi - diese Akte darf auch 20 Jahre danach nicht geschlossen werden.

Abmoderation:

"Meine Stasi" - diese beeindruckende Spurensuche von Hans-Jürgen Börner läuft am kommenden Montag, den 1. September um 23 Uhr hier im NDR Fernsehen. Sollten Sie nicht verpassen! Es lohnt sich auf jeden Fall! Übrigens: Hans-Jürgen Börner geht Ende des Monats in den unvermeintlichen Unruhestand. Wir wünschen ihm alles Gute und uns, dass er sich weiter kritisch zu Wort meldet.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 27.08.2008 | 23:00 Uhr

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