Stand: 26.07.2006 23:15 Uhr  | Archiv

Fotojournalismus als Volkssport

 

Jeder darf sich Journalist nennen. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Das war schon immer so. Neu aber ist: Viele, die eigentlich nicht als Journalisten ihr Geld verdienen, arbeiten plötzlich als solche - im Nebenjob. Mobiltelefone machen aus Augenzeugen Fotoreporter, im Internet sind anonyme Leser längst Autoren. Die Zeitungen wollen mit ihren "Leserreportern" eine neue Blattbindung schaffen. Und der Boulevard zahlt sogar ein Kopfgeld für die besten "Abschüsse" von Prominenten, druckt die "gelungensten" Unfallfotos. Kritiker sehen die journalistischen Werte in Gefahr - das Handwerk und die Quellenprüfung werden ad absurdum geführt. Zapp über den neuen Volkssport der privaten Paparazzi.

Er ist Zeitungsleser. Jeden Tag liest Michael Ellersdorfer die "Saarbrücker Zeitung". Ein Zufall machte den Sanitärinstallateur zum Zeitungsreporter. An diesem umgefallenen LKW war er vorbeigefahren. Mit seinem Handy machte er ein Foto und schickte es an die Saarbrücker Zeitung. Tatsächlich: Am nächsten Tag war es drin. Von "Leser-Reporter Michael Ellersdorfer". Michael Ellersdorfer, Leser-Reporter: "Hat mir gut gefallen das Foto. Und dass mein Name auch dabei steht." Die "Saarbrücker Zeitung", Pionierin des Mitmachjournalismus in Deutschland. Seit Anfang des Jahres fordert sie ihre Leser jeden Tag auf, bei der Zeitung mitzumachen: "Werden Sie unser Leser-Reporter", wer einen "Großbrand, Megastau oder Banküberfall" beobachtet, soll nicht die Polizei, sondern die Presse alarmieren. Peter Stefan Herbst, Chefredakteur "Saarbrücker Zeitung": "Uns ist dabei wichtig, dass wir Nachrichten früher bekommen, als wir sie bisher haben. Viele Brände sind bereits gelöscht, wenn wir die Information von der Feuerwehr haben. So nutzen wir die Leser, und die Leser beteiligen sich auch ganz gerne, indem sie uns informieren und wir sozusagen aktuelle Fotos von einem Großbrand oder von einem schweren Verkehrsunfall haben."

"Geht nicht ums Sparen"

Hans Kleinsteuber, Professor für Medienwissenschaft: "Die massive Aufforderung an die Bürger, doch mitzumachen, hat sicherlich mit der Krise der Zeitungen zu tun, die sowohl von der Auflage wie von den Werbeaufnahmen stagnieren oder sogar rückläufig sind. Und im Ergebnis versucht man eben die Leser in neuer Form für die Zeitung zu interessieren und an die Zeitung zu binden. Da ist es naheliegend, dass man den Lesern suggeriert, dass sie selbst ein bisschen die Rolle des Journalisten, die ja eigentlich eine sehr attraktive und nachgefragte Rolle in unserer Gesellschaft ist, übernehmen dürfen." Über 1.500 Hinweise hat die Redaktion ihren Lesern zu verdanken. 200 Geschichten haben es ins Blatt geschafft, nicht nur Unfälle, alles, was aufregt. "Das ist ein großes Thema momentan, wozu wir gerade auch viele Hinweise bekommen." Peter Stefan Herbst: "Egal, ob uns ein Politiker, ein Unternehmer oder halt eben ein Leser etwas sagt, wir recherchieren alles nach. Und alle Angaben von Leserreportern werden selbstverständlich auch nachrecherchiert. Dort läuft nichts ohne eine Prüfung oder eine Nachrecherche ins Blatt." Die Leser-Reporter bekommen kein Geld für ihren Job. Der Zeitung geht es aber angeblich nicht ums Sparen. Peter Stefan Herbst: "Wir möchten mit Honoraren nicht die Leser dazu animieren, dass sie Rettungskräften im Weg stehen oder sich selbst in Gefahr begeben."

Jagd auf Promis

Sorgen, die die "Bild"-Zeitung nicht teilt. Ihren "Bild"-Leser-Reportern zahlt sie 500 Euro für jedes Foto. Täglich druckt sie gleich mehrere ab. Hans Kleinsteuber: "Im allerschlimmsten Falle kann man sich sogar vorstellen, dass Menschen so verquer denken, dass sie selbst die Unfälle oder Katastrophen erst schaffen, die sie dann ablichten, um damit Geld zu verdienen." Dramatische Unfallbilder, wütende Flammen - das ist längst nicht alles, worauf die "Bild"-Leser-Reporter lauern. Sie "erwischen" die Polizei mit Handy am Steuer. Sie passen auf, wenn ein Beamter ein "Kind ohne Helm auf einem Polizei-Motorrad" spazieren fährt. Besonders toll findet die "Bild" bekanntlich die Jagd auf Promis. Ihre Leser richtet sie als Paparazzi ab: "Hat ein Prominenter in Ihrer Gegenwart in der Nase gebohrt?", "Blitzte für Sekunden der Busen eines prominenten Stars unter der Bluse hervor?". "Bild"-Leser haben Veronika Ferres mit ihrem Mann im Visier. Und ertappen Harald Schmidt mit Bart, wie er ein Eis isst. Stefan Niggemeier, "bildblog.de": "Wahrscheinlich ist es für Prominente ohnehin schon anstrengend, dass sie im Grunde immer beobachtet werden und dass sie nie einen Ort haben, wo sie einfach mal sitzen können und privat sind. Dass man jetzt die Leser animiert und sagt gerade in diesen Situationen: "Fotografiert sie!", ist eine Vorstellung, die irgendwie nicht angenehm ist. Und wo ich auch glaube, dass Prominente ein Recht darauf haben zu sagen: Nee, hier ist jetzt irgendwie Schluss und hier sitze ich mit meinem Freund, oder wem auch immer, und möchte dabei nicht beobachtet werden."

"Ausdruck einer zynischen Gesellschaft"

Dass jetzt irgendwie Schluss ist, findet auch David Odonkor, den ein "Bild"-Leser-Reporter angeblich beim Urinieren auf einem Parkplatz erwischt hat. Genauso wie Lukas Podolski am Strand. Beide haben über ihren Anwalt Unterlassungserklärungen gefordert. Persönlichkeitsrechte in Gefahr. Wie auf diesem Unfallbild, das wir nicht ganz zeigen. Auf dem in "Bild" abgedrucktem Original sind verletzte Unfallopfer mit entblößten Oberkörpern zu erkennen. Hans Kleinsteuber: "Dort liegen Schwerverletzte und wenn der erste Impuls eines Menschen, der da vorbeikommt, ist: Oh, ich mache Fotos davon, dann ist das irgendwie auch Ausdruck einer zynischen kalten Gesellschaft. Es ist für meine Begriffe auch rechtlich nicht zulässig, weil der natürlich eine Verpflichtung zur Hilfe und zum Beistand hat."

Der Tsunami in Südostasien im Dezember 2004: Viele Touristen hatten eine Kamera dabei. Ihre Aufnahmen haben die plötzliche Naturkatastrophe dokumentiert - tausendfach und weltweit. Die ersten Momente nach den Attentaten in der Londoner U-Bahn vor einem Jahr: Amateure haben alles auf ihren Handys festgehalten. Ein Mobiltelefon macht aus einem Augenzeugen einen Fotoreporter. Und das Internet aus anonymen Lesern Autoren. Bei der "netzeitung" zum Beispiel, im Ressort "Readers Edition", veröffentlichen ausschließlich Leser ihre Artikel. Michael Maier, Chefredakteur "netzeitung.de": "Ich glaube, dass es heute keine Trennung mehr gibt zwischen Journalisten und Rezipienten. Es gibt nicht mehr diese Glaswand, hinter der die Journalisten stehen und die Welt erklären, sondern das hat sich vermischt, das hat sich verändert. Und darauf wollten wir reagieren, weil wir glauben, dass das Medium, das technologische Medium Internet, dafür die ideale Plattform bietet."

Harter Journalismus?

200 Leser-Autoren schreiben regelmäßig für die "Readers Edition". Sie machen Interviews zum Beispiel mit Günter Wallraff über die "Bild". Oder schildern, wie Verbraucherschützer gegen iTunes vorgehen. Die Redaktion der "netzeitung" will ihren Leser-Autoren mehr als ein Forum oder Blog bieten. Die "Readers Edition" soll harter Journalismus sein. Michael Maier: "Das Entscheidende ist, es gibt eine Moderatorenebene. Das ist etwa ein Dutzend freiwilliger ehrenamtlicher Moderatoren, die die Texte redigieren, kontrollieren, auf Qualität achten. Das heißt, da kann nicht jeder etwas reinstellen, sondern es wird schon nachkontrolliert." Hans Kleinsteuber: "Bei der "netzeitung" zum Beispiel, sind es Moderatoren wie es heißt, unabhängige Nutzer, die die Auswahl treffen und nicht professionelle Journalisten. Ich sehe nicht, dass die in jedem Fall erkennen können, ob ein Bericht wahrhaftig ist, ob die Quellen stimmig sind, ob die Informationen als solches den harten journalistischen Kriterien genügen können."

Keine Trennung zwischen PR und Journalismus

Ein Beispiel: Ein schwärmerischer Artikel über die kleine Conny, die den Hit "Pack die Badehose ein" neu eingesungen hat. Das Problem aber: Der Autor Uwe Fiedler ist ein Freund der Familie. Die Moderatoren weisen zwar darauf hin "Dieser Text wirbt für die CD der kleinen Conny". Dennoch: Der Werbetext steht im redaktionellen Teil. Die Trennung zwischen PR und Journalismus - mehr als schwammig. Michael Maier: "Wenn es ein guter PR-Agent ist und der hat einen wirklich guten Text geschrieben, so what? Dann kann man den ja auch veröffentlichen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Zeitungen ihre Buchbesprechungen einfach aus den Klappentexten abschreiben, ohne dass es dem Leser jemals mitgeteilt wird. Es geht um die Qualität der Texten und wenn die gut sind, dann soll sie der PR-Agent geschrieben haben."

"Revolution ausrufen"

Unabhängiger Journalismus - bei der "Readers Edition" offensichtlich nicht gefragt. Als sei es geradezu selbstverständlich werden Werbung und journalistische Arbeit gleichgesetzt. Das aber würde das Ende eines Handwerks bedeuten - durch die Bürgerreporter. Michael Maier: "Perspektivisch ist die Grenze schon eine komplex recherchierte Materie, die viel Zeit braucht, die viel Geld braucht, die erwarte ich nicht. Und sollte die einmal wirklich aus dem Leserkreis zu uns kommen, dann würde ich sagen, müssen wir tatsächlich die Revolution ausrufen." Bis dahin bestimmen wohl eher Handy-Fotografen ,wie Michael Ellersdorfer, die Bürgerjournalismus-Szene. Einfach aus Spaß daran, den eigenen Namen in der Zeitung zu finden. Michael Ellersdorfer: "Ich pass schon auf. Und wenn ich wieder irgendetwas Interessantes sehe, ob das jetzt ein Unfall ist oder ein Feuer oder sonstiges, und dann werde ich ein Foto machen und auch an die Saarbrücker Zeitung wieder schicken."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.07.2006 | 23:15 Uhr

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