Stand: 26.10.2005 23:00 Uhr  | Archiv

50 Jahre "Bravo"

 

Eigentlich sollte sie eine normale Zeitschrift für Film und Fernsehen werden: Die "Bravo", aber dann kamen die Beatles nach Deutschland. "Bravo" berichtete ausführlich über die Weltstars - und die Jugend stand Kopf. Schnell wurde das Heft die Zeitschrift für Jugendliche, das Zentralorgan für Popkultur und Pubertätsprobleme. Inzwischen legendär ist Dr. Sommer, der Vorreiter unter den Sexualaufklärern für Jugendliche. Schmuddelig, jugendgefährdend oder gar unmoralisch war die "Bravo" vielleicht einst, heute ist die sie nur noch ein Jugendmagazin unter vielen. Der Mythos aber lebt weiter. Zapp über 50 Jahre "Bravo".

Zwei Mädchen lesen "Bravo": "Ich finde Tokio Hotel total hässlich, voll schwul. Sehen aus wie Mädchen, oder?" "Ja, habe ich auch erst am Anfang gedacht." Daniela, 14 Jahre alt: "Ich les meistens so wer mit wem zusammen ist, oder so was, das find ich ganz lustig." Sarah, 14 Jahre alt: "Ich lese meistens wer mit wem zusammen ist oder so was, das finde ich ganz lustig." Daniela: "So über Stars, also nicht so gerade die Dr. Sommer-Seiten. Keine Ahnung, das find ich so unrealistisch, das kann ich mir immer noch nicht vorstellen." Sarah, 14 Jahre: "Das weiß man schon." Daniela, 14 Jahre: "Ja, eben, das sind so - kindische Fragen nicht, aber so komische. Aber sonst so die Starausschnitte, und die News halt. Und Charts."

Die "Bravo", das Heft für Popkultur und Pubertätsprobleme. Seine jugendlichen Leser will es ernst nehmen, aber die machen es ihr nicht immer leicht. Tom Junkersdorf, "Bravo"-Chefredakteur: "Junge Leser sind anders als alte. Junge Leser müssen am Kiosk sofort begeistert werden, dann kaufen sie das Heft, denn junge Leser sind einfach nicht treu. Wenn man sie nicht erreicht, wenn man sie nicht sofort mit dem Titel anspricht, dann kaufen die das Heft nicht, sondern nehmen das Heft daneben oder kaufen gar keins."

Popkultur

Mitte der 50er, Start der "Bravo" mit einer Auflage von 30.000. Dieter Thomas Heck im "Bravo"-Werbespot: "Hier 'Bravo', Deutschlands größte Zeitschrift für junge Leute. Die Zeitschrift mit Musik." "Bravo" bringt alles über Hits und ihre Bands. Das Heft, ursprünglich als Fernsehzeitschrift gedacht. Auf dem ersten Titel: Star-Schauspieler wie Marilyn Monroe. Spätestens aber nach der Beatles-Blitz-Tournee 1966 wird "Bravo" zum Musikblatt Nummer eins - mit Millionenauflage. Stimme von George Harrisson, 1966: "Hier spricht George Harrisson. Wir Beatles haben uns alle sehr gefreut, dass Ihr uns zur beliebtesten Beat-Gruppe gewählt habt. Wir sind sehr stolz auf unseren 'Bravo'-Otto." Klaus Farin, Berliner Archiv der Jugendkulturen: "Damals galt das, was 'Bravo' gemacht hat, ja als wirklich noch revolutionär. Die haben sich auf die Seite der Jugendlichen gestellt. Für die Älteren war ja diese Musik Negermusik. Und Halbstarkenfilme - schrecklich. Und ihr Kriterium für die Berichterstattung war: Was erfolgreich ist, ist gut. Und das natürlich für Menschen, die eigentlich mit ganz anderen Dingen und Werten sozialisiert wurden, natürlich auch in der Nazi-Zeit. Dass Kommerzialität plötzlich als Erfolgskriterium gilt, das war damals wirklich revolutionär."

Die Welt der "Bravo" - eine heile Welt. Auch die harten Seiten der Rock-Stars werden von den Machern weich gespült. Interviewausschnitt von 1966: "Angenommen die Rolling-Stones wären rausgiftsüchtig, dürften Sie das Ihren Lesern verraten?" Lieselotte Krakauer, "Bravo"-Chefredakteurin: "Wir werden von Fall zu Fall Vorgänge oder Eigenschaften, die ein Star hat und die unseren Lesern nicht zusagen würden, die werden wir übergehen und werden versuchen seine positiven Seiten herauszukehren."

Pubertätsprobleme

1969: Die "Bravo" entdeckt die Liebe. "Was Dich bewegt" - der Titel einer neuen Rubrik über Petting und Potenzfragen. Dr. Sommer wird Chef-Aufklärer der Nation. Der Name: Ein Pseudonym. Im wahren Leben ist er Religionslehrer und Psychologe. Dr. Martin Goldstein alias Dr. Sommer: "Als meine erste Serie ausgedruckt wurde, und in der Woche drauf, rief mich der Chefredakteur an. 'Herr Dr. Goldstein, ich komm nach Düsseldorf, es ist etwas passiert.' Da kam er mit zwei Koffern an, hatte er 5.000 Briefe gekriegt. Typisch. Ein relativ junges Mädchen, vielleicht 13 oder 14: 'Ich habe einen süßen Jungen in der Straßenbahn entdeckt und ich habe mich in ihn verliebt und ich sehe ihn jeden Tag und wenn er mich küssen würde, wäre ich glücklich mein Leben lang - aber, Dr. Jochen Sommer, sagen Sie mir nicht, dass ich ihn ansprechen soll.'" Klaus Farin: "Es gab ja auch schon Oswald Kolle, es gab die Pille, und und und. Aber es hat sich natürlich in der Schule noch nicht niedergeschlagen. Also, Jugendliche hatten damals in der Tat nicht die Möglichkeiten, sich aufklären zu lassen, weder von den Eltern noch in der Schule. Und da war es recht neu. 'Bravo' hat es ja auch lange nicht gemacht. In den 60er Jahren, erst als sie gemerkt haben, die Auflage geht runter und dann haben sie ihr zweites Standbein entdeckt in Sexualaufklärung." Und deswegen gabs auch Ärger. Bei Artikeln über "erste Liebeswünsche" oder "Sexspiele im Ferienheim" schlugen die Sittenwächter Alarm. Die Hefte wurden verboten.

Auch heute spielt das Thema Aufklärung in der "Bravo" noch immer eine große Rolle. Redaktionskonferenz in München. 50 Mitarbeiter versuchen Woche für Woche den Nerv der Zwölf- bis 17-Jährigen zu treffen. Mit Teenie-Popstars will die "Bravo" weiter punkten. Doch das wird immer schwieriger. Von der Millionenauflage früherer Zeiten ist man weit entfernt. Mittlerweile kaufen nur noch rund 500.000 Jugendliche pro Woche das Magazin. Tom Junkersdorf: "'Bravo' hat Konkurrenz im Bereich Internet, 'Bravo' hat Konkurrenz im Bereich Handy, dass es oft leider so ist, dass die Kids dafür Geld lassen, dass sie am Ende einfach kein Geld mehr fürs Heft haben." Claus Farin. "Also inzwischen ist 'Bravo' objektiv gesehen eine unter vielen Zeitschriften. Sie lebt aber noch von diesem Mythos und von der Tradition, dass selbst die Eltern und die Großeltern sie schon kannten."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.10.2005 | 23:00 Uhr

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