Stand: 22.02.2006 23:15 Uhr  | Archiv

Die Wochenzeitung "Die Zeit" wird 60 Jahre

Als "Die Zeit" am 21. Februar 1946 zum ersten Mal erschien, fanden die 25.000 Exemplare reißenden Absatz. Doch die vermeintlich interessierten Leser waren gar keine - die Menschen brauchten in der Nachkriegszeit einfach dringend Einwickelpapier für Fisch und Gemüse. Die Wochenzeitung hat es dann aber doch geschafft, sich als intellektuelle und moralische Instanz der deutschen Presselandschaft zu etablieren. Unvergessen sind Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff und Verleger Gerd Bucerius, die die Geschicke des Blattes maßgeblich bestimmten. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren ist "Die Zeit" jetzt wieder auf gutem Kurs - und feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Zapp über 60 Jahre "Die Zeit".

Großzügig und stilvoll - so gibt sie sich gerne, "Die Zeit". 60 Torten wurden auf dem Hamburger Rathausmarkt angeschnitten. Als Erster durfte Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust probieren, und dann sollte jeder etwas vom Kuchen abbekommen, egal, ob Fan oder Kritiker der Wochenzeitung. Eine Passantin: "Ich habe sie zwei oder drei Mal gelesen. Sie ist für mich zu schwierig. Oder ich bin zu einfach gestrickt, wie man das jetzt sehen will." Zweite Passantin: "Ich blättere sie einmal ganz durch und dann lege ich mir die Sachen heraus, die ich in jedem Fall lesen möchte. Aber, wie gesagt, das erfordert schon viel Zeit und ist nicht immer machbar." Dritter Passant: "Ich bin schon als Schüler angefangen mit der 'Zeit', bin mit ihr groß geworden. Sie hat sich verändert in letzter Zeit, ist die anders geworden, obwohl, vielleicht habe ich mich ja auch verändert."

Starke Köpfe schreiben Geschichte

Ein wenig hat sie sich schon verändert. Die erste Ausgabe 1946: nur acht Seiten dick. Sie erscheint in Hamburg mit britischer Lizenz. Einer der vier Gründer: Gerd Bucerius. Unter ihm ist die "Zeit" von Anfang an meinungsstark und kritisch. Gerd Bucerius, Gründer "Die Zeit” (1986): "Wir haben auch die Engländer, die Besatzungsmacht, nicht geschont, sondern wo immer sie Fehler gemacht haben - und sie haben manchen Fehler gemacht, das haben sie auch eingesehen - haben wir ihnen auf die Finger geklopft, sehr energisch. So energisch, dass zwei Mal die 'Zeit' vorübergehend verboten wurde." Die Zeitung findet reißenden Absatz - anfangs jedoch weniger bei den Lesern. Vor allem die Hamburger Fischhändler freuten sich über das Blatt.

Einer der journalistischen Köpfe: Marion Gräfin Dönhoff, die gestrenge Preußin. Sie gibt der "Zeit" das politische Profil, den liberalen Schwung - mit eisernen Disziplin auch bei eisiger Kälte. Marion Gräfin Dönhoff, Journalistin und Herausgeberin "Die Zeit” (1996): "Wenn ich Artikel schrieb, dann habe ich im Bett gelegen mit Pelzmütze auf dem Kopf und Handschuhen an, weil es sonst nicht zu ertragen war. Aber es war natürlich eine tolle Sache, dass man ganz neu anfangen konnte, dass man sich vorstellte, dass man eine gewisse Orientierung für dieses doch sehr irregeleitete Volk und dieses Land versuchen könnte mitzubauen, eine wirklich gute Zeitung, die Argumente liefern könnte und nicht irgendwelche Doktrine."

Zuhause kritischer Geister

Gegen die alten Doktrinen - mit hitzigen Diskussionen auf den Konferenzen und im Blatt. "Die Zeit" in den 70ern: Hier ist alles erlaubt, was den Geist beflügelt oder benebelt. Michael Naumann, Herausgeber "Die Zeit": "Man musste keinen Joint rauchen, aber wenn man einen rauchte, war das keineswegs kriminell oder furchtbar." Die Gräfin toleriert es.

1983: Helmut Schmidt kommt als neuer Herausgeber und schärft das politische Profil der Wochenzeitung. Helmut Schmidt, Herausgeber "Die Zeit": "Als mich nach meinem Ausscheiden aus der Bundesregierung der Verleger Gerd Bucerius aufforderte als Herausgeber und später sogar als Geschäftsführer in 'Die Zeit' einzutreten, habe ich das sehr gerne gemacht. Weil ich im Grunde einverstanden war mit der Grundlinie, die 'Die Zeit' verfolgte. Und weil ich jung genug war, nach einer langen Zeit als so genannter Berufspolitiker etwas ganz anderes, etwas Neues machen zu können."

Die Themen bleiben die alten: Ostpolitik und Wettrüsten, die Leitartikel gerne mit moralischem Fingerzeig. Roger Willemsen, Publizist: "Dann und wann hätte ich mir 'Die Zeit' gerne jenseits dieser Leitartikel so scharf und so kompetent gewünscht wie sie im leitartikelnden Wesen war. Aber ich glaube, dass der 'Zeit'-Leser auch ein wenig eine Liebe zur Autorität besitzt, die er natürlich kritisch betrachtet. Die Autorität zeigt sich darin, dass, wenn Helmut Schmidt vorne im Blatt angekündigt ist mit einem Leitartikel, dann verkauft die Zeitung, glaube ich, 30.000 Exemplare mehr."

Unanfechtbare Instanz

Doch "Die Zeit" bekommt Konkurrenz: 1993 erscheint "Die Woche". Bunt und flott will sie sein - eben ganz anders als "Die Zeit". Manfred Bissinger, ehemaliger Chefredakteur "Die Woche": "Ich hatte keine Kritik an der 'Zeit' inhaltlich. Das war ein liberales Blatt und das war auch okay so. Ich hatte, sagen wir mal, journalistische Kritik: Sie war zu umständlich, zu schwerwiegend, zu langatmig. Es war wahnsinnig kompliziert dadurch zu kommen." Nach neun Jahren ist "Die Woche" jedoch pleite. Die "Zeit" - trotz Anzeigenkrise und starkem Leserschwund - überlebt. Neues Layout, neue Rubriken und sogar in Farbe. Aber irgendwie bleibt sie sich dennoch treu. Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur "Die Zeit": "Sie steht für eine Tradition, die auch nicht verraten worden ist, eben die Seriosität. Für die Weigerung, Moden und Mätzchen mitzumachen, für das Tiefgründige, für das Bemühen, Orientierung zu bieten. Auf der andern Seite haben wir uns in den letzten Jahren dramatisch - zumindest äußerlich - verändert. Und ich glaube: Die Mischung ist jetzt gut." Manfred Bissinger: "Eine Bleiwüste ist sie in Teilen natürlich immer noch, und modernisiert hat sie sich. Und dennoch ist sie eine alte Dame geblieben. Und das glaube ich, ist heute ihr Vorteil."

Die alte Dame "Zeit" - mit steigender Auflage und wachsendem Anzeigengeschäft kann sie den 60sten ganz gelassen feiern, denn, so scheint es, sie trifft wieder den Geschmack der Leser.

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ZAPP | 22.02.2006 | 23:15 Uhr

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