Stand: 20.06.2007 23:00 Uhr  | Archiv

Schwierige Balance - Das Verhältnis von Journalisten zu Politikern

Wieviel Nähe darf sein zwischen den Medien und den Mächtigen? Mit dieser Frage quälen sich Journalisten mehr oder weniger seit Generationen. Und fast ebenso lange galt der berühmte Satz von Hanns-Joachim Friedrichs als Maß aller Dinge: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache." Längst aber lässt sich dieser Satz nicht mehr einhalten. Einige Journalisten halten ihnen sogar aus voller Überzeugung nicht ein, wenn es ihnen darum geht, die vermeintlich Schwachen zu stärken. Andere sind sich einer Grenzüberschreitung widerum gar nicht bewusst. Scheinbar geht es ihnen zwar um Informationen - meist aber treibt sie die Sehnsucht, zu den Mächtigen dazu zugehören. Zapp über die schwierige Balance der Journalisten zwischen Nähe und Distanz.

Anmoderation

"Sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten." Was für das Verhältnis von Journalisten zur Pharmaindustrie gilt, gilt natürlich auch das zur Politik. Doch auch hier verschwimmen die Grenzen. Statt Distanz zu wahren, suchen Journalisten Nähe. "Kontakte pflegen" ist der schöne Ausdruck dafür. Streben nach Anerkennung und Macht, einfach dazu gehören wollen - die weniger ehrenhafte Analyse. Neu ist dieses gegenseitige Umgarnen von denen, die Macht haben und denen, die sie kontrollieren sollen, nicht. Die Versuchung besteht seit den Anfängen des Journalismus. Neu aber ist, dass die Journalisten selbst kritischer mit sich selbst werden. So auch vergangenes Wochenende, als sich die Elite des investigativen Journalismus zur Jahreskonferenz des "netzwerk recherche" in Hamburg traf. Jessica Möller über einen schwierigen Balanceakt zwischen zu viel Nähe und zu wenig Distanz.

Beitragstext:

Hier im Bundestag schlägt das Herz der Politik - eigentlich. Doch manchmal ohne die Politiker und ohne die Journalisten. Denn das wahre Leben tobt hier - wenn das offizielle Tageswerk vorüber ist. Journalisten leben von ihren Kontakten: Smalltalk, Hintergrund-Häppchen - man kennt und schätzt sich, zuweilen duzt man sich. Thomas Roth, ehem. Leiter ARD-Hauptstadtstudio: "Nähe ist von jeder journalistischen Arbeit eine Vorraussetzung, ob sie in Berlin arbeiten, in Afrika, im Iran oder in irgendeinem anderen Land. Die Frage ist natürlich nur: Wozu diese Nähe? Und was fängt man mit ihr an?" Günter Wallraff, Publizist: "Das ist eine große Versuchung. Gerade auch für junge Journalisten, wenn sie merken, sie kommen an die Futtertröge ran, und das Leben ist dort angenehmer und sie fühlen sich als was Besonderes, die Verführung ist groß." Nikolaus Brender, ZDF-Chefredakteur: "Nähe ist etwas, um etwas kennen zu lernen, aus etwas zu schöpfen, Erfahrungen zu sammeln, aber dann muss auch immer gleich wieder die Distanz kommen. Es ist die Entwicklung zwischen Nähe und Distanz, die die Perspektive eines guten Journalisten ausmacht."

Mehr Mut

Aber wie kann man heute ein guter Journalist sein? Wer wagt es, auf das zu verzichten, was alle anderen haben? Kaum einer kann es sich leisten, gegen den Strom der gleichen Bilder und Nachrichten anzuschwimmen. Widerstand gegen den Mainstream - in den Redaktionen häufig unerwünscht. Tissy Bruns, Politikredakteurin "Der Tagesspiegel": "Heute ist es ja leichter, dass ein Journalist eine Kanzlerin kurz und klein schreibt oder sagt, der Minister X ist doof, als dem eigenen Chefredakteur wirklich was abzuringen. Dazu braucht man als Journalist heutzutage fast mehr Mut. Und für diesen Mut plädiere ich." Tom Schimmeck, freier Journalist: "Ich sage ihnen ehrlich, seitdem ich hin und wieder mal deutlich sage, was Sache ist, werde ich zwar von allen auf den Schultern getätschelt, aber in den deutschen Medien nur noch selten gedruckt."

Jagd nach Aufmerksamkeit

Die deutsche Medienlandschaft war früher überschaubar. Einmal am Tag gab es Nachrichten, viel Zeit und Raum für Recherchen. Heute jagt eine vermeintliche Schlagzeile die nächste. Tempo zählt, nicht Exklusivität und Hintergrund. Thomas Roth: "Technisch ist in wenigen Sekunden alles möglich, nur wenn wir dann auf dem Sender sind, dann ist eigentlich der entscheidende Augenblick: Haben wir wirklich was zu sagen? Und wenn ja, was?" Thomas Steg, stellv. Sprecher der Bundesregierung: "Das Interesse erschöpft sich bei sehr vielen, eine gute Schlagzeile zu haben, die schnellste Nachricht und der erste zu sein, der seine Nachricht über die Agenturen, über den sogenannten Ticker, gibt." Tissy Bruns: "Das ist einfach der Mechanismus, dass jeder auf der Jagd nach Aufmerksamkeit, die ja das höchste Gut im elektronischen Wettlauf ist, versucht den Takt des anderen noch zu übertreffen. Ich glaube eigentlich, das die größte Aufmerksamkeit würde heute erregen, wer einfach mal langsam macht, wer ganz ruhig macht und wer diesem ganzen schrillen, schnellen Rauschen sich einfach ein bisschen entzieht." Tom Schimmeck: "Das geht nur bedingt, weil natürlich die meisten Journalisten auch selber wiederum, so kritisch und distanziert und toll sie sind, in Abhängigkeitsverhältnissen leben, und nur sehr bedingt, salopp gesagt, auf die Kacke hauen können."

"Sie fühlen sich als was Besonderes"

Auf die Kacke zu hauen ist ohnehin nicht angesagt. Anpassung sichert Akzeptanz und Zugehörigkeit. Das politische Berlin hat elitäre Seiten - in der großen Stadt haben sich Politiker und Journalisten ihre kleinen Zirkel geschaffen - eine Welt für sich. Tissy Bruns: "Die Journalisten und die Politik in Berlin Mitte sind zu einem viel abgehobeneren Raumschiff geworden als es Bonn jemals war. Wir hatten ja alle die Hoffnung, da kommt jetzt frischer Wind. Aber tatsächlich hocken wir wie die Glucken aufeinander, eingekastelt in einem kleinen Carre und führen unaufhörlich so etwas wie ein Selbstgespräch der politisch-publizistischen Kaste." Günter Wallraff: "Wenn sie sich mit den, in Anführungszeichen, jeweils "Mächtigen" gemein machen, denen nach dem Mund reden, Vorteile von denen annehmen und letztlich in deren Kreisen absorbiert werden, wie viele Journalisten, dann wird es irgendwann zur Hof-Journaille, und sie werden quasi abgespeist, im doppelten Sinne des Begriffs, mit Festessen, mit Reisen. Sie werden verwöhnt, sie fühlen sich als was Besonderes." Tom Schimmeck: "Ich glaube, die meiste Nähe zu Politikern entsteht nicht aus der Sehnsucht heraus, an Informationen heranzukommen, sondern aus der Sehnsucht heraus, mit im Scheinwerferlicht zu stehen, mit diese Bedeutung zu spüren. Ich glaube überhaupt nicht, dass man Nähe braucht, um an Infos ranzukommen." Denn nur Distanz sichert Respekt, nicht erst seit heute. Aber im Massenbetrieb und Konkurrenzkampf ist es noch schwieriger geworden, diese Distanz auch zu wahren.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.06.2007 | 23:00 Uhr

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