Sendedatum: 09.02.2011 23:05 Uhr  | Archiv

Der Einfluss der Werbeindustrie auf Netzinhalte

von Dominique Gradenwitz

Ist ein Thema aktuell? Ist es relevant? Betrifft oder berührt es die Zuschauer? Das sind Kriterien, an denen sich Journalisten hierzulande normalerweise orientieren. Anders ein Medienunternehmen in Kalifornien. Dort zählt nicht mehr der Nachrichtenwert eines Berichts, sondern nur noch wie gut er sich verkaufen lässt. Je attraktiver für die Werbeindustrie, desto wahrscheinlicher, dass er gemacht wird. ZAPP über die Maßarbeit für ein zweifelhaftes Medienmodell.

 

VIDEO: (4 Min)

Sieht er so aus, der Alptraum traditioneller Journalisten? Nathan Boehme produziert pro Jahr mehr Filme als jeder deutsche Reporter: weit über Tausend. Mediale Akkord-Arbeit nach dem Motto: Zeit ist Geld.

Nathan Boehme, Videoreporter "Demand Media", erklärt: "Wir fahren jetzt zur Universität von Kalifornien, Cal State, und interviewen eine Finanz-Studentin. Es wird eine Serie, wie man seinen Bachelor-Abschluss macht, vom Stipendium über die Finanzierung bis hin zu Tipps über die besten Kurse. Es dürfte interessant werden." (deutsche Übersetzung)

Auf dem Campus kann es sofort losgehen. Perfekt für Nathan Boehme: kein Zeitverlust. Seine Effizienz hat ihn zu einem Star seiner Auftraggeber in Santa Monica gemacht: Demand Media, ein Medienunternehmen, das die Branche revolutionieren will. Die Firma konzentriert sich auf das Internet. Für ihre rund 45 Webseiten und YouTube produziert sie täglich über 4.000 Filme und Artikel.

Steven Kydd, "Demand Media”, meint: "Bevor wir irgendeinen Inhalt produzieren, wollen wir wissen: Ist die Werbung daran interessiert? Gibt es genügend Publikum? Und können wir es erreichen? Das hilft uns, bessere Entscheidungen über jeden einzelnen Beitrag zu treffen." (deutsche Übersetzung)

Todd Gitlin, Professor für Journalismus Columbia University: "Mit Journalismus hat das überhaupt nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, Firmen so aufzurüsten, dass Leute sich Öffentlichkeit erkaufen können. Das ist genauso, als ob man die Titelseite einer Zeitung verkauft oder Werbeplakate aufhängt oder mit Flugzeugen Werbung in den Himmel schreibt. Es geht darum etwas, das der Öffentlichkeit gehört, wie nun auch das Internet, für private Profit-Maximierung auszubeuten." (deutsche Übersetzung)

Statt journalistischer Entscheidungen technische Algorithmen

Sie sind das Herzstück des Unternehmens. Sie verraten die meistgesuchten und von der Werbeindustrie bestbezahlten Schlagworte und die Chancen, bei einer Google-Suche ganz oben zu landen.

Kydd: "Wir nehmen diese ganzen Such-Daten und analysieren sie, um herauszufinden, wo sich wirtschaftliche Chancen bieten, durch Fragen, die die Menschen stellen. Und das ist einzigartig: Wir hören auf das, was uns die Leute durch ihre Fragen verraten und bauen unser Mediengeschäft von unten nach oben und nicht von oben nach unten. Wie bislang die traditionellen Medien für ihr Publikum entschieden haben." (deutsche Übersetzung)

Eine Webseite des Unternehmens verrät Tausenden von freien Mitarbeitern, welche Stories für welches Honorar? Etwa 20 Dollar für einen Job, der traditionell mindestens drei  Berufsgruppen als Team erfordert. Die Kunst sozusagen liegt in der Segmentierung: Ein langes Interview mit fünf Themen gibt fünf Filme und Dreh folgt auf Dreh.

Boehme: "Wenn du bei der Firma anfängst, kann das zunächst ganz schön hart sein, besonders, wenn du es hauptberuflich machen willst. Dann musst du wirklich klotzen. Doch wer sein Handwerk beherrscht, kann 15 bis 30 Filme am Tag machen, das sind 600 Dollar, da kann man nicht meckern."

Ein Medienmodell, das jedes Produkt einzig und alleine nach seiner Konsumierbarkeit beurteilt. Nathan Boehme, inzwischen im Proben-Keller einer Musikband, ist ganz froh, dass er im Zeitalter des großen Branchensterbens für ein Medienhaus arbeitet, das rasant wächst. Doch für die Zukunft wünscht er sich trotzdem, für den klassischen Journalismus entdeckt zu werden.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.02.2011 | 23:05 Uhr

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