Sendedatum: 21.10.2009 23:05 Uhr  | Archiv

Wie Günter Wallraff seit Jahrzehnten kämpft

von Grit Fischer
Günter Wallraff (Archivbild vom 06.04.2008) © NDR Foto: Wolfgang Borrs
Günter Wallraff

Wer enthüllen will, muss sich verkleiden. Das jedenfalls ist die Methode von Günter Wallraff, mit der er seit Jahrzehnten ganz nach unten steigt, um Unrecht aufzudecken. Wir kennen ihn so vielen Rollen. Als Türken Ali, als Bildzeitungsjournalisten Hans Esser, als Telefonisten, als Brötchenbäcker. Für seine neueste Undercoveraktion musste er noch eine ganze Menge Make Up mehr auflegen als bisher. Denn aus dem weißen Günter Wallraff ist der schwarze Kwami Ogonno geworden.

Mal wieder eine neue Maske. Mal wieder eine neue Rolle für den Journalisten  Günter Wallraff. Dieses Mal spielt er den Somalier Kwami. Günter Wallraff meint dazu: „Ich bin Schwarzer, weil das sind diejenigen, die am meisten auf Ablehnung stoßen. Das ist die Situation des Fremden, jede Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie auf Fremde reagiert.“ Und ob die Deutschen in Ost und West rassistisch sind, ist Wallraffs neuer Selbstversuch.

Günter Wallraff: „Ich bin mein eigenes Versuchskaninchen, ich setz mich dem aus, sicher punktuell, aber für jeden Fall, den ich darstelle, hab ich Dutzende weitere. Es sind keine Einzelfälle, es sind auch keine Missstände, es sind inzwischen sich auswachsende Zustände.“

Zustände aufdecken, damit ist Günter Wallraff zu einer Marke geworden: Er war Stahlarbeiter, Laienprediger im Kloster, Alkoholiker im Asyl oder Bote beim Versicherungskonzern Gerling. Immer blieb der Journalist unerkannt und lieferte so Einblicke in die Realität hinter den Fassaden.

„Ich kann ein Unrecht mit dem ich konfrontiert werde oder auf das ich gestoßen werde, so nicht hinnehmen. Wenn ich das hinnehme, mache ich mich mitschuldig.“ Meint der Autor dazu.

Einfach hat er es sich nie gemacht

Monatelang recherchierte er als Hans Esser so das Innenleben des größten deutschen Boulevard-Blattes. Der Bestseller „Der Aufmacher“ wurde sein Durchbruch. Nach seiner Episode bei der BILD folgte die Tortur als Gastarbeiter Ali. Der Undercover-Journalist Wallraff schuftete zwei Jahre lang als Leiharbeiter. Ein Job unter brutalen Bedingungen -  ganz unten und landete mit seinen Recherchen ganz oben. Das Buch wurde vier Millionen Mal verkauft. Danach war Günter Wallraff 20 Jahre rollenlos. Von der Bildfläche verschwunden. Abgetaucht. Seit 2 Jahren nun ist er wieder oben mit neuen Einsätzen, wieder undercover. Stets veröffentlichte er im Magazin der "Zeit". Er recherchierte in Callcentern, arbeitete als Hilfsarbeiter bei einem Brötchenlieferanten vom Discounter Lidl oder lebte als Obdachloser auf der Straße. Seine Art der Recherche ist ausgerechnet für junge Journalisten immer wieder Vorbild. Eine junge Frau meint nachdem sie den neuen Film gesehen hat: „Es macht auf jeden Fall Mut und es öffnet so ein bisschen die Augen: Hey da müsste mehr passieren, also es müsste mehr Leute geben, die so was machen.“ Junger Mann meint: „Ich kann mir auch einfach vorstellen, dass viele einfach denken: Es ist zu viel Aufwand. Und denken, wenn sie irgendwie ne kleine Reportage über den Taubenzüchter-Verein schreiben ist das einfacher verdientes Geld.“ Einfach hat er es sich nie gemacht. Auch deshalb wirkt Günter Wallraff heute fast ein bisschen altmodisch in schnellen Zeiten, die Günter Wallraff zum Weitermachen motivieren „Es ist vieles an sozialen Rechten dermaßen in Frage gestellt oder abhanden gekommen und da befindet sich so viel im freien Fall, dass ich den Eindruck hab, ich kann mit meinen Möglichkeiten, meinen beschränkten Möglichkeiten wieder viel sichtbar machen.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 21.10.2009 | 23:05 Uhr

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