Sendedatum: 21.01.2009 23:15 Uhr  | Archiv

Jubiläum - Privatfernsehen sendet seit 25 Jahren

Günther Jauch feiert das 25-jährige RTL-Jubiläum © NDR

Pünktlich zum Jubiläum: Sat1-Mitarbeiter demonstrieren gegen ihren Arbeitgeber, während sich die RTL-Macher sich über den Erfolg ihres Programms freuen. Die Bilanz der beiden größten Privatsender kann unterschiedlicher nicht sein.

 Anmoderaton:

Wenn auf RTL gerade mal nicht Kakerlaken verspeist oder Werbung geschaltet wird, fliegen derzeit fleißig Torten. RTL feiert seinen 25. Geburtstag mit einem derartigen Pomp, dass man sich etwas angstvoll fragt, was die eigentlich machen, wenn sie mal 30 werden. Dabei vergisst man ganz, dass es noch ein zweites Geburtstagskind gibt. Den anderen Pionier deutschen Privatfernsehens. Auch Sat.1 wird 25 Jahre alt. Allerdings ist die Belegschaft da eher in Streik als in Feierlaune. Mental sei gerade nicht so viel Platz für ein Jubiläum, hieß es von SAT.1/Pro7. Bombenstimmung - würde ich mal sagen. Woran das liegt, zeigen Kathrin Becker und Tina Schober.

Beitragstext:

Sie feiern sich und ihr Programm - die Stars von RTL. Und deshalb: Clips rund um die Uhr. Stolz präsentiert der Kölner Sender all die Zutaten, die sein Programm so erfolgreich machen. RTL-Clip: „25 Jahre erste Sahne. So feiern nur wir“ Torten zum Jubiläum. Und die Analyse eines Chefkochs. Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur: „Ich habe gesehen, was wir mit unseren Möglichkeiten angefangen haben, was für Potenzial in den Mitarbeitern dieses Senders steckt. Und wie stark wir auch zu einem wichtigen Faktor in der Fernsehlandschaft in Deutschland geworden sind.“

Keine Feierlaune bei Sat.1

 Auch der Konkurrenzsender Sat.1  wird 25 - doch hier wird nicht gefeiert. Denn die Sendergruppe „ProSiebenSat.1“ ist hochverschuldet. Und deshalb wird hier nicht gejubelt, sondern demonstriert. Viele Mitarbeiter wehren sich gegen den verordneten Umzug von Berlin nach München. Jürgen Doetz, ehem. Sat.1-Geschäftsführer: „Die Bilder von Kollegen, die demonstrieren gegen den Umzug. Die Probleme, die man da und dort mit dem Thema Gesellschafter hat, also jedes Glas Champagner hätte Reaktionen provoziert, die nicht so richtig Feierlaune hätte aufkommen lassen.“

Der Beginn vor 25 Jahren

Feierlaune - wie vor 25 Jahren. Beide Sender veränderten Fernsehdeutschland. Sat.1 meldete sich als Erster. Jürgen Doetz, Ausschnitt von 1984: „Sie sind in dieser Minute Zeuge des Starts, des ersten deutschen privaten Fernsehveranstalters.“ Jürgen Doetz: „Wir sahen uns schon als, nicht nur den ersten deutschen, sondern als auch den wichtigsten deutschen Veranstalter. Für uns waren die Kollegen von RTL so etwas wie die Beutedeutschen am Rande. Was wir unterschätzt haben.“ Dabei hatte Sat.1 einen echten Startvorteil. Der Fernsehmogul Leo Kirch stellte Hunderte von Spielfilmen und Serien zur Verfügung. RTL-Gründungschef Helmut Thoma hatte all das nicht. 

Klaudia Wick, Fernsehkritikerin: „Dieser strategische Nachteil hat sich schließlich als Vorteil erwiesen, weil nämlich RTL viel mehr ausprobieren musste als Sat.1. Und ich glaube, dass sich das bis heute noch in der ganzen Philosophie des Senders auch zeigt.“

Mangel forderte Kreativität bei RTL

Peter Kloeppel: „Es war gerade das was uns stark gemacht hat, nämlich der Mangel, wir konnten uns nicht hinsetzen und sagen, wir holen jetzt aus Regal 17 den Film so und so raus und morgen aus Regal 18 den Film so und so, sondern wir waren darauf angewiesen, dass wir mit eigenen Ideen, mit relativ wenig eigenem Material Fernsehen machen.“ Und so wurde schon die Geburtsstunde von RTL ganz besonders zelebriert. Ausschnitt, RTL-Programm: „Ahhhhh, Abnabeln, bitte!“ Peter Kloeppel:„Wir haben uns ganz bewusst auch entschieden ein Programm zu machen, das ein wenig auch für Aufmerksamkeit sorgen soll.“ Und was waren Länderpunkte? Ficken und ekeln, pöbeln und schluchzen - Millionen schauen zu. Jürgen Doetz: „Die Wurzel dieser Erfahrung, dass RTL dynamischer, schneller, frecher, innovativer ist, die liegen schon in den Anfangsjahren. Aber das prägte dann auch die ganze Folgezeit und Sat.1 war eben, lange Zeit eben, immer der etwas bravere, biedere Bruder.“

Der Zielgruppen-Coup von RTL

Doch, ob bieder oder provokant - sie alle brauchen Werbegelder. Da hatte RTL eine geniale Idee. Erklärte seine jungen Zuschauer zur neuen Zielgruppe für Fernsehwerbung. Die Mär von der angeblich „werberelevanten Zielgruppe“, der 14 bis 49-Jährigen, wurde etabliert. Helmut Thoma, ehem. RTL-Geschäftsführer:  „Die hat sich verselbstständigt, die ist europaweit geworden. In Deutschland, wird sie, weil in Deutschland wird ja alles ordentlich gemacht, ist sie also sozusagen zu einem Dogma geworden. Obwohl sich natürlich in den letzen 20 Jahren, da auch bevölkerungs-, sagen wir demografisch, verschiedenes verändert hat. Und zwar raus aus dieser Zielgruppe, ist sie zu etwas geworden, was, wie gesagt, das ist, das ist der Popanz, den alle anbeten.“ Es war ein genialer Coup von „RTL“ – bis heute.

Gute Zeiten , schlechte Zeiten

Und Sat.1? Auch die hatten etwas erfunden: die Telenovela in Deutschland. „Verliebt in Berlin“ erzielte Traumquoten. Doch Sat.1 konnte an diesen Erfolg nie mehr anknüpfen. Klaudia Wick: „Eine ganze Zeit war es der Sender für die Familie. Das hat auch, glaube ich, ganz gut funktioniert. Das war eine Positionierung. Jetzt stellt sich heraus, dass das Publikum von Sat.1 sehr flüchtig ist, sehr aufmerksamkeitsflüchtig ist. Sich sehr gerne Wiederholungen anguckt. Also das Publikum ist eigentlich ein bisschen ruiniert.“ „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Seit 15 Jahren der Quotengarant bei RTL. Und seit 15 Jahren das Ärgernis für Sat.1. Jürgen Doetz: „Da ärgert es mich jeden Abend, wenn ich das sehe. Zunächst bekam das Thoma angeboten, der wollte das nicht. Dann wurde es mir angeboten und wir hatten schon immer ne schwierige Entscheidungsprozedur und ich hab das damals unserem Programmchef gesagt, der hat gesagt, was, der Thoma hat es abgelehnt, dann ist es auch nichts für uns. Und dann ließ sich Thoma breitschlagen, dann doch mal ein paar Folgen zur Probe zu drehen. Also, dass wir das vorbeigehen haben lassen, da kann es einem schon jetzt noch schwarz werden vorn Augen.“ Und deshalb: Schlechte Zeiten für Sat.1, gute Zeiten für RTL.

RTL setzt stärker auf Gesichter

Hier feiert man das Programm, aber auch die eigenen Stars. Denn die kennt wirklich jeder. Klaudia Wick: „Also RTL hat natürlich zwei Sendergesichter. Das ist Günter Jauch und Oli Geissen. Einer für die jungen und einer für die etwas älteren. Das ist eine perfekte Kombination, denke ich.“ Solche Gesichter fehlen bei Sat.1. Zu viele mediale Eintagsfliegen prägen das Programm. Kaum da, schon wieder weg. Jürgen Doetz: „Wir haben sicher, auch da und dort, uns zu sehr vom Einsammeln von Stars prägen lassen. Aber nicht jeder Star hat gleich ne gute Sendung mitmachen können.“

Informationsangebote von Sat.1 und RTL

„RTL“ war da besser. Und das nicht nur im Unterhaltungsprogramm, sondern, erstaunlich genug, auch im Nachrichtengeschäft.  Peter Kloeppel, das Gesicht für „RTLaktuell“. Jürgen Doetz: „Etwas was man nie für möglich gehalten hätte, weil jeder der die Spielregeln privaten Fernsehens, was das Kommerzielle betrifft, kennt, war eigentlich der Meinung, Information lässt sich nie bezahlen und zahlt sich nie aus. Ja, die Kollegen haben bewiesen, dass das Gegenteil richtig ist.“ Die „Sat.1-Nachrichten“ konnten da nie anknüpfen, reduzierten sogar noch ihr Informationsangebot.

Erwartungen an die Privatsender

Währendessen hat RTL schon wieder neue Ideen. Lockt die Zuschauer auf den Bauernhof. Klaudia Wick: „Ich glaube, dass RTL einfach macht. Und dann sagen sie einfach, wir gehen jetzt aufs Land, wir machen jetzt „Bauer sucht Frau“. Und sie machen das mit einem Selbstbewusstsein, das Sat.1 schon sehr lange verloren gegangen ist.“ Und so sehen die Zuschauer bei Sat.1 vor allem eines: Wiederholungen. Selbstbewusstsein nur bei der Eigenwerbung. Die verspricht unverdrossen: „mehr Laune“, „mehr Liebe“, „mehr Kracher“ – und so weiter. Klaudia Wick: „Ich glaube, es ist wirklich ein Strukturproblem größeren Ausmaßes, dass das Publikum von Sat.1 einfach  nichts mehr erwartet an Qualität. Und deswegen gar nicht erst die Programme da sucht.“ Jürgen Doetz: „Wir stehen wieder an einem Punkt, wo wir, wo keiner weiß, wo genau läuft es hin. Da können wir nur sagen, ok, wir haben es bewiesen, dass wir es können, jetzt lass uns wieder die Ärmel hochkrempeln. Lass uns wieder kreativ sein, lass uns wieder mutig sein.“ So mutig wie RTL!

Wettbewerb der Anbieter

Die senden nämlich auch mal das, was bei den Öffentlich-rechtlichen funktioniert. Peter Kloeppel: „Das öffentlich-rechtliche-Fernsehen hat sich in Teilen auf das private Fernsehen, mit seinen Angeboten, zu bewegt. Und das private Fernsehen hat sich natürlich auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen Dinge abgeschaut, von denen die Privatfernseh-Macher gesagt haben: Das ist eigentlich ganz gut, warum versuchen wir so was nicht auch mal bei uns?“

Und so versucht sich RTL an klassisch öffentlich-rechtlichen Themen, wie Lebenshilfe und Beratung. Mit „Raus aus den Schulden“ und „Super Nanny“. Familiendramen für die Quote.  Peter Kloeppel: „Jeder Sender testet da wahrscheinlich auch ein wenig seine Grenzen aus. Und muss natürlich auch herausfinden, was akzeptieren die Zuschauer und was akzeptieren die Zuschauer nicht? Wir machen das Programm ja nicht für uns, sondern wir machen das Programm für die Menschen, die uns zu sehen.“ Und das machen viele seit 25 Jahren: RTL und Sat.1 haben die Fernsehlandschaft verändert. Denn die Programme wurden bunter und schriller, aber auch oberflächlicher. Es gab viele neue Ideen. Nicht alle waren gelungen. Und es gibt Sieger und Verlierer – auch jetzt beim Jubiläum.

Abmoderation:

Schade eigentlich, dass uns niemand von den aktuellen Sat.1- Chefs ein Interview zum eigenen Jubiläum geben wollte. Aber, wie eben gesehen, denen ist zum Feiern nicht zumute.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 21.01.2009 | 23:15 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/privatfernsehen106.html