Sendedatum: 27.04.2011 23:05 Uhr  | Archiv

Das lebensgefährliche Berichten aus Misrata

von Stefan Buchen

Bomben schlagen ein, Gewehrsalven werden abgefeuert, Häuser sind zerstört , es gibt Tausende Tote und Verletzte. Kriegsgebiete sind nicht gerade Orte, an denen man sich gerne aufhalten möchte. Trotzdem gibt es Menschen, die sich freiwillig dieser Gefahr aussetzen. Dutzende Journalisten aus aller Welt sind beispielsweise gerade in Libyen, begleiten die Aufständischen, die gegen Gaddafi und seine Truppen kämpfen, drehen Bilder, berichten. Zwei amerikanische Reporter sind dabei jetzt ums Leben gekommen. Zapp über Journalisten in Misrata, die trotzdem weiter machen wollen.

VIDEO: (5 Min)

Kriegsgebiet Misrata. Libysche Aufständische im Häuserkampf. Was genau passiert in der seit zwei Monaten von Machthaber Gaddafis Truppen belagerten Stadt? Scheitert der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime? Um Antworten zu finden, setzen sich Journalisten in Misrata großen Gefahren aus. So auch ein französisches Fernsehteam, das - wie wir -vor zwei Wochen auf dem Seeweg in die belagerte Stadt Misrata gelangte.

Der Fernsehreporter Jérome Bôny erzählt: "Je näher man rankommt, desto gefährlicher erscheint es. Und doch müssen wir jetzt nach Misrata. Ein Journalist muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Oft ist das der schlimmste Ort der Welt. Im Augenblick ist das Misrata." (deutsche Übersetzung)

Berichten aus Misrata heißt berichten unter Dauerbeschuss und es bedeutet, rund um die Uhr großem Leid ausgesetzt zu sein.

Bôny: "Sie kennen das ja. Wie ein Schwamm saugt man dieses Kinderweinen auf. Das ist sehr hart."

Jérome Bôny und sein Kameramann machen sich ein Bild von der humanitären Lage hinter den Frontlinien in Misrata. Aber journalistisch wichtiger ist für sie zu erfahren, was auf dem Schlachtfeld passiert. Die Aufständischen lassen sich gern von Journalisten an die vorderste Front begleiten. Sie fühlen sich im Recht und wollen, dass die Welt etwas von diesem Kampf David gegen Goliath erfährt.

An vorderster Front

Kameramann Christophe Kenck war mit den Aufständischen an vorderster Front, um den Häuserkampf so authentisch wie möglich abzubilden: "Diese Art von Reportage hilft, die Situation besser zu verstehen. Von Paris betrachtet ist Misrata weit weg. Es reicht nicht, am Schreibtisch schriftliche Meldungen zu lesen über Misrata, die belagerte Stadt. Man muss vor Ort sein, um ein klares Bild übermitteln zu können. (...) In einem solchen Häuserkampf muss man sehr wache Sinne haben. Ich frage mich permanent, wie groß die Gefahr für mich selbst ist. Ich muss permanent entscheiden: da kann ich hingehen und da lieber nicht."

Auch zwei Fotografen wollten über den Krieg in Misrata berichten und wurden dabei am vergangenen Mittwoch getötet. Auf einem Schlachtfeld mitten in der Stadt traf sie eine Granate, abgefeuert von Gaddafis Truppen. Die Opfer: Tim Hetherington, preisgekrönter Fotograf und Dokumentarist, und Chris Hondros, ebenfalls preisgekrönter Kriegsfotograf. Sie arbeiteten für US-amerikanische und internationale Medien.

Kameramann Christophe Kenck war Augenzeuge des Vorfalls. Er ist schockiert. Er meint, der Tod der Kollegen sei vermeidbar gewesen: "Wir waren mit ihnen in einer Gruppe. Dann haben sich die amerikanischen Fotografen von uns abgesetzt. Ich habe nicht verstanden warum. Sie sind auf ein offenes Gelände ohne Deckung gegangen. Dort waren sie eine Zielscheibe und dort sind sie von der Granate getroffen worden. (...) Ich habe gemerkt, wie sich die Situation zuspitzte, dass es in dieser Gegend sehr gefährlich und unübersichtlich wurde. Ich war darauf aus, sicher von dort wegzukommen. "

Journalistische Verantwortung

Trotz der Gefahren ist das französische Team überzeugt, dass Misrata nicht zur berichterstattungsfreien Zone werden darf.

Bôny: "Ich bin Reporter und Familienvater. Wir schaffen es im Moment noch, von hier zu berichten, und solange das möglich ist, ist es die richtige Entscheidung hierher zu kommen."

Kein Reporter ist an einem Ort wie Misrata davor gefeit, von einer Rakete oder einer Kugel getroffen zu werden. Zu beurteilen, ab wann das Risiko zu hoch wird, wird immer eine der schwierigsten Entscheidungen des Berufs bleiben.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 27.04.2011 | 23:05 Uhr

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