Sendedatum: 02.09.2009 23:00 Uhr  | Archiv

Abgründe - Der Fall Heinze im NDR

von Gita Datta, Grit Fischer

Doris Heinze ist die Frau, die mit gezinktem Gatten gespielt hat. Als Fernsehfilm-Chefin war sie das Pfund des NDR. Jetzt ist sie das größte Problem des Senders, tagtäglich gibt es neue Schlagzeilen. Die neuste Meldung kam am Mittwochabend, da hat Doris Heinze zum ersten Mal eingeräumt, dem NDR unter Pseudonym auch eigene Drehbücher untergejubelt zu haben.

In ihrem Büro hat sie gewirkt, gelesen , geschrieben, Entscheidungen getroffen, Aufträge vergeben. Jetzt ist das Büro von Doris Heinze verlassen. Bis vor einer Woche noch war sie im Amt. Doris Heinze, war 18 Jahre lang die große Fernsehspielchefin des NDR. Ihre Stoffe und ihre Stars waren erfolgreich. Sie hatte viele Kontakte und viel Verantwortung. Hans Leyendecker von der Süddeutsche Zeitung meint dazu: "Doris Heinze hatte offenbar Macht. Wer beim NDR landen wollte in diesem Bereich, musste über Doris Heinze gehen. Wenn sie den Daumen senkte, war jemand draußen. Sie saß in Jurys, sie hatte Einfluss, auch welche Filme gut ausgezeichnet wurden. Also an ihr vorbeizukommen war schwierig." Dazu ergänzt der NDR Fernsehdirektor Frank Beckmann: "Wenn sie jemanden als Autoren als wirklich positiv bewertet hatte, dann war das dass Urteil der Fernseh-Chefin und dieses Urteil hatte in der ganzen Branche auch ein ganz, ganz großes Gewicht." Sie entschiedet lange Zeit, welche Drehbücher verfilmt werden.

Doris Heinze ist lange unangefochten

Für den Tatort erfindet sie einen Undercoverermittler mit Migrationshintergrund, ihre Figuren gelten als innovativ. Doris Heinze ist in ihrer Arbeit unangefochten. Sie schaltet und waltet, wacht über große Produktionen. Lutz Marmor, der NDR Intendant, schätzt ihre Position folgendermaßen ein: "Es spricht aber schon vieles dafür, dass die besondere Position von Frau Heinze, die ja eine ganz prominente und erfolgreiche Filmmacherin war, dass die natürlich auch dazu beigetragen hat, dass sie bestimmte Dinge dann durchgesetzt hat, die andere vielleicht so nicht durchgesetzt hätten." Und so setzt sie jahrelang vieles durch.

Bis die Süddeutsche Zeitung die Pressestelle des NDR vor zwei Wochen um einen Kontakt zu den Drehbuchautoren Niklas Becker und Marie Funder bat. Hans Leyendecker von der Süddeutsche Zeitung mein zu seiner Anfrage: "Der NDR hat auf unsere Recherchen so reagiert, dass er zunächst die Sache, so glaube ich, nicht sehr ernst nahm, dann wurden unsere Anfragen ernster und dann war auf einmal offenbar die Hölle los." Es ging zunächst um Pseudonyme - in der Branche nichts Unübliches. Aber hinter Niklas Becker steckt Claus Strobel. Und Strobel ist der Ehemann von Doris Heinze. Mehrere Drehbücher von Strobel alias Becker werden verfilmt, aber hat er die Drehbücher wirklich selber geschrieben? Die Wahrheit kennt nur Frau Heinze.

Sie erdachte Drehbücher und die Lebensläufe der Autoren gleich mit

Heute hat sie zugegeben, dass sie selbst Drehbücher geschrieben hat. "Die Freundin der Tochter" stammt von ihr und sie hat den Film verantwortet. Sie ist Marie Funder. Täuschung, Betrug, eine Interessensvermischung. Doris Heinze war kreativ, auch sehr fleißig. Für die fiktiven Drehbuchautoren entstanden eigene Lebensläufe, wie der von Marie Funder, geboren 1981 in Heidelberg. Angeblich hatte sie Wirtschaftswissenschaften und Jura in Dublin studiert und lebte mit Ehemann David und Sohn Sean an der Ostküste. Über ihren Ehemann alias Niklas Becker heißt es im Presseheft: Seit 1986 lebt er in Amsterdam und Montreal, wo er unter anderem als Script-Doctor tätig war.

Sebastian Andrae vom Verband der Drehbuchautorn meint dazu: "Der Ärger ist natürlich groß. Das ist Entsetzten ist groß, dass jemand, der über die Schalthebel verfügt, gleichzeitig die Bücher selbst schreibt. Denn es geht ja da um Existenzen von Autoren, die das nicht verantworten können, die dann nicht sagen können: Dieses Buch wird auch gemacht. Frau Heinze hat eben beides gemacht. Sie hat geschrieben und sie hat es gleich durchgereicht." Kai-Hinrich Renner vom Hamburger Abendblatt kritisiert das: "Es gibt sehr viele Drehbuchautoren, nicht allen geht es wirklich gut und wenn so Drehbuchautoren von Aufträgen fern gehalten werden, weil möglicherweise die Redakteurin Fernsehspiel im NDR selber ihre Drehbücher zu besseren Konditionen dort veröffentlicht haben will, denke ich, ist das schon ein Schaden. Auch für den Fernsehzuschauer."

Der Schaden ist groß, nicht nur finanziell

Auch für den NDR ist der Schaden groß. Der finanzielle ist noch unbekannt. Der Ruf ramponiert. Lutz Marmor, NDR Intendant schätzt den Schaden folgendermaßen ein: "Ich glaube schon, dass ein großer Schaden entstanden ist. Wir leben von der Glaubwürdigkeit und da will ich gar nichts klein reden. Das ist ein gravierender Fall und wir können jetzt nichts anderes tun als Transparenz zu schaffen." Filmausschnitte: "Katzenzungen", "Fast ein Volltreffer", "Der zweite Blick". Transparenz hätte Heinze selber schaffen können, denn sie durfte Drehbücher schreiben – hätte als Redakteurin allerdings nur das halbe Honorar erhalten. Ihr Mann erhielt das volle Honorar.

Wenn Regisseure allerdings mit Niklas Becker wegen eines Drehbuchs Kontakt aufnehmen wollten, war er nie erreichbar. Sebastian Andrae vom Verband der Drehbuchautoren meint, dass man schon früher hätte dahinter kommen können, er sagt: "Natürlich hätte man, wenn man Fernsehzusammenhänge kennt, sehr stutzig werden müssen, weil jeder weiß, der im Fernsehen arbeitet, dass die Drehbücher geprüft werden auf Erforderlichkeiten des Drehs, auf das Budget, das man zur Verfügung hat, auf die Schauspieler, die man zur Verfügung hat. Da hätte man sehr stutzig werden müssen, ja, um nicht zu sagen: Alarmiert." Angeblich hätten viele gewusst, welches Spiel sie treibt – heißt es heute. Niemand aber hat darüber geredet.

Hans Leyendecker von der Süddeutsche Zeitung beschreibt sie Situation so: "Die Regisseure hatten offenbar Angst. Sie hatten Angst, keine Aufträge mehr zu bekommen. Die Drehbuchautoren, die sich zum Teil haben missbrauchen lassen, hatten auch Angst. Die Produzenten hatten Angst, dass sie keine Produktionen mehr bekommen. Wer 'ne Serie hat, wie Polizeiruf 110, das ist sicheres Geld. Darauf zu verzichten ist ein großes Risiko. Der Markt wird immer enger, es gibt ein großes Produzentensterben derzeit und von daher haben manche gedacht, dass ist halt Landschaftspflege und hilft, wenn man Frau Heinze entgegenkommt."

Das Netzwerk von Doris Heinze war groß

Die Münchener Produktionsfirma All Media Pictures GmbH hat diese Landschaftspflege gerne übernommen. Sie hat die Drehbücher von Niklas Becker realisiert. Die Kontaktperson hier Heike Richter-Karst ist Produzentin bei der All Media und Heinzes Gehilfin. Das Netzwerk von Doris Heinze aber war größer, auch ihre Agentin Inga Pudenz gehörte dazu. Sie hatte sich zunächst als Marie Funder ausgegeben. Hans Leyendecker sagt dazu: "Man fragt sich ein bisschen, hat der NDR es wirklich vorher nicht gewusst? So viele Leute haben darüber gesprochen, wenn man sich umhört, hat es den Sender nie erreicht, warum hat es ihn nie erreicht?" Frank Beckmann, der NDR–Fernsehdirektor nimmt dazu folgendermaßen Stellung: "Wenn wir aber davon nicht wissen und wenn die Hierarchie davon keine Kenntnis hat, dann ist es für uns auch schwer einzuschreiten, weil wir schlicht überhaupt nicht mitbekommen, dass wir hier ein Problem haben, mit dem wir aufräumen müssen."

Jetzt will der NDR aufräumen, die Revision arbeitet sich doch alle Zahlen und Dokumente, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Frank Beckmann beschriebt die Konsequenzen so: "Das hieß für uns, dass wir ins Archiv mussten und uns alle Unterlagen angeschaut haben, wo überhaupt Pseudonyme auftauchen konnten, wo uns Namen entgegengesprungen sind, von denen wir dachten, die könnten auch damit in Verbindung stehen." Auch die Journalisten recherchieren, das Phantom der Fernsehspielchefin, das Klüngel-Netz der Tatort-Chefin.

Die Journalisten haben Fragen. Sind mit den Antworten nicht immer zufrieden, wie Kai-Hinrich Renner das beschreibt: "Uns wurde am Donnerstag vergangener Woche gesagt, es gebe keine Belege dazu, das auch andere Frau Heinze nahestehenden Personen, mit Ausnahme ihres Ehemannes unter Pseudonymen Drehbücher eingereicht hätten. Das ist falsch, wie wir mittlerweile wissen. Wir wissen mittlerweile auch, dass der NDR schon von dem Fall Pudenz/Funder wusste." Frank Beckmann, der NDR–Fernsehdirektor mein dazu: "Fakt ist aber, das wir - jedenfalls nach meiner Kenntnis – das wir immer dann, wenn wir wirklich Belege hatten, Beweise, die es uns erlauben, damit auch an die Öffentlichkeit zu gehen, dass wir diese Beweise auch sofort der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben."

Wie lässt sich so ein Betrug verhindern?

Schneller konnte der NDR nicht handeln, denn Doris Heinze hat dies erst heute zugegeben. Will auch Geld und Zahlungsflüsse offen legen. Gestern noch schrieb der Anwalt von Doris Heinze an die Zapp-Redaktion Folgendes: Frau Heinze ist verreist, ich selber habe anderweitige Termine. Liebe Grüße. Viele fragen jetzt, wer kontrolliert wen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Dazu meint Lutz Marmor, der NDR–Intendant: "Es gibt ein Vier-Augen-Prinzip innerhalb des Norddeutschen Rundfunks und zwar gibt es eine Trennung zwischen der Redaktion und der Produktion und da schaut die Produktion eben darauf: Sind die finanziellen Bedingungen eingehalten? Ist der übliche Rahmen gewährt? Sind die Budgets eingehalten? Das war aber alles – soweit das deren Prüfung ergeben hat – der Fall." Hans Leyendecker von der Süddeutsche Zeitung sagt hingegen: "Wenn der NDR von einem Vier-Augen-Prinzip spricht, könnte man ja meinen, er meint das Ehepaar Heinze, dass die beiden sich angeguckt hätten bei alle dem. Ich glaube schon, dass man das verhindern kann, dass man schauen kann, warum bestimmte Sendungen forciert werden, wie die Abläufe sind, warum Autoren rausfliegen."

Kai-Hinrich-Renner ergänzt Folgendes: "Es muss klar sein, dass es außer der Redakteurin, die einen Auftrag nach draußen gibt, noch jemand anderen, einen Vorgesetzten, einen anderen Kollegen gibt, der genau sieht: An wen geht der Auftrag? Existieren die Personen wirklich, die diesen Auftrag bekommen?" Im NDR mag im Moment niemand hundertprozentig ausschließen, dass es sich um einen Einzelfall handelt.

Niemand hat mit so viel krimineller Energie gerechnet

Die Presse kritisiert einen Fehler im System. Dazu mein Lutz Marmor, der NDR-Intendant: "Wenn wir hier schon von Systemen sprechen, das macht’s nicht besser. Bei uns muss besondere Sorgfalt herrschen beim Umgang mit Gebührengeld, das versuchen wir auch umzusetzen. Wir haben eher mehr Kontrollen als freie Produktionsfirmen, aber man sieht: Keine Kontrolle kann offensichtlich so gut sein, dass sie nicht umgangen werden kann." Hans Leyendecker von der Süddeutsche Zeitung wirft noch folgende Frage auf: "Wer übt wie viel Macht aus, wie viel Willkür gibt es in diesem System? Was passiert eigentlich mit den freien Autoren, wenn sie aufmüpfig sind? Kann es sein, dass sie auf schwarze Listen kommen? Also die Allmacht, die manche Redakteure haben, die muss gebremst und die muss auch kontrolliert werden."

Welches Ausmaß hat die Affäre? Niemand hat mit soviel krimineller Energie im eigenen Haus gerechnet. Frank Beckmann, NDR–Fernsehdirektor meint dazu: "Da kann ich es mir durchaus vorstellen, dass wir neue Regeln entwickeln, die es leichter machen, dass man in Verdachtsfällen auch einen Vorgesetzten oder einen Ombudsmann informieren kann, so das wir am Ende vielleicht besser geschützt sind vor solchen Fehlentwicklungen." Hans Leyendecker antwortet auf die Frage nach den Folgen: "Eigentlich ändert sich im Leben nach nem Skandal nie viel, alle geloben Besserung und dann sudelt man weiter, das haben wir in anderen Affären so erlebt. Ich hoffe, dass es in diesem Fall anders sein wird."

Der Intendant des NDR will dafür sorgen, das dass keine Fiktion bleibt und auch wir bleiben natürlich dran.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.09.2009 | 23:00 Uhr

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