Sendedatum: 07.03.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Medien-Frauen: Für eine Quote

Frauenquote: Die Diskussion ist alles andere als neu. Seit einem Jahr hat sie wieder Hochkonjunktur. In den Medien wurde viel darüber berichtet. Jetzt ist die Diskussion auch in den Medien selbst angekommen. Auch hier gibt es wenige Frauen in Führungspositionen. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, dachten sich Journalistinnen. Geboren war die Initiative "ProQuote".

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Ein typisches Bild in den Chefetagen der Medienhäuser. Eine Frau an der Spitze: die Ausnahme.

Ines Pohl, Chefredakteurin der "taz": "Es geht ja nicht voran. Insofern scheint die Quote der einzige Weg zu sein."

Auch Susanne Gaschke, Redakteurin der "Zeit" meint: "Ich glaube, die Quote ist die Voraussetzung,  was zu ändern. Dann nur kann sich die Kultur ändern."

Zusammen mit knapp 2.000 anderen Journalistinnen fordern sie mehr Frauen in Führungspositionen der Medien. Auch ein paar Männer fordern mit. In einem Brief an Chefredakteure, Intendanten, Verleger und Herausgeber kritisieren sie: "Nur zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen sind Frauen"

"Der Spiegel" - In der Chefredaktion: Keine Frau. Bei Spiegel Online immerhin eine Stellvertreterin. Im jüngsten Jubiläumsbuch sieht das so aus: Konferenz der Kerle. Frauen sitzen in der zweiten Reihe. Dabei war das Thema Frauenquote dem "Spiegel" einige Monate vorher eine Titelgeschichte wert. Die Redakteurinnen stellten damals "Die Machtfrage". Auch im eigenen Haus. Jetzt bringen Journalistinnen sie mit "ProQuote" wieder auf die Tagesordnung, auf einer Podiumsdiskussion - beim Spiegel.

Dort nahm Georg Mascolo, Chefredakteur vom "Spiegel" Stellung: "Die Bereitschaft im Spiegel die Verhältnisse zu verändern muss nicht mehr geweckt werden, weil ich davon überzeugt bin, dass das eine Einstellung ist, die im ganzen Haus mittlerweile geteilt wird. Und ganz sicher auch von mir."

Trotzdem sind Frauen beim "Spiegel" in Führungspositionen vor allem die Stellvertreterinnen. Auch "Spiegel"-Redakteurinnen unterstützen "ProQuote" und die Forderung: "Dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden"

Georg Mascolo sieht in der Frauenquote nicht die Lösung: "Ich war und bin aber der Auffassung, dass die Quote dafür in einem Unternehmen wie dem Spiegel nicht das richtige Instrument ist."

Warum er die Quote nicht für den richtigen Weg hält, wollte er gegenüber ZAPP nicht sagen. Andere Männer aus anderen Chefetagen ließen sich nicht lange bitten.

Die Frauenquote rechnet sich jeder, wie er sie braucht

Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche schrieb: "Verehrte Kolleginnen, in der Chefredaktion der WiWo sind ein Drittel weiblichen Geschlechts; auf der Ebene Ressortleiter 3 von 8."

Der Personalchef, Alexander Schmid-Lossberg, sah die Axel Springer AG auf einem guten Weg: "Die Axel Springer AG hat vor beinahe zwei Jahren, [...] das Projekt 'Chancen:gleich!' gestartet und sich das Ziel gesetzt, den Anteil an Frauen in Führungspositionen [...] auf über 30 Prozent zu verdoppeln."

Auch der Chefredakteur von Süddeutsche.de, Stefan Plöchinger hält die Quote nicht für notwendig: "Wir haben die 30 Prozent überschritten, ohne dass wir eine Quotenregelung gebraucht haben."

Das mag stimmen. Aber beim Thema Frauenquote rechnet jeder wie er es braucht - je nach Perspektive.

Susanne Gaschke: "Ich finde das ist Schönrechnerei. Weil in aller Regel sind das Positionen - von Reisen bis zur schönen  Literatur von den unterstützenden Leistungen, CvD, Chef vom Dienst – also die, die die ganze Sache am Laufen halten -  Kinderseiten und Rezepte. Da wird man vielleicht mit Ach und Krach auf verantwortliche Posten kommen. Aber in den harten Ressorts Wirtschaft und Politik können sie es doch vergessen. Und in den Chefredakteursposten sowieso!"

In manchen Chefetagen übernehmen Frauen bereits die Verantwortung

In der ARD ist es in den Top-Etagen schon weiblicher geworden.

Monika Piel, Intendantin des WDR bei einer Pressekonferenz in Erfurt: "Wir sind drei Intendantinnen in der Runde und sitzen zum ersten Mal so zusammen. Das freut mich."

Die Forderung von "ProQuote" ist auf dieser Ebene also erfüllt. Auch darunter übernehmen immer mehr Frauen Verantwortung: Die Öffentlich-Rechtlichen sind nämlich an ihre jeweiligen gesetzlichen Vorgaben zur Frauenförderung gebunden.

Die Redaktion der "taz" hat sich freiwillig eine Frauenquote von 50 Prozent verordnet - seit den 80er Jahren.

Ines Pohl meint: "Um sozusagen die ganze Bandbreite der Gesellschaft widerzuspiegeln, ist es auch wichtig, dass Männer und Frauen gleichermaßen in Entscheiderpositionen vertreten sind."

Es geht um Themensetzung. Jedes Thema hat mehrere Zugänge, jede Nachricht einen anderen Schwerpunkt - je nachdem, wer sie macht.

Ines Pohl: "Es ist natürlich schon davon bestimmt, wer die Nachrichten auswertet, wer beurteilt, welche Nachrichten es überhaupt wert sind, dass darüber berichtet wird. Das hängt immer vom Geschlecht und sozialem Hintergrund ab, weil die Lebenserfahrung von Männern und Frauen doch sehr unterschiedlich sind."

"ProQuote" ist offensichtlich Thema - auch bei den Männern.

"Fürchtet Euch nicht" – titeln die "Frankfurter Rundschau", das Hamburger Abendblatt spricht von "Guerilla-Taktik" und die "Berliner Zeitung" hat "Fifty-fifty" für sich entdeckt .

Ist die Quote eine zu einfache Idee für einen komplizierten Alltag?

Schreiben da frauenbewegte Männer oder tut sich wirklich was? Der Alltag ist jedenfalls komplizierter als es die Quote regeln könnte.

Susanne Gaschke: "Ich glaube, das stimmt, was viele sagen, dass Männer einfach unbescheidener sind und wirklich dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten völlig hemmungslos als großartig darzustellen, während Frauen tendenziell selbstkritisch sind und immer zweifeln, ob sie das schon können und ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Und im Zweifelsfall auch noch, ob sie irgendjemandem was wegnehmen. Und insofern ihr Licht sehr unter den Scheffel stellen und zu vorsichtig sind."

Ines Pohl: "Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass in den Medien die Arbeitszeiten ausgesprochen familienunfreundlich sind. Also es ist – das wissen Sie – es ist Feierabend, es ist schwierig, du weißt nie, wann wieder ein Bundespräsident zurücktritt. Und dann ist dein Kindergeburtstag, deine Planungen fallen dann ganz kurzfristig um. Und das ist eine Flexibilität, die viele Frauen in der Kombination mit der Familie nicht erbringen können."

Was also soll dann "ProQuote"? Nur ein Denkanstoß?

Ines Pohl: "Na, die Frauenquote nimmt ja die Verantwortlichen in die Pflicht, die Frauen dann eben zu suchen im Zweifelsfall. Also das kann ich aus meiner eigenen Perspektive sagen: Es  gäbe für den einen der anderen Job vielleicht schneller einen Mann, der den Job übernehmen würde, aber wenn es die Quote gibt, ist man gehalten, eben noch eine weitere Runde zu drehen, um eine geeignete Frau zu finden."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.03.2012 | 23:20 Uhr

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