Sendedatum: 18.05.2011 23:05 Uhr  | Archiv

Die Arroganz der Datensünder Facebook & Co

Es muss wirklich frustrierend sein: Da versuchen Datenschutzexperten, Abgeordnete und sogar Bundesminister die Datensammelwut großer Internetriesen mit Gesetzen und Bußgeldern einzudämmen, aber es gelingt einfach nicht. Globale Konzerne wie Google, Facebook oder Apple interessieren sich anscheinend herzlich wenig für unsere nationale Gesetze. Und wenn mal ein Skandal ans Licht kommt, dass Daten verbotenerweise gespeichert oder weitergegeben wurden, dann spielt man es eben herunter. Notfalls entschuldigt man sich medienwirksam und macht dann weiter wie bisher.

Schwebender Bildschirm mit Google-Seite und dem facebook-Schriftzug (Montage) © iStockphoto Foto: Petrovich9

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Jasmin Klofta und Anne Ruprecht über die Arroganz der Datensünder.

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Ein Blogger enthüllte, was eigentlich verborgen bleiben sollte. Per E-Mail schlägt eine PR-Agentur ihm einen Deal vor: Er solle einen kritischen Artikel schreiben über Verletzungen des Datenschutzes bei Google. Die angeblichen Fakten zum angeblichen Skandal werden gleich mitgeliefert. Der Blogger ist skeptisch und fragt, wer dafür bezahle. Die Antwort: "Leider kann ich meinen Auftraggeber nicht nennen." (deutsch. Übersetzung) Der Blogger veröffentlicht die E-Mails. Kurze Zeit später wird klar, dass es eine Schmutzkampagne war, angezettelt vom Google-Konkurrenten Facebook.

Frank Rieger vom Chaos Computer Club meint: "Der Versuch gerade auf Google zu zeigen zum Thema Privacy, wo Facebook da doch ja einige Dinge im argen im eigenen Hause hat, ist natürlich mehr als peinlich." Noch peinlicher ist, dass Facebook sich nun als Datenschützer inszeniert. Das alles "war weder in Auftrag gegeben noch beabsichtigt", behauptet Facebook. Die PR-Agentur habe nur auf Datenschutzprobleme bei Google aufmerksam machen sollen. Der geplante PR-Coup wird damit vollends zum PR-Gau. Denn als Datenschützer ist Facebook in der Vergangenheit nicht aufgefallen.  Wohnort, Geburtstag, sexuelle Ausrichtung, auch religiöse und politische Einstellung, Musik, Bücher Filme, die persönlichen Kontaktdaten der Facebook-Freunde. Facebook weiß viel und will mehr wissen, immer mehr. 

Der Autor des Buches "Die Facebokk-Falle", Sascha Adamek, erklärt: "Erst mit diesen Daten, die wir von uns preisgeben, kann Facebook als Werbefläche dienen und insofern ist es maximal für das Geschäftsmodell notwendig, dass wir uns offenlegen. Ein Nutzer, der wenig von sich preisgibt, ist ein ziemlich wertloser Nutzer für Facebook."

Johannes Caspar, Hamburger Datenschutzbeauftragter, sagt: "Tatsächlich haben diese Firmen ja ein Geschäftsmodell, das im Prinzip jenseits des Datenschutzes liegt. Das muss man ganz klar sagen, hier geht es darum, mit Daten Geld zu verdienen."

Die Datenkrake Facebook

2009 prescht Facebook vor und will sich alle privaten Inhalte der Plattform für eine unbegrenzte kommerzielle Nutzung sichern. Mit einer heimlichen Änderung der Geschäftsbedingungen. Sie müssen zurückrudern. Facebook sammelt sogar Daten von Menschen, die nicht bei Facebook sind. Mit dem Service "Freundefinder" lassen Mitglieder ihre E-Mail-Kontakte durchsuchen und Facebook freut sich. 2010 wird dieser Datenskandal öffentlich. Ebenfalls seit Jahren in der Kritik: Die teilweise kryptische, endlose Datenschutzerklärung mit ständig neue Regelungen. Sie ist in weiten Teilen ein Freibrief für Facebook. Facebook-Chef Mark Zuckerberg aber preist weiter die schöne offene Welt der Plattform: "Es ist richtig, dass nur bestimmte Informationen immer privat bleiben." Auf die Frage einer Reporterin, ob das nicht geändert werden sollte, meint Zuckerberg: "Nein. Denn nur so können alle Nutzer am meisten von sich mitteilen." (dt. Übersetzung) (abcNEWS, 21.07.2010). Durch Datenschutz will er sich nicht aufhalten lassen.    

Frank Rieger: "Das ist so die Taktik, die Facebook da fährt: Lieber ein bisschen forscher zu sein, ein bisschen vorzupreschen, zu versuchen, an mehr Daten zu kommen oder mehr Daten freigegeben zu bekommen, um dann, wenn Leute anfangen, na ja, sich darüber aufzuregen, wieder ein Stückchen zurückzugehen und zu sagen, 'wir haben ja alles versucht, richtig zu machen'."

Sammelwut bei Google

Auch der Internetriese Google will immer mehr Daten sammeln. Normalerweise tut er das unauffällig und im Hintergrund. Doch 2010 wird ein Datenskandal bei Google-Streetview öffentlich. Auf Druck von Datenschützern muss das Unternehmen zugeben: Bei den Aufzeichnungen der Straßenzüge hatte Google im Vorbeifahren Daten der Anwohner abgegriffen über offene WLAN-Netze, ganz nebenbei. 

Viele Fragen bleiben offen. Bei Google heißt es zuerst, nur technische Daten seien abgegriffen worden. Kurze Zeit später die Korrektur: "Versehentlich" habe Google doch persönliche Daten gesammelt, aber "nur Fragmente". Monate später korrigieren sie wieder: Es waren nun doch "ganze E-Mails ... sowie Passwörter" dabei.

Frank Rieger: "Google hat da auch so eine Salami-Taktik gefahren. Das heißt, sie haben versucht, sich erst mal so ein bisschen zu sagen, es ist alles nicht so schlimm, und dann haben sie später so nach und nach so ein bisschen zugegeben, dass sie doch wesentlich mehr Daten erfasst haben als sie eigentlich geplant oder als sie zugegeben haben."

Dass Google Fehler zugeben musste, hat der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar erreicht. Es war nur ein kleiner Erfolg im großen Kampf um die Daten. "Es ist häufig so, dass wir natürlich und das muss man natürlich für alle Kolleginnen und Kollegen auch im Bundesgebiet sagen, oft eben Schwierigkeiten haben hinterherzukommen. Die Dinge sind eben sehr schnelllebig. Es geht teilweise so, dass sie am letzten Tag einen Datenschutzskandal hatten, der dann vom nächsten schon wieder überholt wird und an Brisanz auch übertroffen wird", erklärt Casper.

Skandal bei Apple

Der iPhone-Hersteller hatte sich lange Zeit als Musterknabe präsentiert. Steve Jobbs, Apple-Grüner oder Vorstandsvorsitzender, meint am 1. Juni 2010:  "Wir hatten schon immer eine komplett andere Ansicht zum Datenschutz als einige unserer Kollegen im Valley. Wir nehmen Datenschutz extrem ernst." (dt. Übersetzung).

Doch das Saubermann-Image ist stark angekratzt. Im April diesen Jahres kam heraus, dass auf Apples iPhones und iPads die Positionsdaten der Nutzer aufgezeichnet wurden. Mit diesen Daten lässt sich verfolgen, wer sich wann, wo aufgehalten hat. Die Kunden wussten davon nichts, dachten sogar, dass sie alle Ortungsdienste gezielt an ihrem Handy ausstellen könnten. "Das Geschäft mit den Ortsdaten" (FAZ, 03.05.2011) bringt das Unternehmen in Bedrängnis. Und Apple schweigt eine ganze Woche lang. Erst dann äußert sich Firmen-Chef Steve Jobs dazu und spricht von einem "Programmierfehler" - eine Reaktion voller Arroganz.

Frank Rieger: "Die Kurzzusammenfassung dieser Reaktion war ja: 'Wir hatten da so ein kleines Problem, ein kleiner Programmierfehler. Übrigens wir haben jetzt ein weißes iPhone'. Das ist halt sehr typisch für Apple, die versuchen eigentlich immer als die Guten da zu stehen und die Benutzer davon abzulenken, was eigentlich passiert."

Im Konkurrenz-Kampf um die Daten wollen sie alle den transparenten Kunden. Transparenz in eigener Sache gibt es nicht. Stattdessen: Ablenken, Hinhalten, Taktieren.

Sascha Adamek: "Im Grunde genommen folgt es immer dem gleichen Muster: Man versucht zu gucken, wie weit kann ich gehen, wie weit kann ich bei der Datensammlung, maximalen Datensammlung gehen und versuchen, dass es nicht auffällt und wenn diese Kritik dann zu laut wird, dann entschuldige ich mich am Ende. Das ist allerdings alles andere als glaubwürdig."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.05.2011 | 23:05 Uhr

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