Stand: 08.11.2017 23:20 Uhr

eSports: wo TV (noch) keine Rolle spielt

von Aimen Abdulaziz-Said

Ralf Reichert kann sich noch genau erinnern, wie alles begann. Gemeinsam mit seiner Mutter fuhr er 1998 nach Schweden, um seinen Bruder bei der inoffiziellen Quake-Weltmeisterschaft anzufeuern. "Wenn ich einen Bezug zu Computerspielen hätte, dann würde ich da gerne auch häufiger zuschauen", habe seine Mutter nach dem Wochenende zu ihm gesagt.

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Reichert ist damals Mitte zwanzig und selbst leidenschaftlicher Zocker. Er versteht nicht sofort, was seine Mutter ihm sagen will, doch der Satz lässt ihn nicht mehr los. Zwei Jahre später gründet er schließlich die Electronic Sports League - kurz ESL -, eine Plattform für Computer-Spieler und -Fans. Vielleicht könne man ja tatsächlich ein Geschäft darauf aufbauen, habe er damals gedacht.

Aus dem Hobby wurde ein lukratives Geschäft

Fast zwanzig Jahre später steht Reichert im VIP-Bereich der Hamburger Barclaycard-Arena und blickt zufrieden auf die Ränge. An diesem Wochenende findet hier das Gaming-Event ESL One statt: Acht Teams treten im Strategiespiel Dota2 gegeneinander an. Der Preispool beträgt eine Million Euro. Die Halle ist ausverkauft, fast 50 Euro haben die rund 10.000 Zuschauer jeweils bezahlt, um ihren Idolen auf riesigen Leinwänden beim Computer spielen zuzuschauen. Was als Hobby begann, ist inzwischen ein lukratives Geschäft - und ESL-Chef Reichert einer der einflussreichsten Akteure der Branche.

Finanzielles Potential für deutsche Fernsehsender

Deutsche Fernsehsender haben sich lange nicht für eSports interessiert. Das ändert sich jetzt allmählich, denn auch sie haben das finanzielle Potenzial erkannt. 50 Millionen Euro betrug der Umsatz der eSports-Branche 2016 allein in Deutschland. 2020 sollen es laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte schon 130 Millionen Euro sein, weltweit soll der Umsatz sogar schon bald die Milliarden-Marke knacken. Und die Sender wollen ein Stück vom Kuchen abhaben.

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Der Vorreiter im deutschen Fernsehen ist Sport1. Bereits vor zwei Jahren stiegen die Münchner in die eSports-Berichterstattung ein. Von der ESL One aus Hamburg berichtete Sport1 sogar mehrere Stunden live. Auch Sender wie Sky oder ProSieben berichten inzwischen regelmäßig über eSports. ESL-Chef Reichert freut sich über das wachsende mediale Interesse an seinem Sport. Seine Mission sei es, "eSports auf jeden Bildschirm der Welt zu bringen". Dazu gehöre natürlich auch das Fernsehen. Auf die Sender angewiesen sei die Szene aber nicht: "eSports ist ohne das lineare Fernsehen da hingekommen, wo er heutzutage ist", so Reichert.

Passen lineares Fernsehen und eSports zusammen?

Thomas Horky, Professor Macromedia Hochschule © NDR
Sieht im eSports eine Chance für das Fernsehen, das Programm zu verjüngen: Professor Thomas Horky.

Professor Thomas Horky von der Macromedia Hochschule sieht das ähnlich: "Wenn Sie mich fragen, braucht das Fernsehen eher die eSports-Szene, denn die eSports-Szene präsentiert eine Reichweite, die das Fernsehen in vielen Fällen nicht mehr hat: jung, aufmerksam, lange Aufmerksamkeitsspannen beim Zuschauen." Das seien alles Dinge, die das lineare Fernsehen sehr gut gebrauchen könne. "Dementsprechend ist das für die Sender eine Möglichkeit, das Programm zu verjüngen und neue Zuschauer zu generieren."

Auch beim Turnier in Hamburg machen die Jungen den mit Abstand größten Anteil unter den Zuschauern aus. Ob sie allerdings als Retter des linearen Fernsehens taugen, ist zumindest fraglich, denn Online-Plattformen wie Twitch sind bereits seit Jahren fest in der Szene verankert. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, eSports im linearen Fernsehen zu gucken, antwortete ein Zuschauer: "Eigentlich nicht. Wir haben 2017, da guckt man Netflix und Amazon."

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ZAPP | 08.11.2017 | 23:20 Uhr

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