Sendedatum: 25.04.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Spätzünder: Die ARD und die Jugend

So als 14-, 15-Jähriger, nachmittags nach der Schule, Hausaufgaben fertig, haut man sich ja gerne mal vor den Fernseher. Haben wir auch gemacht. Haben ARD, ZDF und die Dritten gesehen oder eben DDR 1 und 2. Gab ja auch nichts anderes. Und heute? Wenn man als Jugendlicher tatsächlich mal nicht RTL oder ProSieben schauen wollen würde? Dann hat man die Wahl zwischen "Leopard, Seebär und Co" im Ersten oder "daheim und unterwegs", "mein Nachmittag" oder "hier ab vier" in den Dritten. Nichts gegen diese Sendungen, aber für Jugendliche sind sie vielleicht nicht so interessant. Dagegen will man in der ARD jetzt dann doch was unternehmen. Aber, gemach, gemach, die ARD ist schließlich schon 62.

Das Logo der ARD und verschiedener ARD Anstalten. © dpa Foto: Rainer Jensen

ZAPP

Ein Film von Boris Rosenkranz und Grit Fischer.

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Sie sind stolz. Die ARD-Oberen stellten heute neue Projekte vor: zum Beispiel eine Mediathek für junge Zuschauer. Zu dem oft geforderten ARD-Jugendkanal konnten sie sich wieder nicht entschließen.

Monika Piel, WDR Intendantin: "Wir streben auf keinen Fall einen Jugendkanal an, sondern, wenn, das haben wir aber auch immer so kommuniziert, streben wir einen jungen Kanal an, keinen Jugendkanal."

Und probiert ab Montag für vier Stunden am Abend, wie junges Fernsehen aussehen kann. Initiiert und bezahlt vom SWR. Mit jungen Leuten kennen sie sich hier aus. Das SWR-Programm "DASDING" sendet schon seit Jahren für junges Publikum, im Radio, Fernsehen und im Internet.

Wolfgang Gushurst, Programmchef "DASDING": "Da hatten wir die Möglichkeit, in den letzten Jahren viele Erfahrungen zu sammeln, und das haben wir alles zusammengeschmissen und uns auch noch mit Produktionsfirmen zusammengetan. Und ich glaube, wir haben jetzt sehr gute Formate auf den Weg gebracht und hoffen, dass wir viele junge Menschen damit erreichen können."

Diemut Roether, Leitende Redakteurin "epd Medien": "Ich finde das vernünftig. Also ich denke, wenn man junge Leute erreichen will, muss man gucken, dass man ihnen was anbietet. Früher waren die Dritten Programme sowas wie das Talentreservoir für das Erste. Also Harald Schmidt und Hape Kerkeling, und wie sie alle heißen, sind dort groß geworden und so was fehlt der ARD inzwischen."

Wo ist das junge Publikum?

Wie das junge Publikum. Das Durchschnittsalter der ARD-Zuschauer steigt stetig. Im Ersten liegt es inzwischen bei 61 Jahren, in den Dritten bei 62. Mehr Sendungen für Junge anzubieten, fordern die ARD-Rundfunkräte deshalb schon lange. Ihre Kritik ist oft deutlich - am Programm und am zähen Prozedere in der ARD.

Ruth Hieronymi, Vorsitzende ARD-Gremienvorsitzendenkonferenz: "Ich habe gelernt, dass die föderale Anstalt ARD, eben sich schwer tut mit schnellen zentralisierten Entscheidungsprozessen. Das liegt aber in der Struktur der ARD. Und insofern muss man das Ergebnis, was jetzt erreicht ist, und die Zeit, die dafür ins Land gegangen ist, an diesen strukturellen Schwierigkeiten auch messen."

Die Rundfunkräte sind geduldig und nun doch zufrieden mit den neuen Einzelprojekten. Die Zielgruppe selbst, die Jugend, ist eher zurückhaltend in Sachen ARD. ZAPP hat bei den Jugendmedientagen in Stuttgart nachgefragt:
Daniel, 18: "Es ist halt ein Altherren-Sender, wie Harald Schmidt auch immer gesagt hat."
Diana, 16: "Ich finde das ein bisschen uninteressant, also das ist nichts für uns Jugendliche, sondern eher für Erwachsene."
Dardan, 20: "Die ARD muss schon was für die Jugendlichen auch tun, weil es eher ältere Leute anspricht."

Wie schalten mehr junge Zuschauer die ARD ein?

Die ARD-Verantwortlichen betonen nimmermüde: Auch Junge schalten das Erste ein -  Sportschau, Tatort, die Tagesschau. Die anderen jungen Formate sind bislang verstreut in den dritten Programmen und den Digitalkanälen. Viele ARD-Anstalten suchen die Jugend, aber alle für sich. Die ARD-Verantwortlichen konferieren viel, grübeln, versuchen, das Rätsel Jugend zu entschlüsseln.

Diemut Roether: "Bisher kann ich keine Strategie erkennen bei der ARD. Man hat viel darüber diskutiert und dann hat man aber in meinen Augen wenig gemacht. [...] Also, ich glaube natürlich, ein Problem liegt schon auch ein bisschen an der föderalen Struktur der ARD, dass man sich offenbar auch oft nicht grün ist."

Viele Verantwortliche, wenig Plan und viel Zeit. Die junge Mediathek, heute wurde ihr Start verkündet. Vorbereitet hat das eine Arbeitsgruppe zwei Jahre lang, geleitet von Monika Piel. Vor einem Jahr hatte sie die Jugend anscheinend schon aufgegeben: "Die Jugend ist so heterogen, sie interessiert sich für Angebote, die mit dem öffentlich-rechtlichen Profil kaum zusammenzubringen sind." (3.1.2011).

Diemut Roether: "Wenn sie einerseits sagt, die Jugend ist heterogen und anderseits sozusagen unterstellt, die Jugend interessiert sich nur für Chart-Shows wie DSDS oder auch für die sogenannte Scripted Reality bei den Privatsendern, das ist für mich nicht heterogen, das ist homogen. Also wenn ich ein heterogenes Publikum hab, dann muss ich doch gucken, dass ich denen möglichst vielfältige Angebote mache, damit ich dieses Publikum auch kriege."

Doch inzwischen fühlt sich Monika Piel missverstanden. Ihr Zitat von damals sei doch nicht so gemeint: "Das muss aus einem anderen Zusammenhang sein. Ich vermute mal, dass ich gesagt habe, es gibt bestimmte Formate, die erfolgreich sind im kommerziellen Fernsehen, die wir so bei uns im 'Ersten' nicht haben können und auch nicht haben wollen."

Hin und her

Auch bei der Frage nach einem gemeinsamen ARD-Jugendkanal. SWR-Intendant Peter Boudgoust fordert ihn seit Jahren. Intern stieß er auf Widerstand. ZAPP bat um ein Interview. Boudgoust sagte ab. Dabei könnte er viel erzählen über sein neues junges Programm in EinsPlus, für das er knapp fünf Millionen Euro aufwendet.

Wolfgang Gushurst: "Unser Intendant ist ja auch ein Fan von einem Jugendkanal, ich bin auch ein totaler Fan von einem Jugendkanal. Für uns ist das so der erste Schritt dahin. Wir versuchen, diese Abendstrecke jetzt sehr gut hinzukriegen, und hoffen, dass wir dann viele Unterstützer finden."

Unterstützer, wie sie ZDF-Neo schon gefunden hat. Neo, einer der drei Digitalkanäle des Zweiten, macht seit zwei Jahren Fernsehen für Jüngere und darf experimentieren.

Diemut Roether: "Das ZDF hat schon als Konzept die klarere Digitalstrategie vorgelegt mit ZDF-Neo, ZDF-Kultur, ZDF-Info. Sie haben die Kanäle klar profiliert [...] Und wenn man sich jetzt anguckt, was ZDF mit Neo versucht, da sind glaube ich schon ein paar ganz gute Versuche dabei. Sie haben auch natürlich für einen Digitalkanal noch bescheidenen Erfolg bei jungen Leuten, aber sie sagen, dass das durchaus zunimmt."

Zunehmender Erfolg beim jungen Publikum mit frischen Formaten - in der ARD ist das bisher eher eine Wunschvorstellung.

Ruth Hieronymi: "Wir wünschen uns eine junge Marke, das wünschen wir uns ausdrücklich. Wir gehen davon aus, dass es heute nicht mehr ausreicht, junge Leute mit einem auf ihre Zielgruppe ausgerichteten Fernsehkanal anzusprechen, sondern junge Leute wollen das Medium ihrer Wahl nutzen."

Monika Piel: "Es gibt in der ARD eine eindeutige Beschlusslage aller Intendantinnen und Intendanten [...], dass wir das genauso machen, wie wir es machen. Der SWR sammelt die Erfahrungen bei EinsPlus, der WDR bei EinsFestival und eben dieser besondere Ansatz Trimedialität. Und dann werden wir gemeinsam überlegen, was wir damit machen."

Die ARD macht es nun erst mal so, wie sie es macht. Weiter überlegen. Weiter konferieren. Die Jugend muss warten. Kann aber immerhin so lange EinsPlus gucken.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 25.04.2012 | 23:20 Uhr

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