Sendedatum: 09.02.2011 23:05 Uhr Archiv

Die riskante Arbeit der Journalisten in Kairo

von Nils Casjens, Stephanie Zietz

Für viele Ägypter ist es eine wichtige Nachricht: Seit heute können sie den arabischen Sender Al-Dschasira angeblich wieder empfangen und damit wichtige, unabhängige Informationen bekommen. Mit Beginn der Proteste wurde die Berichterstattung massiv behindert, Redaktionen gestürmt, Journalisten drangsaliert und inhaftiert. ZAPP über die Unsicherheit für Journalisten in Kairo.

 

VIDEO: (7 Min)

Das Bild von Ahmed Mahmoud ist ein Mahnmal. Er ist der erste Journalist, der der Gewalt in Kairo zum Opfer gefallen ist. Kollegen protestieren. Denn Journalisten sind zu Zielscheiben geworden. Das war vor einer guten Woche anders. Journalisten sind willkommen, als die Demonstranten für ihr Recht auf freie Meinungsäußerung kämpfen. Friedliche Bilder gehen um die Welt.

Esther Saoub, ARD-Korrespondentin, meint: "Bei den ersten Demonstrationen am 25. Januar habe ich mich einfach unter den Zug gemischt, ich bin mitgelaufen von hier in der Nähe des Büros, einmal um den Block. Also, das waren bestimmt eineinhalb Stunden waren wir unterwegs und es gab überhaupt keine Schwierigkeiten."

Matthias Gebauer, Chefreporter von "Spiegel Online", erzählt: "Das war eine ganz besondere Stimmung, die auch großen Mut der Demonstranten ausgezeichnet hat und die natürlich auch sehr viele Reporter angelockt hat, weil sie dachten, es sei völlig unproblematisch, weil die Sicherheitskräfte völlig im Hintergrund plötzlich standen und einen überhaupt nicht mehr kontrolliert haben."

Doch die Situation eskaliert: Mubarak-Anhänger attackieren die Demonstranten. Sie greifen auch Journalisten an. Chaos auf den Straßen. "Die Stadt hat sich dann so ein bisschen aufgeteilt in sichere und unsichere Zonen. Wobei ich sehr viel telefoniert habe mit ägyptischen Freunden, vor allen Dingen mit Aktivisten, mit Bloggern, die mir immer wieder gesagt haben: Geh dahin, geh da nicht hin, denn die Stimmung ist auch gekippt vor allem gegen ausländische Journalisten", erklärt Saoub.

 

In einem CNN Video sagt eine Reporterin: "Es ist hier etwas chaotisch. Jemand hilft mir jetzt hier raus." (deutsche Übersetzung, 02.02.2011).

Journalisten unerwünscht?

Die Situation auf dem Tahrir-Platz unübersichtlich. Journalisten geraten immer wieder zwischen die Fronten. Sie werden bedroht und gejagt. In einem Video ist zu sehen, wie zwei Journalisten abgeführt werden, sie sind unerwünscht.

Gebauer: "Dort zogen kleinere Gruppen von Männern rum, von denen man nicht wusste, wer sie sind [...] weder tags noch nachts weißt du ja, ob das nun Mubarak-Anhänger oder Regimegegner sind. Und diesen Leuten sozusagen, die traf man oder die hielten teilweise Autos an auch mit Journalisten, fingen dann sofort an, die Journalisten zu bedrohen oder auch zu schlagen."

Die Bilanz bisher: Unter den Verletzten sind 79 Journalisten, 76 wurden festgenommen. Die meisten von ihnen sind Ägypter, doch es trifft auch ausländische Journalisten.

In einem Video fragt eine Ärztin: "Sie sind Journalist?"
Reporter: "Ja."
Ärztin: "Für wen arbeiten Sie?"
Reporter: "Für eine Zeitung in Spanien." (deutsche Übersetzung)

Und so wird die Gewalt gegen Journalisten zum Thema in den Nachrichten.

Im RTL Nachjournal fragt die Moderatorin die Korrespondentin: "Es häufen sich die Berichte über Hetzjagden auf westliche Reporter. Wie erleben Sie das?"

Korrespondentin Antonia Rados: "Gestern wurden wir von Anhängern von Mubarak praktisch beinahe zusammengeschlagen, nur das Sicherheitspersonal unseres Hotels hat uns gerettet." (04.02.2011).

Der ZDF-Korrespondent Dietmar Ossenberg erzählt im heute spezial: "Wir mussten, um hierher zu kommen, ungefähr einen Kilometer zu Fuß laufen, über die '6.Oktober-Brücke', wo ein Wagen auf uns gewartet hat. Und glauben Sie mir, dieser eine Kilometer war das Schlimmste, was ich je mitgemacht habe. So viel Aggressivität und Feindseligkeit habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt." (03.02.2011).

ARD-Korrespondent Jörg Armbruster berichtet in der Tagesschau: "Insgesamt ist das Arbeiten für Reporter und Korrespondenten außerordentlich schwierig geworden. Sie werden angegriffen, wenn sie rausgehen, aber sie werden sogar bis in die Hotels hinein verfolgt, so dass man auch im Hotel nicht mehr sicher sein kann." (ARD, 03.02.2011).

Selbst vor laufender Kamera sind die Korrespondenten nicht mehr sicher.

Dietmar Ossenberg in einer Schalte: "Und haben dann auch ohne Zögern, soweit wir das beurteilen konnten, die Anti-Mubarak-Demonstranten... Jetzt machen wir das Licht aus, bitte. Entschuldigung, weil wir wurden gerade hier mit einem Laserstrahl angestrahlt und das, denke ich, ist das Risiko zu groß."

Moderatorin Mariette Slomka: "Dietmar, dann beenden wir diese Schalte jetzt auch an dieser Stelle. Und sie passen auf sich und Ihre Kollegen bitte gut auf." (ZDF, "heute Journal", 02.02.2011).

Journalisten in Angst

Dafür haben offenbar auch ägyptische Staatsmedien gesorgt. Sie sind dem Regime noch immer treu ergeben und verbreiten dessen Parolen.

Saoub: "Ich hab mehrere Überschriften in ägyptischen Zeitungen gelesen, in denen von ausländischen Verschwörungen die Rede war. Auf dem Tahrir-Platz gehe es eigentlich um etwas ganz anderes, als das, was die Jugendlichen wollen. Da seien Ausländer, die ihre eigenen Ziele durchsetzen. Und In diese Richtung geht auch das staatliche ägyptische Fernsehen, seit mehreren Tagen verbreiten die diese Propaganda."

Gebauer: "Und das war natürlich wahnsinnig gefährlich, weil viele ganz normale Leute, die in diesem politischen Streit überhaupt keine Rolle spielen oder da sich noch gar keine Meinung gebildet haben, das gesehen haben, und dann eben zum Beispiel in Randgebieten von Kairo, wo Journalisten teilweise aufgetaucht sind, diese einfach völlig spontan überfallen haben, weil sie dachten, das sind die Leute, die verantwortlich dafür sind, dass wir kein Brot mehr haben, dass unser Supermarkt nicht auf ist und dass die Tankstelle leer ist."

Doch das Mubarak-Regime kontrolliert nicht nur die öffentliche Meinung: Es schikaniert Journalisten auch ganz offen.

Gebauer: "Es gab mal Festnahmen, auch ich wurde mal am Checkpoint eine Stunde festgehalten. Dann gibt es so diese üblichen Spielchen, dann wird man erst mal mit Handschellen versehen. (...) Es geht darum, die Leute ein bisschen einzuschüchtern und ihnen eben zu zeigen: Ihr könnt hier nicht alles so machen, wie ihr meint, wir haben ein Auge auf euch."

Eine Reporterin des ZDF ist im Gefängnis des Geheimdienstes eingekerkert worden, 24 Stunden lang. Danach ist sie in den deutschen Nachrichten:

Souad Mekhennet: "Das war eine besonders schlimme Erfahrung, weil wir eben nicht wussten, was mit uns geschieht. Weil wir bis zum Ende auch nicht wussten, ob wir aus dieser Situation lebend heraus kommen würden. Und sie war auch deshalb sehr besonders, weil wir mitbekamen, wie ägyptische Behörden mit ihren eigenen Leuten, die, nur weil sie eben mit Journalisten gesprochen hatten oder protestierten, friedlich protestierten, umgingen. Also wie schnell man dann einfach verschleppt wird, als Ägypter vor allen Dingen, und gefoltert wird. Und man konnte nichts tun." (heute journal, ZDF 07.02.2011).

Leichte Entspannung der Situation

Seit einigen Tagen ist es ruhiger auf Kairos Straßen. Mubaraks Schergen halten sich zurück. Die Spuren des Kampfes werden beseitigt. Die Demonstrationen erscheinen als ein großes Volksfest. Die Bilder zeigen ein Land im Umbruch. Es sind Bilder, die das Mubarak-Regime verhindern will. Und so setzt es wieder den altbewährten Akkreditierungszwang durch: Nur wer als Journalist gemeldet ist, darf zu den Demonstranten.

Gebauer: "Grundsätzlich hat die ägyptische Regierung versucht, von Anfang an die Berichterstattung über diese Proteste einfach klein zu halten. Das hat in den letzten 30 Jahren der Mubarak-Regierung oft sehr, sehr gut funktioniert. (...) Das ist heute sehr viel schwieriger, weil man heute eben nicht mehr die Medien gleichschalten kann und weil natürlich in Ägypten die meisten Leute nicht das Staatsfernsehen gucken, sondern die ausländischen Medien."

Noch kann das Regime die Bilder vom Aufstand nicht verhindern. Auch weil die ausländischen Medien geballt vor Ort sind. Doch die ersten ziehen ab. Und so wächst der Druck auf die ägyptischen Journalisten.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.02.2011 | 23:05 Uhr

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