Sendedatum: 02.02.2011 23:05 Uhr Archiv

Ägypten: Ein Berichtsgebiet im Chaos

von Nils Casjens, Stephanie Zietz, Katja Gundlach

Noch vor kurzem ging es, wenn man über Ägypten sprach, eigentlich meistens um Urlaub. Die Pyramiden, wie schön. Eine Nilkreuzfahrt, ach herrlich. Ein Tauchurlaub, wie toll. Das war es dann aber auch mit Wissen über Ägypten. Und nun? Zehntausende sind auf der Straße. Chaos, Revolution. Und plötzlich erfährt man Dinge über Ägypten, von denen man noch nie gehört hat oder für die man sich noch nie interessiert hat. Ägypten ein unfreies Land, mit unterdrückter Opposition, ohne Meinungs- oder Pressefreiheit. Erst jetzt merkt man, wie das Regime von Präsident Mubarak versucht hat, auch Journalismus zu kontrollieren und welch andere Wege sich freie Berichterstattung suchen musste.

VIDEO: (6 Min)

Die Millionenproteste haben im Kleinen begonnen, vor Monaten, weitgehend unbeachtet. Junge Menschen gehen auf die Straße, weil die ägyptische Polizei einen Blogger zu Tode geprügelt hat, einen der ihren.

Golineh Atai, ehemalige ARD-Korrespondentin in Kairo, meint: "Die Leute haben angefangen, sich im Internet zu organisieren über Twitter, über Facebook, über Blogs - und haben so zueinander gefunden. Und da hat sich eine Öffentlichkeit, eine Elite eigentlich, im Internet gefunden, die diese ganzen Dinge, die wir jetzt sehen, auch irgendwie vorbereitet hat."

Der Deutschland-Korrespondent von "Al Dschasira ", Aktham Suliman, erzählt: "Ohne Internet wäre das alles nicht möglich. Früher haben politische Kräfte immer so insgeheim kommuniziert, über was weiß ich was, über Taubenbriefe oder sonst wie. Im Internet haben sich Communities, richtige Communities gebildet. Und die Communities wurden immer größer und immer größer und diese Communities sind dann die Initialzünder für die ganze Bewegung, die jetzt Ägypten ergreift, ganz Ägypten ergreift."

Unabhängige Informationsquellen

Zunächst sind es junge Menschen, die die Initiative ergreifen, weil sie mit den politischen Verhältnissen unzufrieden sind. Sie stellen ihre eigenen Videos ins Netz, laden Fotos hoch. Sie verbreiten ihr eigenes Bild von dem, was in Ägypten passiert.

Loay Mudhoon, Nahostexperte der "Deutschen Welle", erklärt: "Die staatlichen Sender, also die Sender, die direkt unter staatlicher Kontrolle stehen, haben keinerlei Glaubwürdigkeit. Die meisten Ägypter schauen sich diese staatlichen Sender nur als Unterhaltungsquelle an. Die harten Nachrichten, die Informationen erhalten die meisten Ägypter über die panarabischen Sender, aber auch über das Internet." Panarabische Sender wie Al Dschasira , die ihre Zentrale in Katar haben. Sie sind der staatlichen Kontrolle weitgehend entzogen. Und sie zeigen die Bilder, die die ägyptische Regierung so gern verhindern will.

Atai: "Dschasira und Arabia, die beiden wichtigsten Fernsehnachrichtenkanäle, sind natürlich zu den Leitmedien in der Bevölkerung geworden. Sie werden in jedem Dorf in Oberägypten eine Satellitenschüssel finden und Sie werden in jedem kleinen Lehmhaus, das so eine Schüssel auf dem Dach hat, die Stimme von Al Dschasira hören."

Mudhoon: "Al Dschasira hat eine klare Partei ergriffen. Sie hat sich auf die Seite der Demonstranten gestellt. Berichtet sehr emotional und sehr lebensnah. und verfügt über die notwendigen Ressourcen, muss man sagen, sie hat über 10 oder 20 Korrespondenten in den ägyptischen Städten. Über so ein verbreitetes Netz verfügt kein anderer Sender."

Eine Stimme der Demonstranten

Und so ist die tagelange Gewalt der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten nicht nur im Ausland zu sehen, sondern auch in Ägypten. Zu sehen bei Al Dschasira , dem Sender, den das Regime deshalb fürchtet. Es lässt das Al-Dschasira -Büro räumen, verhaftet sechs Mitarbeiter, schaltet den Satellitenzugang des Senders ab, um eine kritische Stimme mundtot zu machen.

Suliman: "Wenn unsere Korrespondent vor Ort irgendwie ein Mikro hinhält oder ein Interview führt, dann macht er sich strafbar, weil er nicht mehr akkreditiert ist. Das Büro ist geschlossen, das heißt, die Infrastruktur, auch schon gemachte Bilder können nicht mehr geschickt werden zu dem Sender. Und der Empfang von Al Dschasira wurde gestört."

Al Dschasira berichtet trotzdem weiter, weicht auf einen anderen Satelliten aus. Der Sender ruft die Menschen auf, Bilder zu schicken, Videos, Berichte. Er gibt den Demonstranten eine Stimme.

Mudhoon: "Al Dschasira -Korrespondenten bekommen Anrufe von der Bevölkerung. Die Bevölkerung schickt Nachrichten. Sie werden das auch auf der Seite von Al Dschasira finden und Al Dschasira berichtet trotzdem vom Tahrir-Platz, also vom Platz der Befreiung, wo die meisten Demonstrationen sich befinden, eigentlich fast live mit einer Standkamera allerdings. Also, ganz komplett ist die Blockade nicht gelungen."

Versuchte Informations-Blockade

Und so greift das Regime zu einem bisher unvorstellbaren Mittel: Es legt das Internet lahm. Ein ganzes Land, abgemeldet. Suliman: "Diese Regime verlieren offensichtlich irgendwann mal die Nähe zur Realität und unternehmen bestimmte Schritte. Im Moment muss man sich mal wirklich fragen, wozu, auch medial gefragt, medial gesehen: Wozu Al Dschasira verbieten? Wozu das Internet unterbinden?"

Atai: "Eigentlich ist das jetzt kein so kluger Schachzug gewesen, denn sie hätte eigentlich von selbst darauf kommen können, dass sich die Proteste verselbstständigt haben und jetzt aus der Mitte der Gesellschaft eigentlich kommen."

Die Bilder vom Aufstand sind längst in der Welt. Die Öffentlichkeit schaut nun genau hin, wie das Regime reagiert und bietet damit zumindest etwas Schutz für die Menschen.

Mudhoon: "Je mehr Anzahl der ausländischen oder der arabischen Journalisten vor Ort sind, desto größer wird die Hemmschwelle für das Regime, für das Militär, brutal auf die Demonstranten zu schießen. Das ist also eine moralische und eine ethische Komponente, aber auch natürlich eine, die journalistisch begründet ist."

Heute sind Gegner und Anhänger des Mubarak-Regimes aufeinander losgegangen. Die Bilanz: mindestens ein Toter und 600 Verletzte. Die Sicherheitskräfte halten sich noch zurück. Was auch geschieht, es wird berichtet werden - trotz Zensur und Schikane.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.02.2011 | 23:05 Uhr

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