Sendedatum: 16.09.2009 23:00 Uhr

Werbe-Video - Die Täuschung der Medien

von Tina Schober
Bild vergrößern
Die gefakte Website einer amerikanischen TV-Station

Was passieren kann, wenn sich Journalismus und PR vermischen, konnte man vergangenen Donnerstag beobachten. Um 9 Uhr 39 meldete die Nachrichtenagentur dpa: "In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein." Ein Selbstmordanschlag – in den USA – arabisch stämmige Täter – meine Güte, da war was los in den Redaktionen. Dann aber, eine Stunde später, erneut eine Eilmeldung der dpa: "Entwarnung in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater" Der Bombenanschlag "war ein böser Scherz". In den nächsten Stunden wird klar: Das Ganze war eine PR-Kampagne für einen Spielfilm. Verantwortlich dafür sind allerdings nicht nur PR-Leute, auch ein Journalist war beteiligt.

Die Bilder wirken echt: Eine angespannte Moderatorin, tumultartige Szenen vor Ort, Interviews mit Augenzeugen und ein zugeschalteter Reporter. Wer diese Aufnahmen am vergangenen Donnerstag gesehen hat, musste nicht gleich misstrauisch werden. Täuschend echte Bilder. Nichts davon ist wahr. Hinter dem Fake stecken die Macher eines Kinofilms. Diverse Medien sind darauf reingefallen, darunter auch die dpa. Anderen Journalisten gelingt es mit Mühe, skeptisch zu bleiben. Markus Hesselmann, Onlinechef Tagesspiegel: „Man hatte diesen Sender, an dessen Authentizität erst mal kein Grund ist zu zweifeln, es gibt kleine Sender in den USA und wir hatten einen Augenzeugen. Eigentlich hätten wir sogar zwei Quellen gehabt, aber da wir bei beiden Sachen so nen Grundzweifel hatten, haben wir gesagt das reicht uns nicht, wir werden da mal weiterschauen.“ Videoausschnitt: Opener der News-Sendung. Der Tagesspiegel prüft die Internetseite des vermeintlichen TV-Senders und stellt fest: alles erfunden.  Und auch die Seite der kalifornischen Kleinstadt Bluewater  - eine Fälschung.

Werbe-Video - Die Täuschung der Medien

ZAPP -

Die Nachricht über den Selbstmordanschlag im amerikanischen Bluewater war eine perfekt geplante Fälschung. Viele Medien fielen darauf herein, einige nicht. Warum eigentlich nicht?

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

taz-Redakteur war Komplize 

Markus Hesselmann, Onlinechef Tagesspiegel: „Dass diese ganze Internetseite gefaked ist und weitere Internetseiten, der Wikipedia-Eintrag und so, das hat dann schon ne Dimension, die sehr, sehr professionell ist. Und wie gesagt, da ist Häme glaube ich nicht angesagt gegenüber den Kollegen, die drauf reingefallen sind.“ Doch viele Medien berichten über die Bluewater-Affäre., der „Anschlag auf die Medien-Welt“ macht Schlagzeilen. Auch die taz schreibt über die gelungene PR-Aktion und prangert die Leichtgläubigkeit der Kollegen an. Der Autor David Denk kritisiert unter anderem die reichlich durchsichtige Verteidigungsstrategie der dpa. David Denk, Redakteur taz: „Ich habe diesen Text nicht geschrieben, um mich über Kollegen zu erheben. Überhaupt nicht. Ich hab den Text geschrieben, weil ich es bemerkenswert fand, wie sich Medien, wie leicht sich Medien austricksen lassen.“ Nachfrage Journalist: „Und Sie sind Teil dieser Austrickserei geworden.“ Was David Denk in seinem Artikel mit keiner Silbe erwähnt: Er selbst war an dieser Täuschungsaktion beteiligt. Zapp hat ihn entdeckt. In einem Video, das die Macher der PR-Kampagne ins Netz gestellt haben. Die Initiatoren hatten ihn eingeladen, für einen Hintergrundbericht über die Aktion. Die fand in einer Wohnung in Berlin statt. Mit vielen Schauspielern in unterschiedlichen Rollen. Einige von ihnen rufen scheinbar aufgeregt deutsche Medien an, streuen Informationen. Andere geben sich als amerikanische Polizisten und Feuerwehrleute aus. Beantworten die Rückfragen der recherchierenden Journalisten. Irgendwann spielt auch David Denk mit. David Denk, Redakteur taz: „Im Vorfeld wars einfach reizvoll. Im Laufe des Vormittags dort in diesem Büro, wo die Aktion geplant und durchgeführt wurde, wurde es dann schon ein bisschen seltsam, weil man immer mehr in so eine Komplizenrolle reinrutschte. So dass man manchmal gefragt oder ungefragt, also zunächst gefragt, später auch ungefragt dann Tipps gegeben hat, was teilweise Formulierungen für Pressemitteilungen, die dann im Laufe des Tages verschickt wurden, halt mitformuliert hat.“ Ein Journalist, der eigentlich unabhängig sein sollte, wird zum Komplizen einer Täuschungsaktion.

Verstoß gegen journalistische Grundregeln

Für die Journalistenvereinigung „netzwerk recherche“ eine Verletzung mehrerer Grundregeln. Manfred Redelfs, netzwerk recherche: „Zunächst einmal hat der Kollege hier gegen das Gebot verstoßen, journalistisch unabhängig zu agieren, er sollte also nicht Initiator des Geschehens oder Mitgestalter des Geschehens sein über das er berichtet. Zum zweiten hat er keine Quellentransparenz hergestellt, er hätte also seine eigene Beteiligung aus der heraus er das Geschehen gut kannte auch offensichtlich machen müssen und zum dritten kann man sich fragen, ob er hier nicht auch einem PR-Zweck gedient hat.“ Denn: Sinn der Aktion war nicht die Recherchefähigkeit von Journalisten zu testen. Sie diente als Werbung für einen Kinofilm. Das wusste auch der taz-Autor. Er war vor Ort, hat mitgemacht. In seinem Artikel davon kein Wort. David Denk, Redakteur taz: „Das ist ein Versäumnis, zu dem ich mich auch schon bekannt habe und zu dem ich mich auch gerne bekenne und das ja auch nur beweist, dass ich genauso fehlbar bin, wie jeder andere Journalist.“ Manfred Redelfs, netzwerk recherche: „Es ist zumindest ein Trend, dass Journalisten immer leichter vor den Karren der PR gespannt werden und da muss man sehr aufpassen, weil natürlich insbesondere die Entwicklung der Online-Medien auch ganz neue Möglichkeiten für die PR-Industrie eröffnet. Und das Beispiel über das wir hier sprechen, illustriert genau diesen Punkt.“

Weitere Informationen

Lehren aus Bluewater

Blog-Beitrag von Bildblog.de über Bluewater. extern

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 16.09.2009 | 23:00 Uhr