Stand: 24.06.2020 13:58 Uhr

Umworbene Journalisten: PR für Urlaubsland Türkei

von Oliver Mayer-Rüth

"Welcome to Antalya", Willkommen in Antalya heißt es am Flughafen des Badeorts an der türkischen Riviera. Doch die Atmosphäre - eher gespenstisch: Ankommenden Reisenden wird mit einer Wärmebildkamera die Körpertemperatur gemessen. Überall stehen Desinfektionsmittelspender. Die Flughafen-Mitarbeiter tragen Plastikvisier. Das sonst um diese Jahreszeit knallvolle Terminal: weitgehend leer. Klassische Pauschaltouristen kommen bislang nur vereinzelt.

Während die deutsche Bundesregierung pünktlich zu Beginn der Urlaubssaison ihre Reisewarnung für die Mitgliedsstaaten der EU und einige weitere europäische Länder aufgehoben hat, gilt die Türkei weiterhin als Corona-Risikogebiet. Urlaubsorte und Strände wirken wie ausgestorben. Sollten jetzt auch noch die Sommergäste ausbleiben, wäre das für Hoteliers und Gastronomen eine Katastrophe.

Umworbene Journalisten: PR für Urlaubsland Türkei

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Die Türkei ist ein beliebtes Reiseziel, gilt jedoch weiterhin als Corona-Risikogebiet. Um Urlauber zu locken, hat das türkische Tourismusministerium eine Pressekampagne gestartet.

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PR für Urlaubsland Türkei

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Im vergangenen Jahr kamen rund fünf Millionen Touristen allein aus Deutschland in die Türkei. Jetzt sind die Hotels leer.

Deshalb hat das türkische Tourismusministerium 40 internationale Journalistinnen und Journalisten nach Antalya eingeladen, für eine Pressekampagne. Im Hotelzimmer warten bereits Geschenke, am Abend gibt es vor der antiken Kulisse des Amphitheaters ein exklusives Konzert für die Gäste. Zur Pressekonferenz erscheint neben dem Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy auch der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Beide geben sich alle Mühe zu zeigen, wie gut die Türkei auf Touristen vorbereitet ist. Es geht um viel: Trotz weiterhin bestehender Reisewarnungen einiger Länder sollen Touristen in die Türkei kommen - so bald wie möglich. Im vergangenen Jahr waren es rund fünf Millionen allein aus Deutschland.

Geringe Infektionszahlen

Die jüngsten Infektionszahlen geben ihnen recht: In der Provinz Antalya gebe es bei 2,4 Millionen Einwohnern gerade einmal acht Corona-Infizierte, sagt der Tourismus-Minister, die Krankenhäuser seien leer. Dass die Bundesregierung ihre Reisewarnung aufrechterhalte bezeichnet Außenminister Çavuşoğlu als eine "politische Entscheidung".

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Um Urlauber zu locken, hat das türkische Tourismusministerium eine gewaltige Pressekampagne gestartet.

Eine Kollegin aus der Ukraine und ein Kollege aus dem Irak, die zur Pressekonferenz angereist sind, erweisen sich schon mal als dankbare Gäste. Die Türkei habe "einen großartigen Job bei den Hygienemaßnahmen gemacht", bescheinigt die ukrainische Journalistin der Regierung. Auch der irakische Kollege lobt den "Einsatz in Sachen Touristensicherheit" und bedankt sich "für die großzügige Gastfreundschaft". Sowas hören die Minister gerne. 

Wenn wir von der ARD fragen, ob die Einladung an deutsche Touristen trotz Reisewarnung der Bundesregierung eine Konfrontation ist, lässt uns der Minister wissen, wir würden alles nur von der negativen Seite sehen. Karin Senz aus dem ARD Hörfunkstudio Istanbul sagt, die Türkei habe bei der Bekämpfung der Pandemie viel richtig gemacht, die politische Lage sei jedoch unverändert. Kritische Fragen zum Thema Menschenrechte versuche das Presseteam der Minister von vornherein zu vermeiden. 

Strenge Hygienemaßnahmen

In einem Hotel dürfen die angereisten Fernsehteams Bilder von den strengen Hygienemaßnahmen drehen. Das Tourismusministerium hat einen Maßnahmenkatalog vorgeschrieben. Hygiene und Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Vaclav Cernohorsky vom tschechischen Fernsehen sagt, Touristen, mit denen er am Flughafen gesprochen habe, seien den Hotels gegenüber dennoch skeptisch. Für die meisten sei es "sicherer und bequemer in einem Apartment zu sein, als in einem Hotel mit anderen hunderten oder tausenden Touristen."

Skeptische Touristen, kritische Journalisten. Kein einfacher Job für die Minister. Es könnte trotz der Kampagne ein trauriges Jahr für den Tourismus in der Türkei werden.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.06.2020 | 23:20 Uhr