Stand: 20.11.2019 14:00 Uhr

"Novaya Gazeta" - Arbeiten unter ständiger Bedrohung

von Stefanie Groth
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Sechs Redaktionsmitglieder der russischen Tageszeitung "Novaja Gazetta" wurden seit dem Jahr 2000 umgebracht - ihre Bilder hängen im Konferenzraum.

Mit Schutzanzügen und Atemmasken bahnt sich das Einsatzkommando seinen Weg durch die Redaktionsräume der "Novaya Gazeta". Kurz zuvor hatte die Assistentin des Chefredakteurs die Post geöffnet und war dabei auf einen Umschlag gestoßen, der weißes Puder enthielt. Während in ihrem Büro alles abgeriegelt und gereinigt wird, steht sie im Flur und muss sich von einem Arzt anhören, was ihr möglicherweise droht. Sollte es sich um eine Infektion handeln, so sagt er, dann würde es "drei, vielleicht fünf Stunden" dauern, bis die sich ausbreite. Zum Glück war das Pulver ungefährlich, offenbar nur eine Drohung.

 

Ein Anschlag oder nur eine Drohung? Ein Brief mit weißem Pulver ist in der Redaktion der "Novaya Gazeta" angekommen und wird nun von einem Mann in Schutzkleidung untersucht. © NDR Foto: Screenshot

"Novaya Gazeta" - Arbeiten unter ständiger Bedrohung

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Die Tageszeitung "Novaya Gazeta" berichtet kritisch - eine Ausnahme in Russland. Die Journalisten zahlen dafür einen hohen Preis. Sechs Kollegen wurden bereits umgebracht.

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5 Journalisten wurden seit dem Jahr 2000 ermordet

Für Journalisten hierzulande sind solche Szenen kaum denkbar - für die Journalisten der "Novaya Gazeta" nahezu Alltag. Die Zeitung ist ein Leuchtturm unabhängiger Berichterstattung in Russland und für ihre investigativen Recherchen auch international hoch angesehen und ausgezeichnet. Das ist die schöne Seite der Medaille. Die andere: Fünf Journalisten und ein Anwalt der "Novaya Gazeta" sind seit dem Jahr 2000 in Zusammenhang mit ihren Recherchen umgebracht worden, darunter Anna Politkowskaja. Es ist auch das Erbe dieser Kollegen, das die Redaktion forttragen will.

Dokumentarfilm "Novaya" zeigt Motivation der Redaktion

Seltene Einblicke in ihre Arbeit zeigt nun der Dokumentarfilm "Novaya" von Askold Kurov. Er hat die Redaktion 18 Monate lang begleitet. Entstanden ist daraus ein Film, den er selbst als Familienporträt bezeichnet: "Für die Journalisten ist die 'Novaya Gazeta' doch vielmehr eine Familie als ein Job. Viele von denen, die dort arbeiten verstehen das auch als ihre Mission. Die gehen dorthin, weil das ihre Möglichkeit ist, richtigen Journalismus zu machen, der anderen Menschen helfen und wirklich etwas bewirken kann."

Russland im Ranking der Pressefreiheit auf Platz 149

Innerhalb der russischen Medienlandschaft ist die "Novaya Gazeta" eine bemerkenswerte Ausnahme. Nahezu alle großen Fernsehsender stehen seit dem Machtantritt von Wladimir Putin unter staatliche Kontrolle, Kreml-treue Eigentümer bestimmen über bedeutende Zeitungshäuser. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Russland auf Platz 149 von 180. Unabhängige Medien haben es schwerer denn je.

Tageszeitung gehört der Belegschaft

Die "Novaya Gazeta" besteht seit ihrer Gründung 1993 als kritisches Blatt. Bis heute hält die Belegschaft mehrheitlich die Anteile der Zeitung und ist damit finanziell unabhängig - aber auch oft genug knapp bei Kasse. "Wer dort arbeitet, der macht das nicht fürs Geld“, erklärt Ali Feruz, der bis 2017 für die "Novaya Gazeta" schrieb. "Manchmal gab es das Geld erst Tage später, manchmal gar nicht. Wir hatten Kollegen, die sind nachts Taxi gefahren, um tagsüber Artikel schreiben zu können."

Anna Politkowskaja ein journalistisches Vorbild

Auch Feruz zieht es nicht wegen der Bezahlung in die Redaktion. Als Kind sieht er ein Interview mit der Journalistin Anna Politkowskaja im Fernsehen und hegt daraufhin den Wunsch, auch Journalist zu werden und für die "Novaya Gazeta" zu schreiben. Feruz flieht 2009 nach Moskau aus seiner Heimat Usbekistan, nachdem er dort mutmaßlich vom Geheimdienst inhaftiert und gefoltert worden war. Eines Tages stellt er sich bei der Zeitung vor und bekommt die Chance, sich als Journalist zu beweisen.

Festnahme eines Journalisten

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Der Journalist Ali Feruz von der russischen Tageszeitung "Novaya Gazeta" lebt inzwischen im Exil in Deutschland.

Feruz schreibt u.a. über die Situation von asiatischen Migranten in Russland, über Polizeigewalt und über LGBT-Themen. Doch im August 2017 kann Feruz nicht weiter recherchieren. Er wird in Moskau festgenommen und inhaftiert, weil er nach offiziellen Angaben gegen die Richtlinien seines Aufenthalts in Russland verstoßen haben soll. Am 21. November 2017 spricht ihn das Basmannyi-Gericht in Moskau schuldig - ihm droht die Abschiebung nach Usbekistan. "Es gab Momente, wo ich sehr große Angst hatte, dass es vorbei ist, ich sterben würde …", erzählt Ali Feruz uns im Interview.

"Wir werden nicht aufhören, für dich zu kämpfen"

Es fällt ihm sichtlich schwer über die Erlebnisse vor zwei Jahren zu sprechen. Er habe immer im Bewusstsein für die "Novaya Gazeta" geschrieben, dass ihm oder seinen Kollegen etwas passieren könne. Aber, so sagt er, er habe auch gewusst, dass seine Kollegen ihn nicht allein lassen und für ihn kämpfen würden. "Irgendwann dachte ich trotzdem, dass sie nichts mehr für mich tun können", erinnert Feruz sich. "Einmal habe ich meinen Chefredakteur Dmitiri Muratow angerufen, mich entschuldigt, dass sie wegen mir so viel Ärger haben. Er sagte mir, ich solle mir keine Vorwürfe machen, dass es nicht meine Schuld, sondern die von Regierung und Sicherheitskräften sei. Er sagte, wenn sie uns die Zeitung dicht machen wollen, sollen sie doch. Aber sei dir sicher, wir werden nicht aufhören, für dich zu kämpfen."

Politischer Druck half bei der Freilassung

Ohne die Unterstützung der Redaktion und den Einsatz von Muratow, der insgesamt 22 Jahre lang Chefredakteur war, bevor er das Amt im Herbst 2017 abgab, hätte er es nicht geschafft, sagt Feruz. Heute lebt er in Berlin. Das Engagement seiner Kollegen und internationaler Menschenrechtsorganisation sowie Druck seitens des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führten dazu, dass man ihn nach sechs Monaten aus der Abschiebehaft entließ, er nach Deutschland ausreisen konnte. Feruz würde gerne von Berlin aus für die "Novaya Gazeta" schreiben, hat auch redaktionelle Angebote, ist aber traumatisiert und nicht dazu in der Lage. Noch nicht. "Ich hoffe, dass ich bald wieder anfange zu schreiben. Ich will weitermachen, fühle mich noch immer als Teil von 'Novaya Gazeta'. Und werde es für den Rest meines Lebens sein."

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ZAPP | 20.11.2019 | 23:20 Uhr