Stand: 16.11.2011 23:20 Uhr

Migrantin oder Dealer - Schwarze im Fernsehen

von Sugárka Sielaff

So ein Klischee ist eine zähe Angelegenheit. Wenn es einmal da ist, ist es nicht mehr wegzubekommen. Man muss nur den Begriff sagen, schon hat man das Bild im Kopf: Der Ossi, motzig und undankbar. Der Pole, klaut natürlich Autos. Und der Hartz IV Empfänger, sitzt fernsehend und biertrinkend im Unterhemd auf dem Sofa. Ganz entscheidenden Anteil an diesem Bild haben bedauerlicherweise die Medien. Afrodeutsche Schauspieler beispielsweise bekommen in Spielfilmen immer nur die gleichen Rollen: entweder kriminell oder dienend. Was anderes gibt es kaum. ZAPP über das eingefahrene Rollenbild von Schwarzen im Fernsehen.

Daniel White ist Schauspieler, studierte am Max Reinhardt Seminar. Er ist seit 25 Jahren im Geschäft und unzufrieden. Die Rollenangebote, die er bekommt: Klischees über schwarze Menschen, die aus den sechziger Jahren stammen könnten. "Afrikanischer Tierpfleger oder Assistent oder in erster Linie US-Soldat, vielfach gemacht, oder eben Dealer oder zwielichtiger Gangster, der schon mal zuschlägt. Und das war es dann auch schon", erklärt Daniel White. So spielt sich White durch die Klischees als sympathischer Tierpfleger und lockerer Besatzer.

Daniel White: "Der gemeinsame Nenner ist, dass es immer untrennbar mit meiner Hautfarbe verbunden ist. Das man nie sagt: 'Hier ist ein Typ, der könnte doch auch Familienvater sein, der könnte doch auch in der Geschichte ein Anwalt sein, der könnte Anwalt oder Arzt sein, der könnte, weiß ich nicht was, sein. Macht man aber nicht, man sagt immer, das geht nicht, da schalten uns die Leute weg.' Deutschland versteht noch nicht, dass wir in einem multikulturellen Land leben."

Auch die Schauspielerin Liz Baffoe hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Bekannt wurde sie als Asylantin Mary in der Lindenstraße. Danach hätte sie gerne auch mal andere Rollen gespielt: "Da gab es dann einen Moment, wo ich dann hörte: 'Ja, du bist zwar echt gut und wir mögen dich auch. Du hast auch einen gewissen Bekanntheitsgrad, aber du hast einfach zu viel Farbe.' Und dann war ich völlig irritiert, dann meinte ich: 'Was heißt zu viel Farbe?' Das hat mir weh getan und ich hab auch denjenigen gefragt, was soll ich jetzt tun? Dann wurde mir gesagt: 'Kämpf halt weiter'."

Geschichten ohne schwarze Hauptdarsteller

Im deutschen Fernsehen spielen afrodeutsche Schauspieler oft "Leute, die nicht von hier sind", obwohl einige Familien seit fünf Generationen in Deutschland leben, aber im Fernsehfilm scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein.

Liz Baffoe: "Also ich würde sagen, es sind immer Rollen, in denen man in einer Abhängigkeit ist. Es sind nie Rollen, wo man eine leitende Position hat. Und das, finde ich, passt nicht mehr zur Realität, das passt auch nicht zur Gesellschaft."

Afrikanern in Afrika muss im Fernsehfilm meist geholfen werden. Sie werden gern sie als rückständig und abergläubisch dargestellt.

Afrika, die neue Sehnsuchtskulisse des deutschen Fernsehfilms kommt ganz und gar ohne schwarze Hauptdarsteller aus. Die Familiendramen unterm Affenbrotbaum handeln von Weißen und bedienen sich unreflektiert der Rollenklischees aus der Kolonialzeit. Was zunächst nach harmlosem Kitsch aussieht, ist nicht so harmlos. Es gibt kaum Filme, in denen schwarze Menschen als selbstbestimmte Subjekte auftreten.

John Kantara, Professor für Film- und Fernsehwissenschaft, erklärt: "Für mich geht es letztendlich um das, was wir alle in unserer Verfassung schon drinstehen haben: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es ist einfach erniedrigend, mit Stereotypen zu arbeiten, die den Menschen nicht gerecht werden."

Im "Traumhotel Afrika" ist der immer eifrige Bedienstete natürlich schwarz. Er wird mit Vornamen angesprochen, sein Chef natürlich nicht.

Frage Reporterin: "Wie sehen Sie da die Öffentlich-Rechtlichen, erfüllen sie ihren Auftrag?"

John Kantara: "Nein, überhaupt nicht. Die Privaten waren viel schneller in der Hinsicht, Schwarze auf den Schirm zu bringen."

Manchmal aber auch einfach deshalb, weil sie viele Serien aus den USA kaufen. Dort ist man in Sachen Gleichberechtigung im Fernsehen ein bisschen weiter.

John Kantara: "Die Aufgabe der Medien ist, die Realität zu zeigen, die Wirklichkeit zu zeigen. Und ich glaube eben, dass da ein Widerspruch da ist. Die Realität ist viel fortschrittlicher, als die Produzenten und die Programmverantwortlichen in den Sendern glauben. Wir sind viel weiter in Deutschland."

ZAPP hat die Sender nach ihrer Besetzungspraxis gefragt: Von Sat.1 und dem ZDF kam keine Antwort. Einzig die ARD Degeto schreibt: "Am Anfang eines Films steht die Geschichte. Wenn diese von Menschen mit Migrationshintergrund erzählt, dann stehen diese selbstverständlich auch im Mittelpunkt der Handlung."

Es geht auch anders

Dabei gibt es auch in Deutschland Filmemacher mit neuen Ansätzen. Otu Tetteh schaffte es mit seiner Action-Komödie "Dess or Alaif" aus dem Stand auf die Berlinale. Es geht um die echten und eingebildeten Tücken des multikulturellen Zusammenlebens, mit überraschendem Ausgang.  

Otu Tetteh, Autor und Regisseur, meint: "Afrodeutschland ist jetzt ein sehr großes Spektrum mit ganz, ganz vielen Geschichten und mit ganz, ganz vielen verschiedenen Farblichkeiten. Und da muss man doch schon eine Geduld aufbringen, die ich hier in der Gesellschaft, also in der Gesellschaft schon, aber von den Mediengestaltenden,  Institutionen und Zentralen nicht repräsentiert sehe."

Einige wenige Lichtblicke gibt es aber doch. Im Schloss Einstein vom Ki.Ka ist es normal verschieden zu sein.

Liz Baffoe: "Da war halt eine tolle Produzentin und die hat mich angerufen und hat mich gefragt, ob ich eine Rolle übernehmen möchte in Schloss Einstein. Und ich fragte, ja um was geht es? Und sie meinte, ja eine Lehrerin. Und mehr nicht. Und keine Diskussion: Hautfarbe, Herkunft."

Doch bis das im deutschen Fernsehen überall Normalität wird, ist es offenbar noch ein weiter Weg.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 16.11.2011 | 23:20 Uhr