Sportclub Story - Der Ben-Johnson-Skandal

Als der Sport seine Unschuld verlor

Sonntag, 23. September 2018, 23:35 bis 00:05 Uhr

9,79 Sekunden über 100 Meter! Zuschauer, Reporter und Fernsehkommentatoren aus aller Welt trauen ihren Augen nicht, als der muskelbepackte Kanadier Ben Johnson am 24. September 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul in Weltrekordzeit zum Olympiasieg sprintet. Johnsons großer Rivale Carl Lewis aus den USA hat das Nachsehen - bis zwei Tage später die Bombe platzt: Johnson war gedopt!

Nach diesem "Urknall des Dopings" muss der damals 26-Jährige seine Goldmedaille wieder abgeben und verlässt fluchtartig die südkoreanische Hauptstadt. Verfolgt von Reportern und Kamerateams. Johnson streitet zunächst alles ab, gibt im Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz des Richters Charles Dubin aber später zu, sich auf Anregung seines Trainers Charlie Francis und mithilfe des Arztes Dr. Jamie Astaphan systematisch mit Anabolika gedopt zu haben. "Charlie der Chemiker" und der karibische "Voodoo-Arzt" Dr. Astaphan haben dabei auf deutsches Know-How gesetzt. Das Motto lautete: "Wer nichts nimmt, gewinnt nichts!"

Johnson glaubt an Sabotage

30 Jahre später ist klar: Ben Johnson ist definitiv schuldig, war aber bei weitem nicht der einzige Sprinter aus dem Finale von Seoul, der während seiner Laufbahn mit verbotenen Mitteln gearbeitet hat. Was bis heute nur absolute Insider wissen: Sechs der acht Finalisten von Seoul wurden in ihrer Karriere entweder positiv getestet oder wegen der Beschaffung und Weitergabe von Dopingsubstanzen gesperrt. Auch "King Carl" Lewis. Der US-Amerikaner spielt eine weitere, spannende Rolle in diesem realen Sport-Thriller: Ben Johnson glaubt bis heute an Sabotage. Seine positive Dopingprobe soll in Seoul von einem Handlanger aus dem Lewis-Clan herbeigeführt worden sein. Zwar habe er gedopt, aber das Mittel, das in seinem Urin nachgewiesen wurde, habe er nie genommen. Was extrem abwegig klingt, scheint aber tatsächlich möglich zu sein.

Ben Johnson ist es mit über 50 leid, immer noch als quasi einziger Sünder in einem dreckigen Geschäft dazustehen, und kritisiert die Verlogenheit der Sportwelt und der Gesellschaft insgesamt: "Viele Menschen tun Dinge, die nicht öffentlich werden. Niemand sagt vor einer Kamera: 'Ich betrüge bei den Steuern' oder 'Ich betrüge meine Frau.' Das alles passiert, aber diese Menschen sieht man nicht. Mich sollte also niemand verurteilen für das, was ich getan habe oder tue."

Autor/in
Tim Tonder
Redaktion
Matthias Cammann