Sendedatum: 15.03.2020 19:30 Uhr  | Archiv

Die Friesen 1920 - das Zünglein an der Waage

von Karl Dahmen

Vor 100 Jahren stimmte das Volk über die bis heute bestehende Grenze zwischen Deutschland und Dänemark ab. Bei einer ersten Wahl nördlich einer Linie zwischen Sylt und Flensburg wurde in einem Block gewählt. Hier gab es eine Entscheidung für Dänemark. Am 14. März 1920 sollten die Bewohner südlich dieser Linie, in Nordfriesland, Angeln und Flensburg, abstimmen, ob sie zu Deutschland oder Dänemark gehören wollten. Diesmal entschied aber jede Gemeinde einzeln für sich. Nordfriesland war in Aufruhr.

Ein Abend wird "zersungen"

Ein Abend im Central Hotel in Niebüll im Februar 1920, kurz vor der Abstimmung: Hier im Hotel war das Hauptquartier derjenigen, die für einen Anschluss an Dänemark waren. Als der dänische Hauptredner sprach, rumorte es im Saal. Plötzlich fingen einzelne und dann immer mehr Männer an, das Schleswig-Holstein Lied zu singen. Schließlich brach der Redner ab, die deutschen Störer hatten sich durchgesetzt. Die Veranstaltung war regelrecht "zersungen" worden.

Wahl zwischen Deutschland und Dänemark

Eine Karte von der deutsch-dänischen Grenze  Foto: screenshot
In zwei Zonen wurde über den Verlauf der deutsch-dänischen Grenze abgestimmt.

Es wurde im heutigen Norden von Schleswig-Holstein mit harten Bandagen gekämpft. Nachdem die erste Abstimmungszone nördlich der Linie zwischen Sylt und Flensburg an Dänemark gefallen war, fürchteten nun viele deutschgesonnene Menschen im Grenzgebiet, dass sich die Dänen auch in der zweiten Zone durchsetzen könnten.

Friesen befürchteten Verdeutschung

Das Zünglein an der Waage waren die Friesen. Einer von ihnen: Cornelius Petersen. Er war ein friesischer Bauer, der seinen Hof in der Nähe von Tondern hatte. Er kämpfte für den Anschluss an Dänemark. In dem kleineren Land erhoffte er sich mehr Rechte für die Friesen. Er wollte vor allem die Anerkennung der Friesen als eigenes Volk und träumte von einer friesischen Selbstverwaltung. Das größte Hindernis dafür war in seinen Augen die "Verdeutschung" der Friesen. Er meinte, die Bauern würden mit ihren Kindern Deutsch, mit ihren Hunden Niederdeutsch und mit ihren Knechten Friesisch reden. Das müsse aufhören, denn der friesische Bauer solle zu seiner Abstammung stehen. Vor allem forderte er ein neues, friesisches Selbstbewusstsein, für das die Friesen eine schriftliche Sprache und ein Geschichtsbewusstsein brauchten.

Initialzündung für Selbstwertgefühl der Friesen

Ein Portrait von Cornelius Petersen  Foto: screenshot
Cornelius Petersen hoffte auf mehr Rechte für die friesische Bevölkerung - durch Dänemark.

Doch bei der Abstimmung wurde Cornelius Petersen enttäuscht, denn 80 Prozent der Friesen wählten deutsch. In Klanxbüll stimmte man sogar zu einhundert Prozent für Deutschland. Nur auf Föhr gab es drei Gemeinden, die sich knapp für Dänemark entschieden - dann aber doch bei Deutschland blieben, weil man die drei Dörfer aus praktischen Gründen nicht an Dänemark abgeben konnte. Die gesamte zweite Abstimmungszone blieb schließlich bei der Provinz Schleswig-Holstein. Die Abstimmung war eine Initialzündung für ein neues Selbstwertgefühl der Friesen, auch wenn die Anerkennung als eigenständige Minderheit erst 1990 erfolgen sollte - als in der neuen Landesverfassung der friesischen Volksgruppe "Schutz und Förderung" zugesichert wurde.

In unserer Zeitreise erzählen wir von Cornelius Petersen und seinem Kampf für eine Anerkennung der Nordfriesen als ein eigenes Volk.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Eine Fotocollage der deutschen und der dänischen Flagge. © picture alliance/dpa Foto: Patrick Pleul, Robert Michael

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.03.2020 | 19:30 Uhr