Zeitreise: Als Uetersen die "Wiege der Luftwaffe" verlor

Sendedatum: 25.10.2020 19:30 Uhr

Von 1957 bis 1975 war der Flugplatz Uetersen-Heist ein Fliegerhorst der Luftwaffe. Jeder der bei der Bundeswehr Piloten werden wollte, musste dort sein Können unter Beweis stellen.

Von Lennart Bannholzer

Er muss mit dem Finger auf die Tankanzeige klopfen, damit der Zeiger den richtigen Füllstand anzeigt. Der Flieger, die Piaggio P.149D, ist schon alt: 57 Jahre, Baujahr 1963. Flugzeugmechaniker Karl-Heinz Muuß kennt sie noch von damals. Heute ist sie das einzige Exemplar, das noch am Flugplatz Uetersen-Heist steht, in den 60er Jahren waren es etwa 40. Insgesamt gab es mehr als 50 Flugzeuge. Damals wurde der Flugplatz noch militärisch genutzt: Der Fliegerhorst Uetersen war ein wichtiger Standort der Pilotenausbildung der Luftwaffe.

VIDEO: Zeitreise: Flugplatz Uetersen (5 Min)

Zwei von vier Hangar stehen noch

Historische Aufnahme des Flugplatz Uetersen-Heist. © Lehrsammlung Marseille-Kaserne
Wo früher die Luftwaffe ihre Piloten ausbildete, starten heute nur noch zivile Flieger.

Der Platz wurde bereits 1935 fertiggestellt und bis 1945 von der Wehrmacht genutzt. Nach dem Krieg war dann die Royal Air Force bis 1955 hier stationiert. Heute ist auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts die Marseille Kaserne Appen, die Unteroffiziersschule der Luftwaffe - ohne Flugbetrieb. Mit einer Ausnahme: Die Angehörigen der Reservistenkameradschaft Flugdienst warten hier ihre vier historischen Flugzeuge. Alle Maschinen so flugfähig wie die Piaggio, die Karl-Heinz Muuß gerade für einen Start vorbereitet. In demselben Hangar wie damals, denn er war hier von 1966 bis 1972 als Soldat stationiert.

Am Standort Uetersen hat die Bundeswehr angehende Piloten ausgebildet. Im sogenannten Fluganwärterregiment bekamen sie ihre ersten Flugstunden und mussten am Ende zum ersten Mal alleine fliegen. Ob jemand geeignet war oder nicht, bewerteten Fluglehrer wie Werner Ollig. Ein Drittel habe es nicht geschafft, sagt er: "Wir haben junge Männer weinen sehen." 95 Prozent der Flugschüler hätten keine Erfahrung mitgebracht.

Mehr als 7.000 Flugschüler wurden in Uetersen geprüft

Flugzeugmechaniker Karl-Heinz Muuß steht neben einem Flieger auf dem Flugplatz Uetersen-Heist. © NDR
Flugzeugmechaniker Karl-Heinz Muuß kennt die alten Maschinen noch aus der aktiven Zeit der Luftwaffe vor Ort.

Bis zu 800 junge Männer seien jedes Jahr in Uetersen geprüft worden. Wer in ein Cockpit wollte, kam an Uetersen nicht vorbei. Werner Ollig bezeichnet den Standort deshalb als "Wiege der Luftwaffe". Von 1957 bis 1972 seien insgesamt etwa 7.000 junge Männer geprüft worden. Karl-Heinz Muuß erinnert sich gerne an die Zeit. "Es war schön", sagt er. Die Kameradschaft sei damals noch etwas besonderes gewesen. Er musste damals noch in der Kasernen wohnen, verbrachte viel Zeit mit seinen Kameraden. Leben und Arbeit bei der Bundeswehr sei eins gewesen.

Doch 1971 wurde das Ende des Fliegerhorsts eingeleitet. Das Fluganwärterregiment wurde nach Bayern verlegt - zuerst nach Neubiberg, dann nach Fürstenfeldbruck. Damals gab es Pläne, den Flughafen im nahegelegenen Hamburg nach Kaltenkirchen zu verlegen. Der Flugplatz Uetersen-Heist hätte dann in der Einflugschneise gelegen, wäre also im Weg gewesen. Nach und nach wurden die etwa 50 Flugzeuge nach Süden geflogen.

Ende wegen eines Flughafens, der nie gebaut wurde

Die Soldaten hatten damals die Wahl: Mit nach Bayern gehen, oder aus dem Dienst ausscheiden. Für manche sei es hart gewesen, sagt Muuß. Ein Kamerad hatte gerade ein Haus in der Nähe gebaut. Auch er hatte erst kurz vorher geheiratet. Werner Ollig nahm seine Familie mit nach Bayern - nach fast 14 Jahren in Uetersen. Er lebt mit seiner Frau noch heute in Fürstenfeldbruck. Für sie beide sei die Verlegung leichter gewesen, sagt er. Kameraden und Freunde blieben die gleichen. Für seinen Sohn war es schwieriger. Er musste die Schule wechseln. Das Umfeld in Bayern war ganz anders als in Uetersen.

Rückblickend sagt Ollig: "Wir könnten heute noch in Uetersen fliegen." Denn aus den Plänen eines Flughafens bei Kaltenkirchen ist bekanntlich nichts geworden. Heute starten dort nur noch zivile Maschinen.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.10.2020 | 19:30 Uhr