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Corona ganz unten

Dienstag, 07. April 2020, 21:15 bis 21:45 Uhr
Donnerstag, 09. April 2020, 02:00 bis 02:30 Uhr

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Zhana muss hart arbeiten, auch in Zeiten von Corona. Sie geht auf den Straßenstrich, Kurfürstenstraße, Berlin. Und viele Männer suchen sie auf wie früher. Nur die Umstände sind härter. Weil Stundenhotels geschlossen sind, verlagert sich das Geschäft in dunkle Hauseingänge, Parks, auf öffentliche Toiletten. So verschwindet auch Zhana immer weiter im Dunkeln und keiner bekommt etwas mit, wenn ihr etwas zustoßen sollte. Doch sie muss arbeiten, sie hat keine Rücklagen, kein Zuhause, nichts. Wenn sie nicht arbeitet, dann hat sie schlicht nichts zu essen.

"Die brauchen Geld zum Essen und für Drogen"

Sozialarbeiter Gerhard Schönborn vom Verein Neustart e.V. kümmerst sich seit 15 Jahren um Frauen auf dem Straßenstrich. Er hat beobachtet, wie von einem auf den anderen Tag viele der rund 400 Frauen, die sonst hier rund um die Kurfürstenstraße arbeiten, verschwunden waren. Viele von ihnen kommen aus Osteuropa. Offenbar haben ihre Zuhälter sie über Nacht zurück nach Hause gebracht, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Geblieben seien die Armutsprostituierten, so Schönborn. Die, die es eh schon am härtesten getroffen habe: "Die brauchen Geld zum Essen, die brauchen genauso das Geld für die Drogen und sind gezwungen hier zu bleiben."

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Zhana arbeitet in Berlin als Prostituierte - auch in Zeiten von Corona.

Die Krise durch das Virus Covid-19 offenbart eine stillschweigende Grenze in Deutschland. Manche können reagieren, andere nicht. Es sind die Schwachen, die Corona schon jetzt härter trifft als den Durchschnitt. Menschen wie Zhana, die auf der Straße leben. Über 40.000 Menschen bundesweit ergeht es so. Für sie ist "Zuhause bleiben" keine Option.

Die meisten von ihnen gehören zur Hochrisikogruppe, sagt Johan Graßhoff, Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk Hamburg. Sie haben Vorerkrankungen und oft ein schwaches Immunsystem. Wenn das Corona-Virus unter den Obdachlosen angekommen sei, werde es schnell rumgehen. Und die Frage ist, wer von ihnen dann zum Arzt geht.

Weniger Einrichtungen für Obdachlose geöffnet

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Birgit gehört mit ihrer Autoimmunerkrankung zu den Corona-Risikopatienten.

Johan Graßhoff, 32 Jahre alt und Streetworker, kennt die Straße und ihre Menschen seit sechs Jahren. Menschen wie Birgit. Auch sie ist Risikopatientin, hat eine Autoimmunerkrankung. Am Tag unseres Drehs wartet sie vor dem diakonischen Werk in Hamburg. Dort, wo sich normalerweise viele Obdachlose täglich aufwärmen, waschen und duschen können. Momentan dürfen Leute allerdings nur einzeln rein, um die sanitären Anlagen zu nutzen. Birgit dauert das zu lange und so verzichtet sie auf die warme Dusche.

"Man merkt schon, es sind alle ein bisschen gereizt. Man kommt ja in keine Einrichtung rein", sagt sie. An der Tür hängt eine Liste, auf der die noch geöffneten Einrichtungen gelb markiert sind. Es sind nicht mehr viele. Auch öffentliche Toiletten sind momentan häufig geschlossen. Die benötigen viele Obdachlose aber, um sich die Hände zu waschen und sich, so gut es geht, an die Corona-Sicherheitsvorschriften zu halten.

Ein Großspender hilft

Immerhin ein kleiner Lichtblick für Birgit: Ein anonymer Großspender ermöglicht mehreren Obdachlosen ein Zimmer in einem leerstehenden Hostel - erstmal für vier Wochen. Johan Graßhoff hat Birgit dahin vermittelt. Erst ist sie skeptisch, in den städtischen Winterunterkünften habe sie es nie lange ausgehalten. Zu viele Menschen, zu laut, zu viel Alkohol. Aber sie hat Glück, diesmal ist es sogar ein Einzelzimmer. Immerhin, jetzt haben Birgit und einige andere Obdachlose für vier Wochen lang die Chance, sich hier vor Corona zu schützen.

Autor/in
Tobias Zwior
Güner Balci
Jonas Schreijäg
Jesco Denzel
Redaktion
Lutz Ackermann
Dietmar Schiffermüller
Produktionsleiter/in
Sabine Grunitz
Redaktion
Schiffermueller, Dietmar