Stand: 30.04.2013 15:30 Uhr Archiv

Obst und Gemüse - Sortenvielfalt ade?

von David Hohndorf, Jan Körner & Linda Luft
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Statt diesen Apfelbaum zu überfordern, scheint der Winter ihm gutzutun: Stephan Schulz aus Oertzenhof entdeckt ihn voller "knackiger Äpfel der Sorte Ontario auf der Insel Poel."

Als "Linda" vor einigen Jahren der Garaus gemacht werden sollte, war die Empörung nicht nur auf den Wochenmärkten im Norden groß. Die Kartoffel gehörte zum Einkauf dazu, so wie Boskop, Conference-Birne oder die Sengana-Erdbeere. Nun kommt in Brüssel ein Entwurf auf den Tisch, der noch viel größere Veränderungen mit sich bringen könnte. Die EU-Kommission möchte den Saatgutvertrieb und die Saatgutnutzung vereinheitlichen.

Bisher gibt es hier zwölf Regelungen, die künftig in einem System von Registrierungen, Zulassungs- und Lizensierungsverfahren zusammengefasst werden sollen. Das Ziel: Keine Lizensierung - keine Zulassung und damit kein legaler großflächiger Anbau. Vor allem Biobauern und Kleingärtner befürchten nun eine Einschränkung der Saatenvielfalt quasi durch die Hintertür. Sie bangen um ihre alten und seltenen Obst- und Gemüsesorten und um die Vielfalt auf dem Markt.

Obst und Gemüse - Sortenvielfalt ade?

Panorama 3 -

Die Europäische Union möchte eine neue Saatgutverordnung erlassen. Die Verunsicherung ist riesig, obwohl die EU noch nicht einmal einen endgültigen Entwurf vorgelegt hat.

Gibt es bald europaweit nur noch dieselben Sorten?

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Pflanzensamen in Reagenzgläsern: Vor allem Großkonzerne können sich das aufwendige Lizensierungsverfahren leisten.

Ihre Sorge: Bald wird man europaweit in allen Supermärkten dieselben Kartoffeln, dieselben Tomaten und dieselben Äpfel kaufen müssen. Gewachsen aus Saaten einiger weniger multinationaler Konzerne wie etwa Monsanto, Dupont oder Bayer Crop Science. Deren Marktmacht erlaubt es ihnen, die teuren und aufwändigen Lizensierungsverfahren mit ihren Saaten zu durchlaufen, während kleinere Unternehmen auf der Strecke bleiben. Verdrängung wäre die Folge.

Neben den Saatproduzenten wären die kleineren Saatennutzer betroffen. Bauern und Händler, die nicht selber züchten, aber von der Vielfalt ihrer angebotenen Produkte leben. Auch sie befürchten, die Saaten bestimmter Sorten nach der neuen Verordnung nicht mehr erwerben zu können.

Bislang liegt nicht einmal ein Entwurf vor

Schreibt die EU künftig vor, welches Saatgut und welche Sorten erlaubt sind und welche nicht? Wird die Zulassung seltener Sorten für noch teurer, noch aufwendiger? Droht noch mehr Bürokratie? Und: Haben die großen Saatgutproduzenten ihre Finger im Spiel - mit dem Ziel, den Markt künftig ganz unter sich aufzuteilen? Die Verunsicherung ist riesig, obwohl die EU noch nicht einmal einen endgültigen Entwurf für die neue Verordnung vorgelegt hat.

"Nischenmarkt" soll angeblich unangetastet bleiben

Eine Verunsicherung, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit rührt. Denn bereits jetzt leiden die Züchter und Händler seltener Sorten unter vielen bürokratischen Vorgaben aus Brüssel. Die EU-Kommission selbst beschwichtigt und versichert, den "Nischenmarkt" unangetastet zu lassen. Das soll heißen: Hobbygärtner, Kleinbauern und die Bewahrer alter Sorten würden unter Hinweis auf die gewünschte Biodiversität und die genetische Vielfalt von den neuen Regelungen ausgenommen. Doch die Befürchtungen sind groß, dass da aus Brüssel wieder einmal bürokratische Hürden aufgebaut werden, die die Biobauern und Kleingärtner kaum noch springen können.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 30.04.2013 | 21:15 Uhr

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