Wütende Anwohner: Großbrand in Delmenhorst und die Folgen

Stand: 16.10.2020 17:01 Uhr

Lärmbelästigung, ausgelaufenes Öl, zuletzt ein Großbrand, bei dem Schadstoffe verbrannt sein könnten - die Anwohner einer Industriebrache in Delmenhorst sind in Sorge.

von Esra Özer und Mirco Seekamp

Delmenhorst Ende September: Ein Großbrand lodert auf einer Industriebrache am östlichen Stadtrand. Aus der gesamten Region rücken Feuerwehren an. Mehr als sechs Stunden vergehen, dann erst ist das Feuer unter Kontrolle. Eine Lagerhalle wird in Teilen vernichtet. Darin standen Oldtimer und andere Autos. Es waren aber auch Chemikalien gelagert.

Anwohner sind entsetzt

Als ein Team von Panorama 3 knapp zwei Wochen später vor Ort ist, wirken die Anwohner noch immer schockiert über das Ausmaß des Brandes. Auf Handyaufnahmen, die sie gemacht haben, ist eine gigantische Rauchsäule zu sehen. Feuerwehrautos rasen durch die Zufahrtsstraße. Flammen schlagen aus einem Hallendach.

Das Ehepaar Giesen wohnt keine 100 Meter von der Brandstelle entfernt. Lore Giesen schildert, wie dramatisch sie die Lage einschätzte: "Als ich die Flammen gesehen habe und gehört habe, wie die alle angekommen sind, habe ich erst gedacht: Um Gottes Willen, alle Fenster zu, da hinten gibt es bestimmt was Giftiges. Also der Rauch allein schon. Und das nächste: Haben wir Transportkörbe für die Katzen? Wo ist die Hundeleine? Hat der Hund ein Halsband um? Falls wir ganz schnell raus müssen."

Was dort genau in Flammen aufging, erfuhr die Nachbarschaft erst aus der Zeitung: Neben den Autos brannten 1.000 Liter Altöl, 100 Liter Diesel und 20.000 Liter Reinigungsmittel. Beobachtet haben die Anwohner noch etwas anderes: "Es waren Asbestplatten auf dem Dach", sagt Lore Giesen. Manfred Giesen, ihr Mann, ergänzt: "Da sollen diese hoch explodierten Asbestplatten-Stücke in die Gärten gefallen sein."

Behörden lassen sich Zeit

Nun sind sie in Sorge. Besteht eine Gefahr? Das haben die Anwohner gleich nach dem Brand auch die Stadt Delmenhorst gefragt. Eine Antwort erhielten sie darauf nicht. Erst eine Woche später, so schildert es Wiebke Machel, die ebenfalls in der Nähe der Brandstelle wohnt, seien von den Be hörden Proben genommen worden - diese seien unauffällig gewesen. Es habe in der Zwischenzeit geregnet, sagt Manfred Giesen. Er hat deshalb Zweifel an der Aussagekraft des Ergebnisses dieser Untersuchung.

Besonders schlimm haben die Folgen des Großbrandes das Flüsschen Welse getroffen, das in unmittelbarer Nähe fliest. "Da waren noch Ölschlieren darauf", sagt Lore Giesen und zeigt Fotos, die sie gemacht hat. Der örtliche Fischereiverband geht von mehreren Tausend toten Fischen aus. Bis die Welse wieder so ist wie früher, dürften Jahre vergehen, so die Einschätzung.

Auf der heutigen Industriebrache stand früher eine Kunststofffabrik. Die machte schon vor längerer Zeit dicht. Nach und nach haben sich dann auf dem Gelände Auto-Werkstätten und ähnliche Betriebe eingemietet. Schon vor einem Jahr brannte dort eine Halle. Schaden damals: eine halbe Million Euro.

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Ist der Boden verunreinigt?

Der Garten von Vanessa Elvers grenzt direkt an das Gelände. Blickt sie über den Zaun, kann sie die Halle sehen. Verunsicherung auch bei ihr. "Ich selbst habe ein Kind, das bodennah ist, der Kleine krabbelt noch. Wir haben seitdem dem Garten nicht wirklich benutzt, weil wir einfach so unsicher sind. Weil ich nicht weiß, was sich in meinem Boden befindet." Kartoffeln und Erdbeeren wachsen unter anderem im Garten. Zwanzig Hühner hat sie auch. Seit dem Brand stimmt mit denen etwas nicht: Die Eier sind wesentlich kleiner als sonst. Vanessa Elvers beunruhigt das. Von der Stadt Delmenhorst hätte sie gerne gleich nach dem Brand erfahren, wie gefährlich das Feuer war. "Jetzt, im Nachhinein, ist eigentlich das Schlimmste daran, dass man so allein gelassen wird", sagt sie. "Dass man nicht weiß, was ist mit den Verunreinigungen, was ist mit den Schadstoffen, die da ausgetreten sind?"

Die Industriebrache und vor allem das Geschehen auf dem Gelände sorgen bei den Anwohnern nicht erst seit dem Großbrand für Verdruss. Sie berichten von Motorenlärm, platzenden Airbags, ausgelaufenem Öl. Das stört auch Anneliese Ackermann, die mit am längsten hier lebt: "Sonnabend, sonntags kann man nicht draußen sitzen, weil die da hinten laut gearbeitet haben, geschraubt und Schweißen und Hämmern und die Autos rein und raus. Also das ärgert uns schon lange Jahre." Aus ihrer Sicht hat die Stadt Delmenhorst bislang zu wenig gegen diese Störungen unternommen.

Stadt äußert sich nicht

Jetzt haben die Anwohner eine Bürgerinitiative gegründet und sich Anfang Oktober 30 Minuten Zeit in einer Bauausschuss-Sitzung erkämpft. Aus ihrer Sicht viel zu spät, aber dennoch sind sie eingangs noch optimistisch. Die Ernüchterung folgt schnell: Drei Fragen darf jeder stellen, nachfragen ist nicht erlaubt, ein echter Meinungsaustausch kommt nicht zustande. Und einen festen Ansprechpartner für ihre Sorgen und Nöte bekommen sie auch nicht genannt.

Vor der Kamera von Panorama 3 möchte sich die Stadt Delmenhorst nicht äußern. Fragen zu Details des Brandes werden jedoch am 12. Oktober schriftlich beantwortet. Die Brandursache sei noch nicht bekannt, heißt es da unter anderem. Die Polizei habe Ermittlungen eingeleitet. Und zu eigenen Boden- und Wasserproben: "Es liegen noch nicht alle Ergebnisse vor."

Bodenproben weitgehend unauffällig

Auch Panorama 3 hat Proben nehmen lassen durch ein mikrobiologisches und chemisches Labor - in verschiedenen Anwohnergärten. Lassen sich dort Gefahrenstoffe finden, die vom Brand herrühren können? Die meisten Proben sind unauffällig. Nur eine zeigt leicht erhöhte Werte eines krebserregenden Stoffes. Der liegt jedoch unter dem Grenzwert. Ob das durch den Brand oder schon vor Jahrzehnten durch die Kunststofffabrik eingetragen wurde, lässt sich nicht sagen. Auch Asbest wurde keines gefunden.

Downloads

Das Laborergebnis zum Download

Die Ergebnisse der Boden- und Wasserproben aus Delmenhorst sind weitgehend unaüffällig. Hier können Sie den Laborbericht als PDF herunterladen. Download (618 KB)

Ein bisschen erleichtert seien sie nun, sagen die Anwohner, nachdem die Ergebnisse dieser Untersuchung bekannt sind. Und eines hat die Initiative durch ihren Einsatz am Ende doch noch erreicht: Die Stadt Delmenhorst will schon bald mit ihr in einen Dialog treten.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.10.2020 | 21:15 Uhr