Lufthansa in der Krise: Piloten-Ausbildung vor dem Aus?

Stand: 20.10.2020 16:25 Uhr

Die Lufthansa drängt Anwärter, ihre Ausbildung abzubrechen, weil es auf Jahre hinaus bei Lufthansa und den Tochtergesellschaften keinen Bedarf an neuen Piloten geben werde.

von Katrin Kampling

Als Sven Meisters* die Zusage der Lufthansa-Flugschule in Bremen in der Hand hielt, war er seinem großen Traum, Pilot zu werden endlich einen riesigen Schritt näher gekommen. Eine Riesenleistung, denn die Auswahlverfahren für die Lufthansa-Kaderschmiede "European Flight Academy" sind hart, nur wenige werden genommen. "Auch während der Ausbildung konnte ich es kaum glauben, dass wir wirklich mal im Cockpit sitzen werden", erinnert er sich. Jetzt droht für seinen Traum ein jähes Ende: Meisters und rund 530 weitere Flugschülerinnen und Flugschüler sollen ihre Ausbildung möglichst abbrechen - oder zumindest nicht mehr an der Flugschule in Bremen fortsetzen. "Wir möchten Sie […] ermutigen, sich beruflich neu zu orientieren", schreibt die Lufthansa Anfang September in einem Antwortbrief auf ein Schreiben der FlugschülerInnen, die um ihre Ausbildung bangen. Per E-Mail folgen später Flyer für "interessante Karrieremöglichkeiten" bei der Bundeswehr und Hinweise auf die Möglichkeit, sich an der Hochschule Bremen für ein Studium einzuschreiben.

Meisters fühlt sich von der Nachricht überrumpelt: "Die letzten Jahre warb die Lufthansa damit, sie bräuchten dringend Leute - uns", erinnert er sich. Er folgte dem Ruf der Lufthansa, brach dafür seine Ausbildung ab, wie viele andere auch. Würde Meisters jetzt auch die Piloten-Ausbildung abbrechen, hätte er wieder nichts in der Hand, unverschuldet - nach mittlerweile knapp anderthalb Jahren an der Flugschule.

Keine wirkliche Wahl?

Graphic Novel: Zwei Piloten in Ausbildung sitzen in einer Klasse, einer meldet sich (l.). © NDR Foto: Screenshot
Hunderte der angehenden Piloten, die gerade bei der Lufthansa ihre Ausbildung machen, profitieren von den staatlichen Milliardenhilfen offenbar nicht. Ihre Karriere steht vor dem Ende.

Will Meisters weitermachen, macht die Lufthansa es ihm nicht leicht: Nur rund 170 weit fortgeschrittene Flugschülerinnen und Flugschüler sollen in Bremen zu Ende lernen dürfen. Alle anderen sollen an externe Flugschulen übergeben werden, wenn sie unbedingt weitermachen wollen. Damit gelten sie aber wohl nicht mehr als Lufthansa-Schüler - und verlören damit den exklusiven Zugang zum Arbeitsmarkt bei der Airline mit dem Kranich. Trotzdem sollen sie den vollen Preis für die teure Ausbildung zahlen: 80.000 Euro kostet die MPL-Fluglizenz, die dezidiert auf den Einsatz bei der Lufthansa-Gruppe vorbereitet - 20.000 Euro mehr als andere Fluglizenzen.

Die Pilotengewerkschaft "Vereinigung Cockpit" findet es unverantwortlich, wie mit den FlugschülerInnen umgegangen werde. "Es gibt Verträge", stellte Gewerkschaftssprecher Janis Schmitt fest. "Man hat ihnen versprochen, dort eine Ausbildung zu machen und abzuschließen. Und aus diesen Verträgen möchte sich die Lufthansa jetzt zurückziehen." Ähnlich sehen das auch Sven Meisters und viele seiner KollegInnen. Sie empfinden es so, dass es für sie keine echte Wahl gebe.

Lufthansa setzt FlugschülerInnen unter Druck

Interne Dokumente und Ton-Mitschnitte, die Panorama 3 vorliegen, zeigen nun, wie die Lufthansa dabei vorgeht. In einem Brief von Anfang September hatte die Lufthansa den FlugschülerInnen noch etwas Mut gemacht schließlich hieß es dort, man arbeite "mit Hochdruck an vertretbaren Lösungen für alle Beteiligten".

Ende September veranstaltet die Lufthansa dann einen Webcast mit hochrangingen Verantwortlichen der Konzern-Airlines. Die werden schnell deutlich: "Aus wirtschaftlichen Gründen ist geplant, dass wir nicht mehr alle Flugschülerinnen und Flugschüler an den Flugschulen der European Flight Academy zu Ende schulen", heißt es nun klipp und klar. Hoffnungen auf einen Arbeitsplatz in einem Cockpit der Lufthansa-Gruppe müsse man sich auch nicht machen - jedenfalls nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Stefan-Kenan Scheib © NDR Foto: Screenshot
Stefan-Kenan Scheib ist Leiter der "European Flight Academy" in Bremen.

Die Lufthansa geht aber noch weiter. Anfang Oktober gibt es mehrere Video-Telefonate. Durch Aussagen wie die von dem Leiter der "European Flight Academy", Stefan-Kenan Scheib, fühlen sich einige FlugschülerInnen unter Druck gesetzt. Denn plötzlich sollen sie nach Ende der Ausbildung nicht nur die 80.000 Euro zurückzahlen, die immer anfallen. Es müssten weitere 35.000 Euro für das so genannte "Type Rating" bezahlt werden - eine Berechtigung für das Führen bestimmter Flugzeugmuster, ohne die die Pilotenausbildung nicht komplett ist. "Wir wollen nicht, dass Sie in fünf Jahren dastehen und eine Rechnung über 115.000 Euro bekommen", sagt Scheib in dem Video-Telefonat.

Der Lufthansa-Manager bemüht die neun Milliarden Euro Staatshilfe, die für die Lufthansa-Rettung geflossen sind, als Argument: "Wenn wir weiter ausbilden lassen müssen mit geliehenem Geld, das wir zurückbezahlen müssen an den Staat", sagt Scheib, "während wir dabei sind, 28.000 Mitarbeiter zu entlassen - dann werden wir in fünf Jahren kommen und uns dieses Geld natürlich (…) wir werden das von Ihnen verlangen, weil wir die Leistung erbracht haben." Sein Rat an die FlugschülerInnen: "Unterschreiben Sie einen Aufhebungsvertrag."

Lufthansa: "Wir werden unserer sozialen Verantwortung gerecht"

Sven Meisters fühlt sich von den Ansagen der Lufthansa-Manager enorm unter Druck gesetzt. Die Lufthansa betone immer, man könne freiwillig aufhören. "Aber da kann nicht von Freiwilligkeit zum Aufhören die Rede sein, wenn man diesen Schuldenberg in naher Zukunft sieht", sagt er. Soziale Verantwortung sehe anders aus.

Stefan-Kenan Scheib sieht das anders. "Es ist nicht unsere Absicht, die Schüler unter Druck zu setzen", sagt er. "Wir möchten die Situation realistisch darstellen. Und dass das unter Umständen weh tut, wenn man seinen Traum nicht weiterführen kann, verstehen wir absolut." Er rate den FlugschülerInnen, das Angebot der Lufthansa anzunehmen, schuldenfrei die Ausbildung abzubrechen. "Wir werden unserer sozialen Verantwortung gerecht, indem wir ein klares Bild der Zukunft zeichnen und jedem ganz offen und ehrlich sagen, was er in der Zukunft zu erwarten hat."

Janis Schmitt © NDR Foto: Screenshot
Janis Schmitt von der Piloten-Gewerkschaft "Vereinigung Cockpit" findet es unverantwortlich, wie die Lufthansa die Flugschüler behandelt.

Die Pilotengewerkschaft "Vereinigung Cockpit" glaubt, man könnte auch andere Lösungen für die angehenden PilotInnen finden. "Man könnte die Flugschüler zu Ende ausbilden und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Lufthansa wieder Personal braucht, auf die gut ausgebildeten Pilotinnen und Piloten zurückgreifen", sagt Janis Schmitt. Prognosen über die nächsten fünf bis zehn Jahre könne man eh nicht treffen. Und in der Vergangenheit habe sich die Luftfahrt-Branche auch von den heftigsten Krisen relativ zügig erholt.

Sven Meisters weiß noch nicht, wie er sich entscheiden soll. Derzeit arbeitet er im Callcenter, um über die Runden zu kommen. Das habe er sich auch anders vorgestellt, sagt er. Aber so ganz aufgeben will er den Traum vom Fliegen noch nicht.

*Name von der Redaktion geändert.

 

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Panorama 3 | 20.10.2020 | 21:35 Uhr