Stand: 12.04.2016 11:44 Uhr  | Archiv

"Sie schweigen aus Angst!"

Im November hat ein Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes in einer Flüchtlingsunterkunft im nordrhein-westfälischen Höxter ein siebenjähriges syrisches Mädchen missbraucht. Der mehrfach vorbestrafte Mann wurde nun vom Landgericht Paderborn zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hat gestanden, im Beisein des Kindes pornografische Videos geschaut und sich selbst befriedigt zu haben. Panorama 3 hat mit den Eltern des Mädchens gesprochen.

Panorama 3: Was ist Ihrer Tochter passiert?

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"Im ersten Moment habe gedacht: Ich habe unsere Kinder aus einer Hölle gebracht, um dann an einem noch schlimmeren Ort zu landen", so Judy S..

Judy S.: Wir saßen im Essenssaal in unserer Unterkunft, unsere Tochter wollte schon auf unser Zimmer vorgehen. Als ich später ins Zimmer kam, war sie nicht da. Als wir sie fanden, war sie klitschnass, denn draußen regnete es in Strömen. Sie sagte, dass sie jemand mit nach draußen genommen hätte. Ein Mann habe ihr Schlimmes angetan. Er habe ihr einen Pornofilm gezeigt, habe versucht, ihr die Hose herunterzuziehen, er habe seinen Penis herausgeholt und versucht, ihn ihr in den Mund zu stecken. Wir haben sofort versucht, den Täter zu finden. Ich war mir sicher, dass es sich um einen der Männer handele, die mit uns im Heim lebten. Meine Tochter hat ihn dann erkannt: Er trug eine Jacke des Roten Kreuzes. Ich hätte nie gedacht, dass es einer von den Mitarbeitern unserer Unterkunft hätte sein können. Einer, der uns beschützen sollte. Wir erzählten einem Dolmetscher was passiert war, riefen die Polizei. Die nahm den Mann fest.

In was für einem Zustand war Ihre Tochter?

Judy S.: Sie weinte. Sie ist ein starkes Mädchen, nicht labil oder schüchtern. Ich denke, der Krieg und all das, was wir in Syrien erlebt haben, hat unsere Kinder abgehärtet. Aber sie ist erst sieben Jahre alt, sie kann so etwas natürlich noch nicht verstehen. Sie hat auch noch nie einen Penis gesehen, außer den ihres kleinen Bruders. Sie kennt diese Dinge noch nicht. Und das war vielleicht das schwerste für mich: Das meiner Tochter erklären zu müssen. Wir sind Muslime. Über diese Themen reden wir nicht. Bis ein Mädchen älter wird und auch von alleine beginnt, solche Dinge zu verstehen. Aber dass wir unsere kleinen Kinder mit solchen Themen konfrontieren müssen, ist für uns ein Tabu.

Hat Ihre Tochter sich durch den Vorfall verändert?

Judy S.: Unsere Tochter ist ein sehr soziales Mädchen. Aber seit kurzem lässt sie es kaum noch zu, dass man sich ihr nähert, ihr ein Küsschen gibt oder sie umarmt. Sie ist ängstlich geworden, möchte immer, dass sie jemand begleitet, selbst von unserem Zimmer in den Essensraum. Und sie hat begonnen, zu stottern. Das habe ich auch den Sozialarbeitern im Camp mehr als einmal erzählt. Aber leider hat bislang keiner auf mich reagiert. Ich wünschte mir lediglich, dass unsere Tochter wegen ihres Stotterns einmal zum Arzt kann.

Wie verkraftet man das als Eltern?

Ahmad S.: Ich war am Ende. Wir sind vor dem Krieg geflüchtet, haben Schlimmes erlebt. Und dann erleben wir hier, dass ein deutscher Mann, angestellt beim Roten Kreuz, uns so etwas antut. Ausgerechnet jemand von den Sicherheitsleuten, deren Aufgabe es doch war, auf uns aufzupassen.

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In diesem Heim in Höxter war die Familie untergebracht.

Judy S.: Ich hoffe, sie wird es mir nicht vorwerfen. Dass ich sie hier hergebracht habe, diesen langen Weg, auf dem wir Todesangst hatten, als wir über das Meer fuhren. Das hat mir so wehgetan, dass ich meine Kinder hierher gebracht habe, um sie zu beschützen. Wenn wir hier auch sonst nichts haben, dann zumindest doch Schutz. Und nicht einmal einen Monat nach unserer Ankunft, als wir noch geschwächt von der langen Flucht waren, passiert so etwas mit unserer Tochter. Das hat mich fertig gemacht. Im ersten Moment habe gedacht: Ich habe unsere Kinder aus einer Hölle gebracht, um dann an einem noch schlimmeren Ort zu landen.

Wie schwer war es für Sie darüber zu reden?

Ahmad S.:  Wir sind Flüchtlinge. Wir sind hilflos. Was ist, wenn wir einen Deutschen anzeigen, und das negativ auf uns zurückfällt? Ich sah das schon als ein großes Problem. Ich dachte, vielleicht nimmt die Polizei am Ende uns fest.

Judy S.: Auch ich dachte sofort: Ich hoffe, das fällt nicht negativ auf uns zurück. Ich hoffte, sie würden dem Fall nachgehen. Unabhängig davon, dass wir Flüchtlinge und der Täter ein Deutscher ist. Das Schlimmste ist, dass ich weiß, dass so etwas auch anderen Familien passiert ist. Ich rede hier nicht nur von Belästigung, sondern auch von Vergewaltigungen. Und sie sagen nichts, weil sie Angst haben. Weil sie sich schämen. Weil es eine Schande ist, weil sie nicht wollen, dass die anderen wissen, was mit ihrer Tochter passiert ist. Aber ich möchte das Recht meiner Tochter einfordern. Wenn ich schweige, wird sie es nicht bekommen. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen. Meine Tochter hat nichts falsch gemacht. Ich weigere mich, zu schweigen.

Sie wissen von anderen Fällen?

Judy S.: Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass es Belästigungen und Vergewaltigungen gab, auch unter Flüchtlingen. Es gibt keine Sicherheit. Und ich habe immer gesagt: Bitte redet. Sprecht darüber. Wovor habt ihr Angst? Das Problem ist, dass die meisten Menschen, die hier nach Europa kommen, ihre Rechte nicht kennen.

Wie ist es mit Ihrer Familie nach dem Vorfall weitergegangen?

Ahmad S.: Bei uns hat sich alles verzögert. Bis heute sind wir lediglich registriert.

Judy S.: Alle Familien, die mit uns in dem Heim gelebt haben, haben kurz darauf ihre Asylanträge gestellt. Wir sind die einzige Familie, die bislang noch keinen Termin hatte. Wir sind lediglich in ein anderes Heim gebracht worden, weil wir darum gebeten hatten, aus Angst, dass uns jemand etwas antun könnte. Und das hat unsere Registrierung um mehr als einen Monat verzögert. Bis heute haben wir noch keinen Asylantrag gestellt, nichts. Bis jetzt warten wir.

Ist Ihnen nach dem Vorfall Hilfe angeboten worden, zum Beispiel psychologische Betreuung für Ihre Tochter, für Ihre Familie?  

Judy S.: Nein, nichts. Ich habe sofort darum gebeten, ich sagte: Bitte, ich möchte einfach nur eine Wohnung für meine Familie, damit meine Kinder zur Ruhe kommen können, ohne Angst das Bad aufsuchen können. Jetzt sind wir zu sechst in einem Raum. Wir leben und schlafen dort. Ich habe keine Ansprüche. Es muss keine große Wohnung sein. Ich möchte einfach nur einen Ort für meine Familie, wo wir uns sicher fühlen. Wir kommen nie zur Ruhe. Ich nehme jedes Geräusch war, wenn jemand das Haus unten betritt oder verlässt. Jedes Mal frage ich mich: Wer könnte das sein?

Was muss sich in den Unterkünften ändern, damit es mehr Sicherheit gibt?

Judy S.: Das Erste ist, dass die Sicherheitsleute geeignet und gut ausgebildet sind. Dass man ihre Geschichte kennt. Und dann müsste es in jeder Flüchtlingsunterkunft eine Anlaufstelle geben. Das sollte doch  selbstverständlich sein, in einem freien und zivilisierten europäischen Land. Aber wir wissen ja oft noch nicht einmal, woher wir einen Dolmetscher holen sollen. Man möchte etwas sagen, es gab einen Vorfall, aber es gibt keine Möglichkeit, zu kommunizieren. Das fehlt. Und es wäre schön, wenn sich besser um die Kinder gekümmert wird. Damit sie sich freuen, hierher gekommen zu sein. Meine Kinder sind bis heute sauer auf uns, weil wir sie hierher gebracht haben. Sie sagen fast jeden Tag: Ich will zurück in unser Land. Das Wichtigste für ein Kind ist doch, ein Zuhause zu haben. Bei aller Dankbarkeit darüber, dass man uns hier in Deutschland die Türen geöffnet und aufgenommen hat.

Das Interview führten Robert Bongen und Alena Jabarine.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 12.04.2016 | 21:45 Uhr