Senioren enttäuscht: Wohnanlage soll abgerissen werden

Stand: 29.09.2020 19:33 Uhr

32 Reihenhäuser für betreutes Wohnen sollen in Osnabrück abgerissen werden. Zuvor hatte der Vermieter offenbar solche Absichten bestritten. Die Bewohner sind wütend und fühlen sich überrumpelt.

von Andrea Brack, Philipp Hennig

Senioren stehen vor einer Wohnanlage in Osnabrück. © NDR Foto: Screenshot
Die Senioren wollten in dieser Wohnanlage ihren Lebensabend verbringen. Nun sollen die Reihenhäuser abgerissen werden.

In ihrem Alter noch mal das Zuhause zu verlieren, damit hätte sie nicht gerechnet. "Wir wollen hier nicht weg. Wir fühlen uns alle hier sehr wohl. Wir sind alle miteinander befreundet, wir verstehen uns alle gut und das ist wichtig", sagt Margot Lawinsky-Hünemann. Sie ist 82 Jahre alt, wohnt seit sechs Jahren in den kleinen Reihenhäusern in Osnabrück. Insgesamt 32 Wohnungen sind in den Backsteinhäusern mit altrosa getünchten Fassaden, davor blühen Hortensien, eine Porzellankatze liegt im Blumenbeet. Eigentlich wollte sie hier ihren Lebensabend verbringen. Nun sollen sie und die Nachbarn ausziehen.

Auch Nachbar Dieter Wischmeier ist betroffen, "eine Gemeinschaft wird auseinandergerissen", sagt er. Denn die Senioren des betreuten Wohnens des Küpper-Menke-Stifts der Diakonie in Osnabrück sollen ihre Häuser verlassen. Gekündigt wurde ihnen zwar noch nicht, aber die Reihenhäuser sind in die Jahre gekommen. Sie sollen abgerissen werden und dem Neubau des dahinterliegenden Pflegeheims weichen. Nach dem Willen der Diakonie soll das ganze Areal inklusive Altenheim und betreutem Wohnen neu gestaltet werden. Erfahren haben die Mieterinnen davon erst Anfang September. Das ärgert sie besonders. Denn Gerüchte, dass die Häuser abgerissen werden sollen, gab es schon länger.

War der Abriss schon länger geplant? 

Im Januar 2019 lag ein anonymer Brief in den Briefkästen der Senioren. Darin hieß es, dass im März 2018 beschlossen worden sei, dass die Anlage "abhängig ist", also abgerissen werden soll. Auf diesen Brief reagierte die Diakonie mit einem eigenen Schreiben. Die Behauptungen aus dem Brief "werden wir nicht unwidersprochen stehenlassen", heißt es darin. Die Diakonie beraumte ein Treffen mit den Bewohnern ein und beschwichtigte, so erinnern sich viele Mieter. Ihre Sorgen waren damit erstmal ausgeräumt. Nun soll es doch so kommen, wie von manchen schon Anfang 2019 befürchtet worden war.

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Lutz Jainski und Fritz Rentsch sind von den Neubauwohnungen nicht begeistert und trauern insbesondere um ihre eigenen Gärten.

Den Senioren wurden alternative Wohnungen angeboten, fast fünf Kilometer entfernt, in einem Neubau. Sie müssen nun überlegen, ob sie das Angebot der Diakonie annehmen wollen. Noch steht ein Bauzaun um das neue Gebäude, auf einigen der benachbarten Flächen in dem Neubaugebiet sticht Unkraut aus den noch unbebauten Sandböden. Fritz Rentsch und Lutz Jainski gucken sich das Gebäude kritisch an, "wir haben das im Kopf, was wir jetzt haben, mit einem kleinen Gärtchen davor, den man bestellen kann", sagt der 82-jährige Fritz Rentsch. Auf einen eigenen Garten werden sie in dem Neubau wohl verzichten müssen. Auch Balkone oder Terrassen soll es nicht geben. Dafür wäre alles neu, im Gegensatz zu den Reihenhäusern aus den 60er Jahren. Fritz Rentsch und Lutz Jainski hadern sehr damit, hier einmal einzuziehen. Die Diakonie beteuert auf Anfrage, dass sie sich um jeden Einzelnen gut kümmere, "so dass gemeinsam gute Lösungen gefunden werden".

Investitionen umsonst

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Monika Schröder hätte nicht in eine neue Küche investiert, wenn sie früher von den Abriss-Plänen erfahren hätte.

Behauptungen darüber, dass die Diakonie den Abriss der Häuser schon länger geplant habe, bestreitet sie weiterhin. "Planungen für das Grundstück sind erst mit der Information der Bewohnerinnen und Bewohner begonnen worden", schreibt die Diakonie. Diese Aussage wundert Ulrich von der Wellen. Er war einige Jahre bei der Diakonie als Haustechniker beschäftigt und bestätigt, dass bereits im Sommer 2018 bei mehreren hausinternen Informationsrunden bekannt gegeben wurde, dass die Häuser abgerissen werden sollen.

Monika Schröder ist enttäuscht. Noch vor einem halben Jahr hat sie in eine neue Küche investiert. "Mit dem Aufbau hat das 2000 Euro gekostet", erzählt sie, "woanders kann ich die Küche nicht gebrauchen." Hätte sie von den Abriss-Plänen der Diakonie gewusst, hätte sie sich die Investition gespart. Die Mieterinnen und Mieter wollen sich jetzt an den Mieterbund wenden und klären, ob sie rechtliche Möglichkeiten haben. Einfach aufgeben wollen sie nicht.

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