Pflegebedürftigen-Hilfe: Ca. 12 Mrd. Euro verfallen jährlich

Stand: 30.08.2022 20:00 Uhr

Laut einer Studie nutzen 93 Prozent der Befragten die Tagespflege nicht. Ein möglicher Grund: Die Zuzahlungen sind viel zu hoch. Doch eine Reform würde viel Geld kosten.

von Anne Ruprecht

Ohne Hilfe geht es bei Lieselotte Schwindt nicht mehr. Die 84-jährige möchte nicht in ein Pflegeheim. Damit sie zu Hause bleiben kann, hat Britta Lesch, die mit ihrer kleinen Firma Entlastungsdienste für Pflegebedürftige anbietet, ein Unterstützungsnetz aufgebaut: Sie kümmern sich um den Haushalt, Einkäufe, alles was anfällt. Auch der Pflegedienst kommt täglich.

Doch zu Hause kann Lieselotte Schwindt langfristig nur bleiben, wenn sie tagsüber in eine Tagespflege gehen kann. Eigentlich gibt es dafür sogar extra Geld von der Pflegeversicherung: Ihr stehen 1.298 Euro pro Monat zur Verfügung. Das Problem: Sie darf dieses Budget nur nutzen, wenn sie einen Eigenanteil dazu bezahlt. Für zweimal wöchentlich Tagespflege wären das im Monat 220 Euro, bei viermal wöchentlich schon 440 Euro Zuzahlung.

Doch Lieselotte Schwindt hat bei ihrer kleinen Rente zum Leben nur 850 Euro monatlich zur Verfügung. Und jetzt kommt die brutale Logik: Wenn sie die Zuzahlung nicht stemmen kann, bekommt sie kein Geld aus dem Tagespflege-Budget. Es verfällt dann komplett.

Die pflegebedürftige Rentnerin Lieselotte Schwindt. © NDR Foto: NDR
Die Rente der pflegebedürftigen Lieselotte Schwindt reicht nicht für die Zuzahlung zur Tagespflege.

93 Prozent nutzen Tagespflege nicht

Ganz ähnlich geht es vielen Menschen in Deutschland. Das zeigt eine Studie, die der Sozialverband VDK in Auftrag gegeben hat. Es sind erschreckende Zahlen: Die Tagespflege nutzen sage und schreibe 93 Prozent der Befragten nicht. Auch beim Entlastungsbetrag, mit dem man sich Hauswirtschaftshilfe und Betreuung einkaufen kann, ist die Bilanz schlecht: 80 Prozent rufen ihn nicht ab. Allein hier verfallen jährlich Leistungen im Wert von knapp vier Milliarden Euro.

Die Kurzzeitpflege, also eine vorübergehende Versorgung im Pflegeheim, wenn Angehörige verhindert sind, nutzen 86 Prozent nicht. Hier verfallen 4,6 Milliarden Euro pro Jahr. Viel Geld verfällt auch bei der Verhinderungspflege, bei der sich Angehörige zu Hause vertreten lassen können: 70 Prozent nehmen hier nichts in Anspruch, d.h. Leistungen im Wert von 3,4 Milliarden Euro verfallen pro Jahr. Wenn man all das zusammenrechnet, verfallen rund zwölf Milliarden Euro im Jahr. Gleichzeitig sagt ein Großteil der Befragten der Studie, sie bräuchten diese Hilfe eigentlich dringend.

 

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Angehörige verlieren sich im Pflegedschungel

Inga Hansen brauchte dringend eine Auszeit von der Pflege. Auf der Suche nach einem Kurzzeitpflegeplatz für ihre Mutter hat sie zwei Monate lang jeden Tag Pflegeheime in ganz Schleswig-Holstein abtelefoniert. Bis zu 20 Anrufe am Tag, wochenlang ohne Erfolg. Das Problem ist, dass sich für Pflegeheime die Kurzzeitpflege nicht wirklich lohnt. Deshalb gibt es kaum Plätze. Und so nutzt vielen auch das Budget, das es dafür gibt, nichts. Das Geld verfällt. 

Die Gesundheitspolitiker*innen wissen, dass die verschiedenen Pflegebudgets ziemlich starr sind und möglicherweise nicht zu dem passen, was viele Leute eigentlich brauchen. Deshalb sollen die Betroffenen Geld von einem Budget ins anderen schieben können. So soll alles flexibler werden. Es wird vor allem aber komplizierter. Sogar so kompliziert, dass man Hilfe von einem Spezialisten braucht. Denn wer nicht durchblickt, verliert schnell eine Menge Geld und damit auch Hilfe bei der Pflege.

Hendrick Dohmeyer ist selbst seit 15 Jahren pflegender Angehöriger und inzwischen auch ausgebildeter Pflegeberater. Für ihn ist klar, es gehe fünf Millionen Pflegebedürftigen und noch mehr Angehörigen so, dass sie dieses System nicht verstehen und ohne Hilfe auf viel Geld und damit Hilfe bei der Pflege verzichten müssen. Nur wenn man gekonnt Geld zwischen den Budgets hin- und herschiebt, kann man mehr rausholen.

 

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Politik verspricht Verbesserungen - vielleicht

Der Pflegepolitische Sprecher der Union, Erich Irlstorfer (CSU) sagt, man habe "so viele Gesetze in den letzten 20 Jahren angesammelt, mit Ausnahmen, mit Regulierungen, die vielleicht im Detail sogar Sinn machen. Aber sie sind nicht anwendbar. Und hier braucht man Vereinfachung." Auf die Frage, warum die Union das nicht schon in der letzten Legislaturperiode gemacht habe, als sie sogar den Gesundheitsminister gestellt habe, sagt er: "Das ist eine gute Frage, die ich Ihnen leider nicht beantworten kann."

In den letzten fünf Jahren ist nicht viel passiert. Auch der aktuelle Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) beteuert: Man nehme das alles sehr ernst und arbeite an Vorschlägen. Doch es drängt sich der Eindruck auf, so eilig hat man es dabei auch nicht. Denn die Pflegebedürftigen sind gut von den pflegenden Angehörigen versorgt und das ist zudem auch recht günstig. Eine Reform jedenfalls würde viel Geld kosten: Denn wenn der Zugang zu Hilfen einfacher wird, heißt das ja auch, dass viele Milliarden Euro zusätzlich abgerufen würden. Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen können nur hoffen, dass es diesmal schneller geht. Dass man dieses Mal auch wirklich Wort hält.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 30.08.2022 | 21:15 Uhr

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Pflege