Stand: 25.09.2018 17:12 Uhr

Missbrauchsstudie: Aufklärung erst am Anfang

von Anne Ruprecht

Wenn Michael Räuber in diesen Tagen Zeitung liest, studiert er aufmerksam die Berichterstattung über die Ergebnisse der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche. Und er findet Zahlen: Opferzahlen, Täterzahlen, Strukturen und Risikofaktoren, die den Missbrauch innerhalb der Kirche begünstigten. Was er nicht findet, sind Antworten auf seine Fragen. Ihm fehlt eine wirkliche Aufarbeitung dessen, was damals passiert ist. Für ihn ist klar: "Ohne Bekenntnis keine Vergebung: Das habe ich im Religionsunterricht gelernt." Und zu einem wahren Bekenntnis, so Räuber, gehöre "die volle Wahrheit." Die vermisst er, wenn er sich ansieht, wie die katholische Kirche bis heute mit seinem Fall umgeht.

Ein Priester hält einen Rosenkranz in der Hand. © dpa Foto: Jochen Lübke

Missbrauchsstudie: Aufklärung erst am Anfang

Panorama 3 -

3.677 Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Michael Räuber ist einer davon. Eine Studie hat Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bundesweit untersucht.

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Verteidiger des katholischen Glaubens - und Gewalttäter

Michael Räuber, geboren 1949, wächst in Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern auf. Hier in der katholischen Gemeinde ist er Anfang der 60er-Jahre Messdiener unter Pfarrer Herrmann-Josef Timmerbeil. Der charismatische Priester tritt nach außen als Wohltäter auf und wird von seiner Gemeinde als Verteidiger des katholischen Glaubens im DDR-Sozialismus verehrt. Ein mächtiger Mann.

Und ein Gewalttäter: Michael Räuber schildert, Timmerbeil habe immer wieder die Kirche von innen verriegelt, die Gardinen zugezogen und die Tür abgeschlossen. Was folgte, waren sexuell aufgeladene Exorzismen, regelrechte "Folterszenen, eine nach der anderen. Und zwischendurch beten mit ausgebreiteten Armen." Hinterher habe der Pfarrer "das schluchzende, weinende Kind auf dem Arm genommen, geküsst, und gesagt 'ich leide das alles mit dir'". Traumatische Erfahrungen, die Michael Räuber in einer Therapie aufgearbeitet hat. Seine Erfahrungen hat er vor zwei Jahren in einem Buch öffentlich gemacht, eingebettet in eine fiktive Rahmenhandlung.

Studie: 3.677 Opfer von sexuellen Übergriffen

Räuber ist einer der deutschlandweit 3.677 minderjährigen Betroffenen, die in einer jetzt veröffentlichten Studie genannt werden. Untersucht haben die Wissenschaftler im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz den Zeitraum von 1946 bis 2014. Sie kommen auf 1.670 Täter in diesem Zeitraum. Diese Zahlen sind laut den Forschern "eine untere Schätzgröße" - es sind nur die Fälle erfasst, die aktenkundig sind. Selbst in die Akten schauen durften die Wissenschaftler dabei nicht.

Auch die norddeutschen Bistümer veröffentlichen jetzt Zahlen: Im Bistum Osnabrück gibt es insgesamt 35 Beschuldigte und 68 Opfer, das Bistum Hildesheim zählt 46 Beschuldigte und 153 Betroffene. Für das Erzbistum Hamburg, zu dem heute auch Michael Räubers Heimat-Gemeinde in Neubrandenburg gehört, nennen die Verantwortlichen die Zahl von 33 Beschuldigten und 103 Betroffenen.

Pfarrer Timmerbeil konnte sich über 30 Jahre lang an Kindern in Neubrandenburg vergehen. Mitte der 70er-Jahre ging er in den Ruhestand und siedelte nach Westdeutschland über. Wenige Jahre später starb er. Beim Erzbistum in Hamburg haben sich nach Angaben des Bistums zwölf  Betroffene gemeldet. Vor Ort in Neubrandenburg spricht man sogar von über 100 möglichen Betroffenen.

Alles für die Aufklärung?

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"Manche Aspekte der Aufarbeitung müssen eben noch geleistet werden", so Manfred Nielen, Sprecher des Erzbistums Hamburg.

Wie konnte ein Pfarrer offensichtlich über Jahrzehnte Kinder misshandeln und missbrauchen, ohne dass jemand einschritt? Und das, obwohl seine Gewalttaten offenbar Thema in der Gemeinde waren? Wie konnte das geschehen? Darauf hat auch der Sprecher des Erzbistums Hamburg, Manfred Nielen, keine Antwort: "Ich kann Ihnen das für die Zeit von 1946 bis 1974, als der Pfarrer in Ruhestand gegangen ist, nicht erklären", sagt Nielen. Auf die Frage, ob die Kirche sich mitschuldig gemacht habe, antwortet Nielen: "Ja, aus heutiger Sicht, so, wie wir heute auf die Verhältnisse damals blicken, muss man das so sagen."

Das Erzbistum versichert, jetzt im Jahr 2018 endlich alles für die Aufklärung tun zu wollen. Michael Räuber hat nach seinen Angaben allerdings bereits im Jahr 1997 einen Brief an den damaligen Weihbischof geschrieben, in dem er ihm von den Übergriffen durch Pfarrer Timmerbeil berichtete. In einem Vier-Augen-Gespräch habe der Weihbischof "die Sache dann mir gegenüber heruntergespielt“, erzählt Räuber. Er habe ihm klargemacht, dass diese Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit gehöre.

Räuber: "So viele in der Kirche haben die Täter gedeckt"

Dazu sagt Manfred Nielen vom Erzbistum Hamburg, von diesem Brief wisse er nichts und zu einem möglichen Gespräch zwischen Räuber dem Weihbischof könne er nichts sagen. Man habe nun aber beschlossen, die Missbrauchstaten in Neubrandenburg von externen Wissenschaftlern aufarbeiten zu lassen. Dem Eindruck, die katholische Kirche habe die Aufarbeitung jahrelang verschleppt und reagiere nun nur, weil sie aufgrund des öffentlichen Drucks und der angespannten Situation in der Gemeinde in Neubrandenburg nicht mehr anders könne, tritt er entgegen: "Manche Aspekte der Aufarbeitung müssen eben noch geleistet werden."

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"So viele in der Kirche haben die Täter gedeckt", meint Michael Räuber. Er ist eines der 3.677 Opfer von sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche, die die Studie nennt.

Michael Räuber blickt weiterhin skeptisch auf die Beteuerungen der Kirche, alles aufarbeiten zu wollen. Zu lange hätten, selbst nach deren Tod, Kirchenleute die Hand schützend über den Täter gehalten. "So viele in der Kirche haben die Täter gedeckt. Und die Leidtragenden waren dann eben wieder einmal die Opfer." "Posthume Komplizen" nennt er sie.

 

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 25.09.2018 | 21:15 Uhr