Stand: 17.06.2013 14:30 Uhr  | Archiv

"Mir bleibt nur Hoffnung"

von Jasmin Klofta & Anne Ruprecht

Ute Alms ist schwer krank. Sie braucht eine Spenderleber, weil der Krebs in ihrer Leber nicht operiert werden kann. Mit einer lokalen Chemotherapie wird dieser vorerst in Schach gehalten. Die einzige Chance, die sie hat, ist eine Lebertransplantation. Doch seit den Organskandalen im vergangenen Jahr spenden immer weniger Menschen Organe. Auch Ute Alms muss jetzt länger warten.

VIDEO: Organspendeskandal: Kaum Vertrauen, Kaum Spender (8 Min)

Die zurückgegangene Zahl an Organspenden - Was bedeutet das für Sie?

Ute Alms: Nun muss ich noch länger warten. Die Spendenbereitschaft ist zurückgegangen, weil viele nicht mehr an das System glauben. Das ist ein Problem, wenn sich welche nach vorne schummeln, dann fallen hinten welche runter.

Wie erleben Sie das, auf ein Organ zu warten?

Alms: Die Zeit läuft und die Zeit bis zu einer Organspende wird immer länger, und ich stehe auf der Stelle und trampel weiter. Ich muss ja warten. Es ist vor allem Ohnmacht. Ich kann nichts tun. Es ist eine Abhängigkeit, die irgendwie ganz unmittelbar besteht, die aber auch ganz weit weg ist. Eigentlich ein unfassbarer Zustand: Also das Ableben eines Menschen würde mir das Weiterleben ermöglichen. Das, was für mich ein Glück wäre, wäre für viele andere Menschen ein trauriger Fall. Das macht mich schon ganz schön betroffen.

Was macht Ihnen Sorge?

Alms: Der Krebs in der Leber kann jederzeit weiter wachsen. Er ist jetzt rund drei mal drei Zentimeter groß. Wenn er mehr als fünf Zentimeter groß ist, dann ist nicht mehr sehr viel Hilfe drin.

Dann können Sie nicht mehr transplantiert werden?

Alms: Nein. Und ob ich diese Zeit noch habe, das weiß ich nicht. Ob es dann zu spät kommt, wie es für viele schon zu spät gekommen ist. Und diese Ungewissheit trägt man jetzt ja Tag für Tag mit sich. Die Freude darauf, dass es klappen könnte, mit der geschenkten Zeit, aber eben auch, dass irgendwann die Klappe zugeht und das war's.

Was denken Sie da?

Transportbox mit der Aufschrift "Human Organ for Transplant" © NDR
Warten auf den Tag X: Menschliches Organ zur Transplantation steht auf der Trasportbox.

Alms: Tja - wie weit kann ich planen? Also wenn ich mutig bin denke ich an meinen 60. Geburtstag im nächsten Jahr. Aber im Moment ist alles, was darüber hinaus an Zukunft ist, irgendwo abgeschnitten - zum Beispiel bei den Wünschen, Träumen, Vorhaben meiner Kinder. Selbst dieses profane Schild auf der Autobahn: Bauende Oktober 2014. Da denke ich: Muss Dich das noch interessieren?

Sind Sie auch manchmal wütend auf die Ärzte, die die Skandale ausgelöst haben und damit auch die geringere Spendenbereitschaft?

Alms: Da bin ich jetzt natürlich im Zwiespalt. Ich bin empört, wenn man mir jemanden vorzieht. Auf der anderen Seite: Ich würde es nicht gut finden, aber würde ich vielleicht nicht doch mitmachen, wenn ich diejenige wäre, die bevorzugt wird? Ich könnte mir vorstellen, dass ich eine Aussicht auf Hilfe annehmen würde, ohne viel zu fragen.

Erschrecken Sie bei dem Gedanken?

Alms: Ja, ich erschrecke dabei, ganz sicherlich. Aber manchmal versucht man das bisschen Hoffnung zu greifen, was einem bleibt. Ich kann es Ihnen nicht sagen, was ich dann machen würde.

Haben Sie noch Vertrauen in das System?

Patientin Ute Alms im Gespräch mit Panorama 3 Redakteurin Jasmin Klofta. © NDR
"Was habe ich für eine Wahl?" Ute Alms (re.) im Gespräch mit Panorama 3 Redakteurin Jasmin Klofta.

Alms: Was habe ich für eine Wahl? Natürlich, ich muss es ja tun. Es ist nicht zu ändern. Und wenn jetzt die Spendenbereitschaft noch mal zurückgehen würde, dann müsste ich auch das noch aussitzen. Was soll ich denn machen? Dann bin ich zwar todunglücklich und alles, was man Zukunft nennt, ist dann ja ganz weg. Mir bleibt doch nur Hoffnung, wenn ich mich nicht selber aufgeben will.

Wie leben Sie damit?

Alms: Ich habe keine Wahl, und man kann auch nicht Tag und Nacht daran denken: Ich bin unheilbar krank. Da kriege ich doch, hemdsärmelig gesagt, einen Kontakt in der Platte! Ich blende es immer wieder es aus, eine Art Selbstschutz. Außerdem: Ich habe Kinder und ich habe Enkel, und ich möchte da noch ein bisschen mitmischen.

Was möchten Sie gerne machen, was für Pläne haben Sie?

Alms: Ja Pläne, keine großen. Ich hatte mal große. Ich wollte noch verreisen, wollte mal ganz weit weg, nach Afrika, Australien! Das sind jetzt ganz viel kleinere Brötchen geworden: ich möchte einen schönen Sommer erleben, ich möchte nächstes Jahr 60 werden - Rente kriege ich schon, dass kann jetzt nicht mehr der Grund sein! Und dieser ganz tiefsitzende Wunsch, wieder eine Perspektive zu haben, die weiter geht als bis zum Tellerrand.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 18.06.2013 | 21:15 Uhr