Sendedatum: 15.10.2019 21:15 Uhr

Krebsgefahr durch Löschschaum?

von Nils Naber

Sie stecken in den Beschichtungen von Outdoorjacken, in Schuhspray, in der Beschichtung von Pfannen und Papier, in Lebensmittelverpackungen, Medizintechnik und vielen anderen Produkten, mit denen nahezu alle Menschen in den Industrieländern tagtäglich zu tun haben. Die Rede ist von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz PFAS. Diese Gruppe, die in der Öffentlichkeit häufig auch unter den Begriffen PFC oder PFT bekannt ist, umfasst mehr als 4.000 chemische Einzelstoffe. Sie sind in der Industrie beliebt, weil sie sich durch ihre Wasser-, Schmutz und Fett abweisende Wirkung auszeichnen. Über viele Stoffe ist wenig bekannt, bei zweien ist allerdings die schädliche Wirkung für den Menschen nachgewiesen. Es handelt sich um PFOS und PFOA. Sie stehen im Verdacht Krebs auszulösen und die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Außerdem sollen sie unter anderem für steigende Cholesterinwerte verantwortlich sein.

Ein Glasgefäs mit PFAS

Krebsgefahr durch Löschschaum?

Panorama 3 -

Sie weisen Wasser und Fett ab, stecken in der Beschichtung von Pfannen, Lebensmittelverpackungen: PFAS. Und sie reichern sich im Körper an - gefährlich, da zwei unter Krebsverdacht stehen.

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Stoffe quasi überall und schwer zu entfernen

Menschen nehmen regelmäßig PFAS auf. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass jeder Mensch in Deutschland PFAS-Substanzen in sich trägt", meint Stefan Effkemann, "die Stoffe sind quasi überall." Er arbeitet im Labor des niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Cuxhaven. Hier suchen Stefan Effkemann und seine Kollegen die Substanzen in Fischen. Denn dort reichern sie sich an, genauso wie im Menschen.

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Die Stoffe seien quasi überall, "ss ist sehr wahrscheinlich, dass jeder Mensch in Deutschland PFAS-Substanzen in sich trägt", meint Lebensmittelchemiker Stefan Effkemann.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat erst im Dezember 2018 die Menge, die ein Mensch täglich an PFOS und PFOA zu sich nehmen sollte, massiv herabgesetzt. Da noch weiterer Forschungsbedarf besteht, soll im Dezember 2019 dazu eine weitere Stellungnahme folgen. Dabei ist Verwendung von PFOS schon seit 2010 in Europa verboten. Für PFOA ist ein Verwendungsverbot ab 2020 beschlossen. Nur in einzelnen Fällen gibt es Ausnahmen davon.

Einmal in die Umwelt gelangt, sind PFAS schwer zu entfernen, denn diese Verbindungen sind extrem stabil. In gewöhnlichen Kläranlagen werden sie nicht abgebaut. Sie lösen sich nur bei sehr hohen Temperaturen auf, selbst die Hitze in üblichen Hausmüllverbrennungsanalgen reicht dafür laut Bundesumweltministerium oft nicht aus.

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Kaum systematische Proben

Den Behörden sind die negativen Folgen von PFAS seit vielen Jahren bekannt. Trotzdem fehlt bisher eine flächendeckende systematische Erfassung in Gewässern oder im Boden in ganz Deutschland. Bereits 2017 stellte das Bundesumweltministerium in einer Stellungnahme für die Umweltministerkonferenz fest, "eine bundesweite Dimension dieser Verdachtsstandorte ist noch unbekannt." Deswegen müsse eine "systematische Erfassung" erfolgen. Bislang erfolgt die Suche in der Regel nur gezielt bei einem Verdacht. Für eine systematische Erfassung und Bewertung von Verdachtsstandorten sind laut Bundesumweltministerium die Bundesländer zuständig. Doch die norddeutschen Länder gehen nach Recherchen von Panorama 3 bei dem Thema sehr unterschiedlich vor. So wurde bisher beispielsweise nur in Hamburg eine größere Zahl von Grundwassermessstellen auf PFAS beprobt.

Auch das Trinkwasser dürfte nur an sehr wenigen Orten auf PFAS beprobt worden sein. In Bremen und Hamburg konnte bislang kein PFAS im Trinkwasser festgestellt werden. In den Umweltministerien in Kiel und Schwerin liegen dazu keine Kenntnisse vor. Das Umweltministerium in Hannover beantwortet Fragen dazu nicht. In der Trinkwasserverordnung fehlt bislang eine Verpflichtung dazu. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass sich bisher überhaupt nur etwa 20 PFAS-Substanzen nachweisen lassen.

Auch im Löschschaum verwendet - viele Verdachtsflächen

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PFOS kam lange in Löschschäumen zum Einsatz.

Flächen auf denen PFOS ausgetreten sein könnte, sind zum Beispiel frühere Brandorte oder Feuerwehrübungsplätze. Denn der Stoff kam lange in Löschschäumen zum Einsatz. Über die Brandbekämpfung oder Übungen mit diesen Schäumen sind auch im Norden über Jahrzehnte größere Mengen PFOS in die Umwelt gelangt. Besonders Werks- und Flughafenfeuerwehren spielen dabei eine Rolle, denn dort musste vor allem wegen möglicher Flüssigkeitsbrände mit diesem Schaum geübt werden. Mit der Zeit sickerte das PFOS in den Boden und das Grundwasser. Doch auch hier fehlt in großen Teilen Norddeutschlands noch eine systematische Untersuchung früherer Brandflächen auf PFOS. In Schleswig-Holstein werden aktuell vom Umweltministerium fünf Verdachtsstandorte mit "relevanten Konzentrationen" von PFAS in Boden und/oder Grundwasser geführt. Alle haben mit Löschschaum zu tun. Nach unseren Recherchen sind drei Flächen davon mittlerweile saniert oder gelten als unbedenklich. Allerdings sollen nun in einer größeren Untersuchung nochmal eine ganze Reihe von "Standorten des Feuerwehrwesens" in Schleswig-Holstein auf PFAS untersucht werden.

In Hamburg wurden auf mehreren Raffinerieflächen, am Flughafen und an Orten, wo Großbrände stattfanden PFAS (in der Regel PFOS) nachgewiesen. Weitere Untersuchungen und eine Sanierung stehen hier an. Auch in Hamburg sind noch nicht alle PFAS-Verdachtsflächen erfasst. "Wann ein kompletter Überblick vorhanden sein wird", ist momentan nicht absehbar, schreibt die zuständig Umweltbehörde.

In Mecklenburg-Vorpommern ist dagegen keine einzige zivile PFAS-Verdachtsfläche bekannt, die eine Sanierung nach sich ziehen würde. Eine "systematische Erfassung von Verdachtsflächen mit PFAS-Verdacht erfolgt bislang nicht", schreibt das zuständige Umweltministerium. Aktenkundig ist dort nur ein Feld in Wittendörp (Landkreis Ludwigslust-Parchim). Dort ist 2006 PFAS-belasteter Klärschlamm ausgebracht worden. Die Untersuchungsergebnisse im Grundwässer seien aber alle "unauffällig" gewesen, schreibt das Ministerium.

Auch in Niedersachsen sind momentan sind nur wenige PFAS-belastete Fläche bekannt, die möglicherweise eine Sanierung nach sich ziehen. Dabei handelt es sich um drei Äcker eines Landwirts auf dem Gebiet der Stadt Celle. Laut Angaben der Stadt wurden auf den Flächen 2006 PFAS-belasteter Dünger ausgebracht. PFOA sei dabei in großem Ausmaß ins Grundwasser gelangt. Darüber hinaus sei PFOS im Oberboden nachgewiesen worden. Wegen rechtlicher Auseinandersetzungen dauern die Detailuntersuchungen der Flächen noch einige Jahre an.

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Im niedersächsischen Umweltministerium sind seit ungefähr 2006 weitere landwirtschaftliche Flächen bekannt, auf denen PFAS-belastete Düngemittel zum Einsatz kommen sollten und auf denen belasteter Klärschlamm ausgebracht wurde. Die Ausbringung des Materials konnte verhindert und die "Belastungsgebiete sicher eingegrenzt" werden. Eine aufwendige Sanierung ist hier offenbar nicht notwendig. Aktuellere Daten zu stark PFAS-belasteten Flächen aus der nahen Vergangenheit liegen dem Ministerium in Hannover offenbar nicht vor. Fragen dazu werden nicht beantwortet.

PFAS in Fischen und Gewässern nachgewiesen

In allen norddeutschen Bundesländern wurden PFAS allerdings in unterschiedlichen Oberflächengewässern und in Fischen nachgewiesen. Ein herausragendes Beispiel ist der Fluss Ochtum in Bremen und Niedersachsen. Der Lebensmittelchemiker Stefan Effkemann hat vor Kurzem sehr hohe PFOS-Belastungen in Fischen aus der Ochtum gemessen, bis zu 2000 μg/kg. "So einen hohen Wert hatten wir hier noch nie gemessen." Auch wenn die Durchschnittsbelastung der Fische aus dem Fluss deutlich geringer war, rät der Chemiker dringend davon ab, Fische aus der Ochtum zu essen. Für den Fluss gilt seit Juli eine entsprechende behördliche Verzehrempfehlung.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 15.10.2019 | 21:15 Uhr