Stand: 27.03.2018 11:18 Uhr

Kaufempfehlung mit Sprengkraft

von Djamila Benkhelouf, Mareike Fuchs, Lena Kampf und Georg Mascolo

TATP oder Acetonperoxid -  so heißt der Sprengstoff, den der mutmaßliche Islamist Yamen A. nach Überzeugung der Ermittler herstellen wollte - eine sehr entzündliche Sprengstoffmischung. Dieser Sprengstoff besteht aus Chemikalien, die im Handel frei verkäuflich sind. Doch in der Mischung sind die Bestandteile hochgefährlich. Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Yamen A. nicht einfach nur einen Anschlag begehen wollte, sondern eine Bombe herstellen, die geeignet gewesen wäre, 200 Menschen in den Tod zu reißen. Gegen den 20-jährigen angehenden Bauingenieur aus Syrien ist in der vergangenen Woche in Hamburg Anklage erhoben worden.

Zutaten für Sprengsätze kaufte Yamen A. bei Amazon © NDR Foto: Screenshot

Kaufempfehlung mit Sprengkraft

Panorama 3 -

Online-Händler machen es potenziellen Attentätern weiterhin leicht, an Bestandteile für Sprengsätze zu kommen. Amazon empfiehlt sogar die für Bomben notwendigen Produkte.

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Die Komponenten, die er für den Bau des Sprengsatzes benötigte, bestellte Yamen A. über Amazon. Um die Gefahr einer Nachahmung zu verhindern, beschreibt Panorama 3 die Bestellvorgänge nicht in allen Einzelheiten. Vom Versandhändler kamen Pakete mit Chemikalien, Messbecher und Einzelspritzen für den Mischvorgang. Funkgeräte sollten für eine Zündung aus der Ferne dienen - die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass zumindest zeitweise die Idee einer Autobombe im Raum stand.

TATP - "Sprengstoff der Dschihadisten"

A. floh aus Syrien und wurde 2016 in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Im Juli 2017 kam der Syrer laut Ermittlerkreisen mit Glaubensbrüdern in Kontakt, die ihm bei einem Anschlag helfen wollten. Er erhielt detaillierte Anweisungen für den Bau von Fernzündern und die Herstellung von TATP. Im August begann die Bestellphase, der Syrer wurde nun ein treuer Amazon-Kunde. Der Anwalt von Yamen A. wollte dazu keine Stellung nehmen.

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TATP ist in Ermittlerkreisen bekannt. Er wird auch als "Sprengstoff der Dschihadisten" bezeichnet. Bereits die Attentäter von Paris oder Brüssel verwendeten TATP. Die Bundesanwaltschaft kritisiert, dass selbst technisch unerfahrene Personen "unter Nutzung des anonymen Internetversands als Beschaffungsweg ohne großen Aufwand einen Sprengsatz mit erheblicher Wirkung zu konstruieren in der Lage sind". Vor Gericht soll es nicht nur darum gehen, wie sich der Syrer radikalisierte, sondern auch, wie bequem er sich alles Online besorgen konnte.

Kaufvorschläge über Empfehlung "Andere Kunden kauften auch..."

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"Andere Kunden kauften auch..." - die Empfehlung speist sich aus dem Kaufverhalten anderer Kunden.

Seit der Festnahme von Yamen A. intensivierten die Sicherheitsbehörden ihre Gespräche mit Online-Anbietern. Die Ermittler stoßen sich allerdings noch immer an der Hinweisfunktion von Amazon, die weitere für den Bau von Sprengsätzen geeignete Produkte empfehle, sobald ein Käufer Chemikalien in den digitalen Warenkorb lege. Unter "Andere Kunden kauften auch..." schlage Amazon Ergänzungen vor.  Die Empfehlungen speisen sich automatisiert aus dem Kaufverhalten anderer Kunden. Nach Informationen von NDR, WDR und SZ war dieser Modus zwar nach der Festnahme von Yamen A. für Sprengstoffgrundstoffe zwischenzeitlich abgeschaltet, dies wurde aber seitens Amazon offenbar nicht konsequent durchgehalten. Zuletzt fand das Bundeskriminalamt erneut eine aktive Hinweisfunktion auf weitere Chemikalien. Dies könnte somit zu einer Anleitung zum Bombenbau werden, fürchten Ermittler.

Monitoring-System bei Amazon erst seit 2017

Während Baumärkte und Drogerien verdächtige Transaktionen seit 2014 freiwillig den Behörden melden, wenn beispielsweise ein Kunde besonders viel von gefährlichen Substanzen kauft, etablierte Amazon dieses System erst 2017. Bei Yamen A. war es allerdings nicht die Firma Amazon, die die Sicherheitsbehörden auf seine Einkäufe hinwies. Darüber, wie viele Verdachtsmeldungen seitdem durch Amazon erfolgt sind, könne jedoch keine Auskunft erteilt werden, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Amazon erklärte auf Anfrage, dass sie keine Stellung zu internen Abläufen nehmen, aber dass das Unternehmen "wie bisher mit den Behörden und der Polizei zusammenarbeitet, um sie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen".

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.03.2018 | 21:15 Uhr