Impfsieger und Impfverlierer im Norden

Stand: 17.08.2021 18:21 Uhr

Bremen ist nicht nur in Norddeutschland, sondern bundesweit Impfsieger: Was hat das Bundesland getan, um die Menschen von der Impfung gegen das Coronavirus zu überzeugen?

von Jörg Hilbert, Eike Köhler

72,5 Prozent der Menschen waren am 17. August 2021 in Bremen mindestens einmal geimpft. In Mecklenburg-Vorpommern sind es dagegen nur 61,6 Prozent. Hier geht die Impfkampagne offenbar nur schleppend voran. Damit ist das Bundesland Schlusslicht im Norden und liegt bundesweit im unteren Mittelfeld. Was hat Bremen getan, um die Menschen von der Impfung zu überzeugen?

Nah am Menschen

Die Gesundheitsfachkräfte Esra Aksoy und Silke Heitmann führen uns durch den Stadtteil Tenever. Hier reiht sich Hochhaus an Hochhaus, die Menschen wohnen eng beieinander, eigentlich ideale Bedingungen für das Virus. Doch seit Anfang des Jahres sind in Bremen nicht nur hier Gesundheitsarbeiter*innen unterwegs, um Menschen über das Coronavirus aufzuklären. "Wir haben nicht erwartet, dass die Menschen zu uns kommen, sondern wir sind dahin gegangen, wo sie tagtäglich sind", sagt Silke Heitmann.

Das seien unter anderem Kindergärten, Mütterzentren und Sprachkurse gewesen. Zuerst sei es weniger um das Impfen gegangen, sondern um die Aufklärung über Schutzmaßnahmen wie Quarantäne und das Tragen von Masken. Dabei sei "Vertrauen zu den Menschen aufgebaut worden", betont Esra Aksoy als wichtigen Aspekt ihrer Arbeit. Als es dann mit den mobilen Impfteams in den Stadtteilen losging, sei der Zugang zu den Menschen schon dagewesen und es hätten alle mitgeholfen, um über die Impfung aufzuklären und die Termine bekannt zu geben: Erzieher*innen, Wohnungsbaugesellschaften über ihre Hausmeister*innen, Quartiersmanager*innen und weitere Akteur*innen in den Stadtteilen.

Aufklärung statt Druck

Gesundheitsfachkraft Esra Aksoy kümmert spricht in Bremen mit einer Frau im Café.
Direkter Kontakt zu den Menschen im Viertel: So wirbt Esra Aksoy in Bremen für das Impfen.

In sieben Sprachen informiert Bremen mit Handzetteln und Aushängen über den Sinn der Impfung gegen das Coronavirus und über Termine vor Ort. Bei der Aufklärungsarbeit in den Stadtteilen seien die Sorgen der Menschen in Bezug auf die Impfung ernst genommen worden, sagt Esra Aksoy. "Wir haben zugehört und dann Informationen angeboten." Die Entscheidung für oder gegen die Impfung habe jede*r für sich selbst getroffen. Der gerade viel gepriesene Druck auf Ungeimpfte wurde hier offenbar nicht angewandt. Und so verkündet der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann, nicht ohne Stolz: "Wir bringen die Impfungen dorthin, wo die Leute sind." Mit Erfolg: Bremen hat sich 80 Prozent Impfquote als Ziel gesetzt. Und das, obwohl Kinder unter 12 Jahren nicht geimpft werden können.

Aufholjagd in Mecklenburg-Vorpommern

Doch auch das Bundesland mit der schwächsten Impfquote im Norden gibt nicht auf. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird nun immer öfter die Impfung zu den Menschen gebracht: Unter anderem in Einkaufszentren, mit Impfbussen, die über die Dörfer fahren, und mit Impfaktionen in Gemeindehäusern. "Die Impfung auf dem Silbertablett servieren", nennt das die zuständige Staatssekretärin in Schwerin Frauke Hilgemann. Das ist in einem dünn besiedelten Flächenland sicher schwerer als in einem Stadtstaat wie Bremen. Und auch die Impfskepsis ist in Mecklenburg-Vorpommern offenbar größer.

Angebot ohne Nachfrage

Panorama 3 hat im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte einen Impfbus begleitet, der die Dörfer abfährt. Ein Versuch, den Menschen die Entscheidung für die Impfung leicht zu machen. Doch das Ergebnis war an diesem Tag eher ernüchternd: Gerade einmal acht Menschen haben das Angebot genutzt. Impfmanager Sebastian Buse merkt selbstkritisch an: "Wir müssen wahrscheinlich im Vorfeld diese Touren noch weiter bekannt geben." Offenbar hat die Ankündigung in Internet und Tageszeitung viele nicht erreicht.

Nur Impftermine reichen nicht

Lokale Impftermine allein steigern hier offenbar nicht die Impfbereitschaft. Bei einem Impftermin in Lützow zeigen Gespräche, dass der Druck auf die Ungeimpften Wirkung zeigt. "Ich bin hier wegen des Drucks, also ich war komplett gegen die Impfung", gibt eine Frau kurz vor ihrer Erstimpfung zu. Eine andere hat "die Nase voll, von den ganzen Diskussionen", sie wolle wieder ungetestet ins Restaurant. Ob das die Impfquote entscheidend steigert, ist ungewiss. Bremen hat gezeigt, wie es ohne Druck geht. Staatssekretärin Frauke Hilgemann kündigt in Schwerin gegenüber Panorama 3 an, das Land setze auf "Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung." Dafür lohnt sich ein Blick nach Bremen.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 17.08.2021 | 21:15 Uhr