Gefährlich: Zu wenig Schwimmkurse für Kinder

Stand: 14.12.2021 13:28 Uhr

Wer in Hamburg ein Seepferdchen-Schwimmkurs für sein Kind sucht, braucht starke Nerven. Die Wartelisten sind lang, neue Kurse ruckzuck ausgebucht. Das war schon vor Corona so - doch mittlerweile brauchen Eltern auch noch ein dickes Portemonnaie: Bis zu 399 Euro verlangen private Schwimmschulen für zehn Stunden á 30 Minuten Schwimmen lernen.

von Esra Özer, Brid Roesner

Monique Mertens geht gerade mit ihrer Nachbarin spazieren. Die beiden Mütter wohnen in Harburg. Beide suchen dringend Schwimmkurse für ihre Kinder. Die älteste Tochter von Monique Mertens ist zehn Jahre alt. Wegen Corona ist ihr Schwimmunterricht in der Schule ausgefallen. Doch eine private Schwimmschule kommt für Mertens nicht in Frage: "Wenn man zwei, drei Kinder hat - das läppert sich. Und 400 Euro für einen Schwimmunterricht für zwei Kinder? Nein, das ist zu viel!" 

Monique Mertens © NDR Foto: Screenshot
Monique Mertens sucht nach einem Schwimmkurs für ihre Tochter. Eine private Schwimmschule kann sie sich nicht leisten.

Die Verzweiflung sei bei vielen Eltern groß, sagt auch Heiko Mählmann, Präsident der DLRG in Hamburg. "Wir hören, dass in anderen Organisationen echt hohe Preise aufgerufen werden, wo gerade Familien aus sozial schwachen Stadtteilen sich dies einfach nicht leisten können."

Mangel an Trainern und Wasserzeiten

Sicher schwimmen können Kinder erst, wenn sie das Bronze-Abzeichen erreicht haben. Der erste Schritt auf dem Weg dorthin ist meist ein Seepferchen-Kurs. Doch auch bei der DLRG warten Kinder mittlerweile bis zu zwei Jahre auf einen solchen Platz. Die Seepferdchen-Kurse sind nicht an einen festen Stundensatz gekoppelt und mit rund 85 Euro günstig. Die DLRG würde gerne mehr Kurse anbieten. Doch es mangelt an ausreichend ehrenamtlichen Schwimmtrainern und an Wasserzeiten.

Heiko Mählmann © NDR Foto: Screenshot
Für Heiko Mählmann, Präsidents des DLRG in Hamburg, ist es auch eine staatliche Aufgaben, allen Kindern das Schwimmen beizubringen.

Dabei sei das sichere Schwimmen eine Grundfertigkeit, die jedes Kind möglichst früh beherrschen müsse, sagt Mählmann: "Das gehört wie das Lesen und Schreiben zum Groß werden. Gerade in einer Stadt, wo wir eine Küste haben und viele Wasserflächen. Meines Erachtens ist es auch eine staatliche Aufgabe, das Schwimmen den Kindern beizubringen. Schulschwimmen allein reicht nicht, schon in der Vorschulzeit im Alter um die fünf muss etwas geschehen bei den Kindern", sagt Mählmann.

Hohe Quoten werden nicht erreicht

Doch das ist nicht der Fall. Die Stadt betont, dass die Wassersicherheit und Schwimmfähigkeit einen besonders hohen Stellenwert in der sportlichen Grundbildung von Kindern haben müsse. Daher bekommen Kinder in der dritten und vierten Klasse ein Schuljahr lang Schwimmunterricht. Danach sollen 95% von ihnen mindestens das Seepferdchen- und 70% das Bronze-Abzeichen schaffen, also sicher schwimmen können.

Michael Dietel © NDR Foto: Screenshot
Pressesprecher Michael Dietel verweist auf die durchschnittlich hohen Quoten von Kindern, die im Bäderland das Schwimmen erlernen.

Doch diese Quoten werden nicht erreicht und sind ohne Vorkenntnisse der Kinder kaum zu schaffen. "Die Quote, die erreicht werden soll, liegt bei einem extrem ambitionierten Wert", sagt Michael Dietel, Pressesprecher von Bäderland. Das öffentliche Unternehmen ist für die Schwimmausbildung der Hamburger Grundschüler und Grundschülerinnen verantwortlich. "In anderen Bundesländern oder Großstädten gibt es gar keine Quote oder da ist der Zielwert 50 Prozent Seepferdchen. Wir sind da deutlich drüber. Wir sind im Schnitt bei 80, 85, 87 Prozent."

Unterschiede zwischen Hamburger Stadtteilen

Doch schaut man in die einzelnen Stadtteile, so ergibt sich ein etwas anderes Bild: Panorama 3 hat sich die Zahlen des Schuljahres 2019/2020 angesehen. In einkommensstärkeren Stadtteilen wie Winterhude oder Groß Flottbek konnten etwa dreiviertel der Dritt- und Viertklässler sicher schwimmen. Schaut man jedoch nach Billstedt, Wilhelmsburg oder Harburg, so fällt auf, dass im Schnitt nur rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nach der dritten und vierten Klasse das Bronze-Abzeichen erreichen konnten.  

Durch die Corona-Pandemie mussten etliche Schwimmstunden ausfallen. Im Sommer hat die Stadt deshalb gemeinsam mit der DLRG und anderen Vereinen eine Anfänger-Schwimmoffensive gestartet. Noch bevor die Schwimmbäder für alle wieder öffneten, sollten Kinder ihre Kurse bekommen. Doch das konnte den riesigen Bedarf in der Stadt offenbar nicht decken. Derzeit stimmt die Bürgerschaft über die Fortführung des Programms ab. 

Keine Auskunft über Nichtschwimmer-Quote

Wie hoch die Nichtschwimmer-Quote der heutigen Fünft-Klässler ist, dazu gibt die Hamburger Schulbehörde keine Auskunft. Der Verband der Sportlehrer in Deutschland befürchtet, dass diese bei bis zu 50-80% liegen könnte.

Die Hamburger Fünft-Klässler sollen nun Gutscheine für die Schwimmkurse bei Bäderland bekommen. Für die Kosten ist also gesorgt. Doch um die Plätze müssen auch sie sich bewerben - wie alle anderen. Das bedeutet schnell sein, starke Nerven haben, denn die Nachfrage wird weiter hoch bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 14.12.2021 | 21:15 Uhr