Stand: 31.03.2014 09:03 Uhr  | Archiv

"Betz-Seminar löste Psychose aus"

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Rund ein Viertel aller esoterischen Beratungen haben Sabine Riede und ihre Mitarbeiter bei Sekten-Info NRW in diesem Jahr zu Robert Betz geführt.

Bei der Beratungs- und Informationsstelle Sekten-Info NRW melden sich seit etwa drei Jahren immer mehr Menschen, die mit Robert Betz schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wie Leiterin Sabine Riede im Gespräch mit NDR.de berichtet, machten die Betz-Fälle 2013 rund ein Viertel aller esoterischen Beratungen aus. Aus diesem Grund hat Sekten-Info NRW die fachliche Einschätzung einer Diplom-Psychologin zu Robert Betz veröffentlicht.

Warum halten Sie Robert Betz für gefährlich?

Sabine Riede: Auf der einen Seite ist er Diplom-Psychologe und Buchautor, auf der anderen Seite will er mit Botschaften aus der geistigen Welt eine neue Form der Psychotherapie entwickelt haben: die Transformationstherapie. Das Problematische ist, dass Betz den Boden der wissenschaftlich anerkannten Therapieform verlässt. Er sagt, dass Krankheiten durch die eigene Psyche verursacht würden - und durch Arbeit an der Psyche geheilt werden können. Genau das kann gefährlich werden, da es Krankheiten gibt, bei denen Betroffene dringend ärztliche Hilfe benötigen.

Wenn Menschen meinen, sie könnten Krebs selbst behandeln, dann ist das hochgefährlich - weil es in der Regel tödlich endet. Gerade bei schweren Erkrankungen ist es sehr wichtig, frühzeitig den Arzt aufzusuchen. Davon abgesehen können Menschen, bei denen Betz' Methode nicht funktioniert, Schuldgefühle entwickeln, die wiederum Depressionen nach sich ziehen können.

Mit welchen auf Betz zurückzuführenden Problemen melden sich Menschen bei Ihnen?

Riede: Häufig sind es Angehörige, die von Beziehungsproblemen berichteten, die auftraten, nachdem Partner, Tochter oder Sohn ein Betz-Seminar besucht oder eine sogenannte Transformations-Therapie durchlaufen hat. Viele finden den Partner danach verändert, er ist ihnen fremd geworden. Häufig werden die Menschen unter Betz' Einfluss als egoistischer wahrgenommen. Oft kommt es zu Beziehungsabbrüchen.

Vermutlich liegt es daran, dass sich Betz mit seiner Lehre auf den Einzelnen konzentriert, das Ich steht im Vordergrund. Dabei geht Betz ziemlich leichtfertig mit Trennungen um. Manche Menschen passen dann eben nicht mehr zu dem neuen "Selbst" des Einzelnen.

Welche Fälle sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Riede: Ein besonders schwerer Fall wurde uns von einer Familienberatungsstelle zugetragen. Dort hatte sich eine allein erziehende Mutter gemeldet, die nach einem Betz-Seminar ihre Kinder in ein Heim geben wollte. Deren Erziehung würde sie zu sehr vereinnahmen, sie müsse sich von nun an einmal um sich selbst kümmern. Das zeigt, wie sich die Menschen von Betz' Botschaften in eine träumerische Welt entführen lassen, die völlig realitätsfern ist.

In einem anderen Fall erkrankte eine Klientin zeitweise an einer Psychose, nachdem sie eine Intensivwoche Transformationstherapie nach Robert Betz durchlaufen hatte. Sie vermochte die dort aufgebaute Welt nicht mehr von der Realität zu trennen, litt an Wahnvorstellungen, Wahrnehmungsstörungen und massiven Schlafstörungen. Natürlich sind in derartigen Fällen oft bereits psychotische Vorerkrankungen vorhanden - dennoch kann die Intensivwoche als Auslöser angesehen werden.

Warum ist Betz mit seiner Lehre so erfolgreich?

Riede: Er gibt den Menschen das Gefühl, dass alles machbar ist, dass sie alles in ihren Händen halten. Zunächst hat die Botschaft, man sei alleiniger Erschaffer seines Lebensglücks, einen positiven Effekt. Gerade wenn Menschen an Krankheiten oder Kummer leiden, vermittelt sie ihnen das Gefühl, den Umständen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Aber es ist eine Botschaft, die nicht der Realität entspricht - und entsprechende Probleme hervorrufen kann, wenn die Menschen wieder mit ihrem Leiden oder ihrem Kummer allein gelassen werden.

Wie erklären Sie sich den großen Zulauf?

Riede: Betz bedient die Sehnsucht vieler Menschen, sich wieder wie ein Kind geborgen zu fühlen. Seine Anhänger fühlen sich bei ihm vollkommen angenommen. Ebenso bedient er eine Sehnsucht nach Märchen, in denen am Ende alles gut ausgeht. Dazu passen auch seine angeblichen Kontakte zu Engeln und die Botschaften aus der sogenannten geistigen Welt. All dies bietet einen fantastischen Gegenpol zu unserer schnelllebigen Gesellschaft, die hohe Ansprüche an den Einzelnen stellt. Dazu passt übrigens, dass die Hilfe, die Betz verspricht, wie eine Instant-Therapie schnell wirken soll. Niemand mag langwierige Aufarbeitungsprozesse.

Wer fühlt sich besonders zu Betz hingezogen?

Riede: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer, die dieses Angebot wahrnehmen. Das mag damit zu tun haben, dass in unserer momentanen gesellschaftlichen Situation Frauen besonders unter Druck stehen. Zum einen wollen oder sollen sie beruflich so erfolgreich wie die Männer sein und sich zum anderen um Familie und Kinder kümmern. Da viele beides leisten wollen, stehen sie besonders unter Druck.

Das Gespräch führte Kristina Festring-Hashem Zadeh

Robert Betz zu den Vorwürfen

Auf Anfrage von NDR.de betont Betz, dass Menschen sich ihre Krankheiten zwar selbst erschaffen würden, jedoch "auf völlig unbewusste Weise". Es werde immer wieder ausdrücklich betont, dass die "innere Arbeit über Meditationen" nicht den Besuch eines Arztes ersetze. Weiterhin sagt Betz, es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass die "Transformationstherapie" Psychosen auslösen könne. Betz weist auch den Vorwurf zurück, seine Lehre und sein Netzwerk würden sektenhafte Züge aufweisen. Keines der Kriterien einer Sekte wie Manipulation, Einschränkung persönlicher Freiheiten oder bestimmte Verbote fände sich in seiner Arbeit. Zu den persönlichen Trennungen sagt Betz: Einige Teilnehmer würden "erkennen, dass ihnen die Verbindung zu einem Menschen, z.B. ihrem bisherigen Partner nicht (mehr) gut tut und sie sich daher entschließen, einen neuen Weg zu gehen." Weitaus mehr Teilnehmer berichteten jedoch, dass die Arbeit an sich selbst ihrer Ehe oder Beziehung und der Beziehung zu ihren Kindern sehr gut getan habe.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 19.11.2013 | 21:15 Uhr