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Im Herzen Schottlands (1/2) - Mit dem Zug durch die Lowlands

Donnerstag, 13. August 2020, 20:15 bis 21:00 Uhr

Am Hauptbahnhof Edinburgh beginnt eine Zugreise in ein Land voller Farben und Gegensätze. Vorbei am weltberühmten Edinburgh Castle geht es nach Norden, über die imposante, knallrote Forth Bridge - 50 Meter hoch über dem blau schimmernden, zungenbrecherischen Meeresarm Firth of Forth.

Der erste Teil dieser Reise mit dem Zug durch Schottland beginnt in der bunten, brodelnden Hauptstadt Edinburgh. Durch die sanften Hügelketten der schottischen Lowlands geht es bis an die wilde, malerische Ostküste rund um Aberdeen.

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Nach starken Überschwemmungen hat sich gestern auf dieser Zugstrecke ein schweres Zugunglück ereignet. Informationen auf tagesschau.de. extern

Entlang der Strecke warten Begegnungen mit den ganz eigenen, kantigen Bewohnern dieser Gegend. Mit Menschen wie dem einzigen schottischen Schwertschlucker Steve Archibald, der beim weltgrößten Straßenkünstler-Festival "Fringe" in Edinburgh versucht, das Geld für einen Urlaub mit seinem Sohn zu verdienen. Früher war Steve Fabrikarbeiter, heute riskiert er Tag für Tag sein Leben, wenn er sich eine 30 Zentimeter lange Stahlklinge tief in den Rachen schiebt. Nur einen Steinwurf entfernt von der berühmten "Royal Mile" oben auf dem Burghügel hat Howard Nicholsby seinen Laden. Howard ist ein bunter Hund - und ein bekannter noch dazu. Er haucht dem schottischen Nationalsymbol neues Leben ein - und schneidert Kilts. Allerdings nicht die typisch karierten Billigröcke, mit denen Touristen sich verkleiden, sondern außergewöhnliche Modelle: In seiner Kollektion finden sich Kilts aus Baumwolle, Hanf, Plastik und Jeans. Ungewöhnlich, modern und sehr erfolgreich. Lenny Kravitz, Robbie Williams und Schaupieler Vin Diesel tragen seine Stücke. "Ich selber habe seit 17 Jahren keine Hose mehr angezogen", sagt er.

Traditionell schottisch: Golf und Gin

Mit dem Zug fährt Howard Richtung Norden, zu seinem Vater Geoffrey. In dessen Kiltwerkstatt hat er das Handwerk damals gelernt. Doch nicht nur die Faszination für Schottenröcke haben sie gemeinsam, es gibt ein noch viel größeres Projekt: Vor 30 Jahren hat die Familie eine Schlossruine gekauft. "Das Schloss wieder aufzubauen, ist so ein bisschen auch mein Traum geworden." Es dürfte, vorsichtig geschätzt, noch ein paar Jahre dauern.

Wer im Zug aus dem Fenster schaut, sieht nicht nur malerische Buchten und dramatische Landschaften, sondern immer wieder auch Golfplätze. Über 550 gibt es davon im Land, Schottland ist die Geburtsstätte des Golfs. Hier trainiert die 20-Jährige Ellie Docherty, um den sehr männlich dominierten Nationalsport aufzumischen. Sie will Profisportlerin werden. Die Leidenschaft dafür hat sie von ihrem Opa geerbt. Er war selbst Profi und ist seit über 70 Jahren auf den schottischen Greens zuhause. Heute ist er Ellies größter Fan.

Die Küstenwächterin

Weiter im Osten, am äußersten Ende des Firth of Forth, liegt das beschauliche Örtchen Saint Monans, ein kleines Fischerdorf mit einem hinreißend schönen Leuchtturm. Hier residiert die dienstälteste Küstenwache Schottlands. Und es dürfte die einzige sein, die kein eigenes Rettungsboot hat. Doch Küstenwächterin Anne - agil, Mitte 70 und so ruhig und gleichmütig, wie nur jemand sein kann, der mit allen Küstenwassern gewaschen ist - schmunzelt das Problem beiseite. "Wenn jemand in Seenot gerät, rufen wir die Küstenwache in Aberdeen an. Und die schicken dann ein Rettungsschiff." Mit einer Tasse Tee setzt sie sich vor den Leuchtturm und genießt die Aussicht über die felsige, raue Küste.

Frischer Fisch aus Aberdeen

Auf dem Bahnhof in Perth wartet Calum Richardson auf seinen Zug nach Hause an die Ostküste. Calums kleiner, aber legendärer Fish-and-Chips-Laden "The Bay" in Stonehaven gilt als bester in ganz Großbritannien. Das will was heißen, denn "Fish and Chips" ist britisches Nationalgericht. Entsprechend ist die Schlange vor seinem winzigen Laden manchmal über 100 Meter lang. Seinen Fisch bekommt Calum von der Familiendynastie Couper aus Aberdeen, wo sie mittlerweile in dritter Generation Fisch filetieren, von Hand wohlgemerkt. Jamie Couper ist Mitte 30 und leitet jetzt den Betrieb im Aberdeener Stadtteil Torry. Sein Papa Danny steht seit nunmehr 40 Jahren jeden Morgen um 5:30 Uhr in einer riesigen Fischauktionshalle in Peterhead, 50 Kilometer weiter nördlich, und ersteigert die Ware. Um 8 Uhr hat er schon 9.000 Euro für frischen Fang ausgegeben - aber beste Laune: "Das macht Spaß! Und heute habe ich einige gute Deals gemacht!" In der "Silver City" wie das nahezu vollends aus silbergrauem Granit erbaute Aberdeen genannt wird, endet der erste Teil einer Zugreise durch das Herz Schottlands.

Die Kameraarbeit dieser Dokumentation (Kamera: Sebastian Wagner) wurde mit dem Columbus-Filmpreis ausgezeichnet.

Autor/in
Babette Hnup
Maik Gizinski
Kamera
Sebastian Wagner
Schnitt
Fabian Teichmann
Sprecher/in
Sascha Rotermund
Redaktion
Klaus Scherer
Produktionsleiter/in
Jost Nolting
Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey

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