Expeditionen ins Tierreich

Wildes Ruhrgebiet

Mittwoch, 15. Juli 2020, 20:15 bis 21:00 Uhr

Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft an der Ruhr wie ein kleines Paradies. Doch nirgendwo sonst in Deutschland ist die Natur den Interessen des Menschen so zum Opfer gefallen. Über Jahrhunderte haben die Tiere dort ein Nischendasein geführt.

Neues Leben in Industrieruinen

Mit dem Rückgang der Industrie hat aber ein neues Kapitel im Ruhrgebiet begonnen: Stück für Stück erobern sich Pflanzen und Tiere zurück, was für immer verloren schien. Mehr noch: Industrieruinen und Brachen bieten anderswo vertriebenen Tieren oder ausgerotteten Pflanzen eine neue Heimat und locken sogar Raritäten an, die man sonst kaum noch findet.

Nach dem Wirtschaftswandel ist der Verfall von Industriewerken in Ruinen oft die billigste Option. Die Natur kann so weitgehend ungestört verlorenes Terrain zurückerobern. In ehemaligen Möllerbunkern wachsen Birken, der Fuchs zieht seine Jungen in einer alten Fabrikhalle groß, der Steinmarder jagt in einer stillgelegten Gießerei Mäuse.

Abraumhalden beraubten einst als grauschwarze Hügel die Landschaft jeglicher Lieblichkeit. Nun sind die immer grüner werdenden Tafelberge beliebte Ausflugsziele in der von Natur aus eher flachen Region.

Pfützen werden zu Krötenoasen

Erstaunlicherweise zieht der harte verdichtete Boden auch seltene Tierarten an. In lauen Frühlingsnächten ertönt von den Halden und Brachen her ein lautstarkes Konzert: Es sind Kreuzkröten. Sie bevorzugen Laichgewässer, die so kurzlebig sind, dass sich keine gefräßigen Fische ansiedeln können. Nach Regenfällen bieten ihnen die großen Pfützen auf den zahlreichen Halden und Brachen genau das. Da sie nicht versickern, ist die Zeit für die Entwicklung von Kaulquappen ausreichend. Sie dauert nur drei Wochen, ein Rekord in der Amphibienwelt.

Auch die seltene Ödlandschrecke findet auf den heißen Schotterflächen ein ideales Terrain für ihre Balz. Ödland ist heutzutage so rar, dass auch die Insektenpopulation stark zurückgegangen ist.

Vom Kohlenpott zur Heimat für anpassungsfähige Tiere

Während sich die Ödlandraritäten oft im Verborgenen verstecken, sorgen die Rothirsche, die größten Tiere, die im Ruhrgebiet leben, jeden Herbst für lautes Spektakel. Die einst zur Deckung des Holzbedarfs im Bergbau angepflanzten Wälder der Üfter Mark bleiben heute weitgehend sich selbst überlassen und bieten den "Königen der Wälder" einen idealen Platz für die Brunft. Nirgendwo sonst in Nordrhein-Westfalen lässt sich das eindrucksvolle Ereignis besser beobachten.

Die Zeche für den Raubbau im Ruhrgebiet bezahlte die Natur. Doch dank ihrer unglaublichen Regenerationskraft gelingt es ihr, selbst aus Ruinen das Beste zu machen. Das Ruhrgebiet verwandelt sich vom Kohlenpott zur Heimat für anpassungsfähige Tiere. Christian Baumeister porträtiert in einfühlsamen Bildern den faszinierenden Wandel einer Landschaft.

Redaktion
Ralf Quibeldey
Gabriele Conze
Produktionsleiter/in
Eva-Maria Wittke
Autor/in
Herbert Ostwald
Regie
Christian Baumeister
Autor/in
Beatrix Stoepel
Christian Baumeister