Expeditionen ins Tierreich

Wilde Azoren - Wunderwelt im Atlantik

Mittwoch, 20. März 2019, 20:15 bis 21:00 Uhr

Mitten im Atlantik erhebt sich ein gigantisches Unterwasser-Gebirge. Es durchdringt mit seinen höchsten Spitzen die Wasseroberfläche und bildet die Inselgruppe der Azoren: neun winzige, grüne Punkte im weiten Ozean - jede Insel eine fantastische Welt für sich.

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Ein junger Gelbschnabel-Sturmtaucher in seiner Nisthöhle.

Für Seevögel sind die üppig bewachsenen Inseln vulkanischen Ursprungs ein Brückenkopf zwischen Amerika und Europa. Sturmtaucher- und Seeschwalben-Kolonien überziehen die Steilküsten und in den Gewässern des Archipels tummeln sich die größten Tiere der Welt: Blauwale. Sie sind auf der Durchreise und treffen auf ihrem Weg von den arktischen Gewässern in wärmere Bereiche des Atlantiks auf Finnwale, Buckelwale und Pottwale.

Für über 20 Walarten auf ihrem langen Weg von und in die arktischen Gewässer ist das Meer vor den Inseln ein üppiger Futterplatz: Mit dem Golfstrom gelangen aus den Tiefen des Ozeans tausende Tonnen Krill, Biomasse aus südlichen Gewässern.

Unterwasser-Spektakel rund um die Vulkaninseln

Wie Wesen aus einer anderen Welt wirken die Salpen, die aus großer Tiefe an die Oberfläche aufsteigen. Sie sind walzenförmig, fächerartig oder langgestreckt, sehen aus wie runde, durchsichtige Köcher oder transparente Plastikröhrchen. Manche Individuen hängen zusammen und bilden Bänder, die acht Meter und mehr erreichen. Selten kommen Salpen in großen Mengen vor.

An der Südküste der Insel Pico fällt der Vulkan-Hang steil ab, und nur wenige Seemeilen vor der Küste liegt der Meeresboden bereits in 2.000 Metern Tiefe. Im Scheinwerferlicht des Tauchboots tauchen fremdartige Wesen auf. Manche drehen sich um die eigene Achse, andere wieder ziehen wie eine Schlange vorbei und die nächsten senden bunte Lichtsignale.

Üppig bewachsene Inseln

Krater, Höhlen und Wasserfälle

Die Azoren haben aber mehr als das Unterwasser-Spektakel zu bieten: die Landschaften der Inseln mit Basalthöhlen und Wasserfällen sind ebenso spektakulär wie fruchtbar, überall finden sich grüne, teils von Seen und Teichen durchzogene Vulkankrater. Sie sind ein Süßwasserreservoir für die hier lebenden Vögel, aber auch für Zugvögel, die aus Europa und Amerika kommen und sich auf den Azoren treffen, um hier zu überwintern, darunter Strandpieper, Kiebitzregenpfeifer, Steinwälzer und Steinschmätzer. Ihnen bieten die Kraterlandschaften ein sicheres Refugium mit ausreichend Nahrungsangebot.

Im Lavagestein der Steilküsten brüten Gelbschnabel-Sturmtaucher gut versteckt in kleinen Felslöchern. Ihre Flugleistungen sind rekordverdächtig: kaum flügge geworden ziehen die Jungtiere mit den Eltern über den Atlantik, um dort den Winter zu verbringen. Ein einziges Ei wurde im Frühjahr in die karge Nisthöhle gelegt. Nistplätze gibt es genug auf den vulkanischen Azoren, wo sich im brüchigen Lavagestein Höhlensysteme weit über die Inseln erstrecken.

Leben im Höhlenschlund

Hunderte Meter, ja oft mehrere Kilometer erstrecken sich die gewaltigen Höhlenröhren über die Inseln. Sie verlaufen in Fließrichtung der einst flüssig-heißen Lava von den Vulkanen talwärts, und irgendwann gibt es den Punkt, wo der Höhlenschlund das Meer erreicht - ein Sammelplatz für Unterwassertiere. Im Scheinwerferlicht der Kameras nutzen Fische die Gelegenheit und stoßen in einen Garnelen-Schwarm. Muränen tauchen auf und vertilgen die Garnelen zu Hunderten. Große Rochen, Oktopusse und Bärenkrebse sind weitere Bewohner dieses düsteren Reichs ohne Tageslicht.

An der Meeresoberfläche gleitet sie langsam dahin, das Segel aufgestellt, mit dem sie die Richtung beeinflussen kann: die Portugiesische Galeere, ein transparenter, bläulich schimmernder, ca. 15 Zentimeter langer Körper mit vielen Nesselarmen. Die Nesselfäden sind hochgiftig; und wenn sie nicht eingezogen sind, können sie als bis zu 20 Meter lange Giftschnüre im Wasser nach Beute angeln. Meereslebewesen wie Fische, Garnelen, Salpen, aber auch Quallen werden durch diese Fangfäden in wenigen Sekunden getötet. Dann wird die Beute ins Zentrum der Galeere gezogen, zersetzt und verspeist. Die Portugiesische Galeere ist eine Kolonie von Polypen, deren Einzeltiere im Verbund spezielle Fertigkeiten entwickeln und alleine nicht mehr lebensfähig sind.

Auf Tuchfühlung mit Blauwalen und Blauhaien

Der Blauwal ist das größte Lebewesen des Planeten. Das Tier steigt zum Atmen an die Meeresoberfläche auf. Sein mächtiger Körper ist gut 25 Meter lang. Nur mit Brille, Schnorchel und Flossen gleiten die Kameraleute ins Wasser. Sobald der dunkle Schatten näher kommt, holen sie einmal noch tief Luft - und tauchen ab. Der Wal zieht vorbei, wenige Meter vor den Tauchern. Die Atemnot wird groß, denn es dauert eine Weile, bis das riesige Tier aus dem Bild geschwommen ist.

Fährt man mit dem schnellen Schlauchboot von der Insel Pico nach Süden, ist bald kein Land mehr in Sicht. Wer dann ins Wasser geht und abtaucht, fühlt sich sehr allein im weiten Blau des riesigen Ozeans.

Vor allem, wenn ein Blauhai auf die Kamera zu schwimmt, majestätisch und ruhig wie ein Flugzeug im Landeanflug. Nicht selten kommen die Tiere mit der Nasenspitze auf wenige Zentimeter an die Kameralinse heran und drehen dann ab. Es kommt vor, dass die lange Brustflosse über die Schulter des Kameramanns streicht. Blauhaie sind sanfte "Primaballerinas", sie sind nicht hektisch, aber neugierig.

Europa trifft auf Amerika - über und unter Wasser

Corvo ist die kleinste Insel der Azoren und ganz im Westen gelegen. So weit westlich, dass sie ebenso wie Flores schon Teil der amerikanischen Kontinentalplatte ist. Sie ist ein erloschener Vulkan. Der riesige Krater erhebt sich direkt aus dem Meer, und in der Caldera befinden sich sumpfige, kleine Seen. Einmal im Jahr, im Oktober, wird Corvo von Birdwatchern aus aller Welt belagert. Sehnsüchtig erwarten sie das jährliche Erscheinen der Zugvögel aus zwei Kontinenten: Amerika und Europa. Manche Vögel kommen sogar aus Grönland auf die Azoren. Hier trifft Europa auf Amerika: über Wasser die winzigen Vögel mit ihren gigantischen Flugleistungen, in den Tiefen des Ozeans die Kontinentalplatten mit ihren Urgewalten, die für die Entstehung der Inselgruppe verantwortlich sind.

Die in UHD-Qualität gedrehte Dokumentation zeigt die kleine Inselgruppe im Atlantik als Brückenkopf zwischen Nord und Süd, Ost und West, zu Wasser wie zu Luft. Während es auf den Inseln selbst keine großen Wildtiere gibt, ist die Biodiversität rund um die Inseln einzigartig. Die Lava- und Basaltfelsen sind aufgrund ihrer exponierten Lage im Atlantik eine Drehscheibe für die größten Tiermigrationen im Atlantik.

Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey
Redaktion
Timo Großpietsch
Producer
Britta Kiesewetter
Produktionsleiter/in
Tim Carlberg
Autor/in
Erich Pröll
Regie
Erich Pröll