die nordstory - Stadt, Land, Fluss - BERGEDORF

Freitag, 10. September 2021, 20:15 bis 21:15 Uhr

Bergedorf - da schwingt alle Sehnsucht des flachen Nordens nach Höhenflügen, Gipfeln und Hängen mit: doch von Bergen keine Spur, 43 Meter Höhenlage bietet der Doktorberg und ist eher Anhöhe als alpine Erhebung. Dorf trifft nach Auffassung der Bergedorfer*innen schon gar nicht zu. Wer hier sagt: "Ich gehe in die Stadt", begibt sich ins Zentrum von Bergedorf und nicht ins Hamburger Zentrum - deren südöstlicher Bezirk Bergedorf ist.

Astrophysikerin Kathrin Böckmann in der Bergedorfer Sternwarte. © NDR
Astrophysikerin Kathrin Böckmann in der Bergedorfer Sternwarte.

Auch die Vier- und Marschlande mit Gemüse- und Blumenanbau prägen seit jeher Bergedorf. Mit der Sternwarte ist Bergedorf prominent auf der Weltkarte der Forschung vertreten - zum Unesco Kulturerbe soll das Gelände von 1906 werden, das mit seinen Kugelbauten für Teleskope wie die Kulisse zu einem frühen Science-Fiction-Film wirkt.

Die historische Seite

Andreas Kirsch, Eselei Bergedorf. © NDR/Jan Peter Gehrckens
Andreas Kirsch, Eselei Bergedorf.

Dass Bergedorf im republikanischen Hamburg ein veritables Schloss aufweist, ist bemerkenswert und oft genug Besuchsgrund. Jetzt soll das Backsteingemäuer an der Bille mitten in Bergedorf ein neues Restaurant bekommen: Gastwirt Andreas Kilonzo und Koch Philipp Stiller haben die Konzession bekommen und wollen trotz aller Widrigkeiten, hier ihren gastronomischen Traum verwirklichen. Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie haben sie in dreihundert Meter Luftlinie schon ein Café in einem ehemaligen Kiosk übernommen und erfolgreich zum kleinen, aber feinen Treffpunkt für Feinschmecker*innen verwandelt: am Serrahn, dem Hafen Bergedorfs. Ehemals war der Serrahn lebendiger Umschlagplatz für Holz, Früchte und Gemüse, die über den Schleusengraben nach Hamburg verschifft wurden - später für die Erzeugnisse der industriellen Betriebe, die sich in Bergedorf angesiedelt hatten. Ein historischer Ladekran erinnert an den regen Frachtverkehr von damals, doch heute ist der Serrahn Startpunkt für touristische Fahrten der Bergedorfer Schifffahrtslinie und der Alstertouristik in die Vier- und Marschlande.

Der Blumen- und Gemüsegarten Hamburgs

Peter Meyer bei der Gurkenernte in Allermöhe. © NDR/Jan Peter Gehrckens
Peter Meyer bei der Gurkenernte in Allermöhe.

Entlang der Deiche geht es durch die idyllische Landschaft, den Blumen- und Gemüsegarten Hamburgs. Peter Meyer betreibt hier seinen Gemüseanbau, sein Land wird von der 1978 gebauten Marschenautobahn durchschnitten. Nach etlichen Generationen wird er wohl der Letzte sein, der hier vom Anbau lebt und den Wochenmarkt in Bergedorf versorgt. Dort hat er seine Lebensgefährtin Nicole gefunden: die Möhren waren alle und er lieferte sie ihr prompt nach Hause - es funkte gewaltig.

Sportliches Bergedorf

Sportlich lag Bergedorf einst weit vorn, sozialistische Arbeiter*innen gründeten hier den Freien Wassersportverein "Vorwärts", der heute noch besteht. Im Fußball war das Billtalstadion ein wesentlicher Ort: 1952 kickte hier die indische Nationalmannschaft barfuß und freundschaftlich gegen den HSV und Legende Uwe Seeler erinnert sich an die Begegnung mit dem FC Bergedorf 85 vor über 25.000 Zuschauern im Jahr 1958. Zeitzeuge des "Schicksalsspiels" der Bergedorfer gegen Bayern München im Pokal, in dem die Bergedorfer Elstern bis zur 89ten Minute führten und dann doch noch hoch verloren, ist Künstler, Schlagzeuger und Clubbetreiber Jörn Möller. Er kann sich heute noch ereifern über den umstrittenen Untergang der Underdogs in den schwarz-weißen Trikots. In einer ehemaligen Fabrik veranstaltet er Jazz- und Theaterevents von internationalem Zuschnitt, gleich gegenüber den Hauni-Werken des großen Bergedorfer Entrepreneurs und Förderers Kurt Körber.

Ein lebendiger Stadtteil

Geschichten aus einem lebendigen Stadtteil zwischen Villeneleganz und Bausünden, zwischen Tradition, Neuerung und Wachstum. Mit Oberbillwerder soll im Bezirk Bergedorf das nach der Hafencity zweitgrößte Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs entstehen - auf 124 Hektar sind bis zu 7.000 Wohnungen und 5.000 Arbeitsplätze geplant - gefürchtet und ersehnt zugleich. Bergedorf mit Stadt, Land und Fluss.

Redaktion
Birgit Schanzen
Produktionsleiter/in
Andy Kaminski
Autor/in
Jan Peter Gehrckens

JETZT IM NDR FERNSEHEN

Markt 20:15 bis 21:00 Uhr