Stand: 22.03.2018 10:15 Uhr

Blind durch Hamburg: Die etwas andere Stadtführung

"Ich zeige Ihnen die schönste Stadt der Welt - aus der Sicht eines Blinden", verspricht Christian Ohrens auf seiner Webseite. Ohrens ist von Geburt an blind und arbeitet als Journalist, Blogger und Stadtführer. Auf seinen Stadttouren können Interessierte auf eigenwillige Art und Weise Hamburg erkunden: Sie werden mit Augenmaske und Blindenstock ausgestattet.

Selbstversuch mit Stock und Maske

Neben der klassischen Hamburg-Tour bietet Ohrens individuelle Touren durch das nächtliche St. Pauli oder die Hafencity an. Und Blinde, die neu in der Stadt sind, können mit ihm auch Orientierungsworkshops machen. NDR 90,3 Reporterin Petra Volquardsen hat den Selbstversuch gemacht: Sie ist an einem Freitagnachmittag mit Christian Ohrens mitgegangen und hat Hamburgs Innenstadt von einer ganz anderen Seite kennengelernt.

Augen zu und los - Stadtführung durch Hamburg

Getümmel in der Bahnhofshalle

Startpunkt des rund 90-minütigen Rundgangs ist der Hamburger Hauptbahnhof. Ohrens überreicht Stock und Augenbinde an seine Teilnehmerin - schon geht es los. Zahlreiche Durchreisende hetzen durch die Bahnhofshalle. Rollkoffer, Lautsprecher-Durchsagen, Sprachfetzen, Gerüche vom Döner-Imbiss oder aus der Bäckerei - auf die Reporterin prasselt alles auf einmal ein. Wie hier zurechtfinden? Glücklicherweise ist Petra Volquardsen nicht allein unterwegs. Ihr Guide Christian Ohrens führt sie zur Rolltreppe und gibt ihr einen Tipp: "Den Stock unbedingt auf die Stufe vor dich stellen - dann merkst du, wann die Rolltreppe zu Ende ist", erklärt er.

Bezahlen ist gar nicht so einfach

Die beiden verlassen den Hauptbahnhof. "Wir sind draußen, ich spüre die Sonne", stellt die Teilnehmerin der Führung fest. Es geht weiter in Richtung Spitalerstraße und Mönckebergstraße. Auf der Stadtführung baut Ohrens verschiedene Stationen ein, an denen die Teilnehmer kleine Aufgaben erfüllen sollen. Petra Volquardsen soll zum Beispiel den Hörer einer Telefonsäule ertasten. Und im Anschluss fragt er: "Hast du Lust auf einen kleinen Snack?". Der Weg führt immer der Nase nach zu einem Würstchenstand in der Nähe. Was alles im Angebot ist, kann die Reporterin nicht lesen und bestellt der Einfachheit halber ein Glas Wasser. Noch schwieriger wird es beim Bezahlen: "Ohne Augenlicht ist es wirklich schwierig, Geldscheine voneinander zu unterscheiden", stellt die Reporterin fest. Dennoch schafft sie es, den kleinsten Schein - 5 Euro - zu ertasten. Entlang der Mönckebergstraße geht es im Anschluss weiter in Richtung Rathausmarkt.

Orientierung mit anderen Sinnen

"Man sucht sich immer Anhaltspunkte - das kann ein Gullideckel sein, das kann ein Laden sein, der Musik spielt, oder irgendwelche anderen Sachen", gibt der Stadtführer als Tipp. "Der Fantasie sind ja keine Grenzen gesetzt." Wenn der Sehsinn nicht vorhanden ist, sind die anderen Sinne umso mehr gefordert. Um sich zu orientieren und den richtigen Weg zu finden, ist der Stock wichtig. Mit Ohrens Anleitung hat Petra Volquardsen nach einer Weile den Dreh raus: Einen Fuß vor den anderen setzen und den Stock gleichmäßig über den Boden "streicheln". Während sie am Anfang eher vorsichtige Schritte gemacht hat, geht Volquardsen an Ohrens Seite mit der Zeit immer zügiger. "Dass ich bei Christian Ohrens untergehakt bin, gibt Sicherheit", meint die Reporterin. "Ohne ihn wäre ich verloren und komplett ahnunglos."

Petra Volquardsen ist mit Christian Ohrens auf einer blinden Stadttour in Hamburgs Innenstadt unterwegs. © NDR Foto: Lisa Marie Lechner

Wo geht es zur nächsten Würstchenbude?

NDR 90,3 -

Christian Ohrens bietet Stadtführungen durch die Hamburger Innenstadt an. NDR 90,3 Reporterin Petra Volquardsen berichtet von ihren Erlebnissen bei der besonderen Tour.

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Vom Hauptbahnhof bis zum Rathaus

Kurz vorm Rathausmarkt wartet eine weitere Herausforderung: Wie die Straße überqueren, wenn Autos, Fahrräder, sonstige Hindernisse nicht zu sehen sind? Man müsse hier voll und ganz auf das Gehör vertrauen, meint der Stadtführer. Zum Abschluss betreten die beiden die Eingangshalle des Rathauses. Hier heißt es für die Reporterin endlich: Maske abnehmen! Draußen vor dem Rathaus wird sie vom gleißenden Sonnenlicht geblendet. Das Fazit von Petra Volquardsen: "Das war wirklich eine super spannende Tour. Ich habe die Stadt noch einmal ganz anders erlebt. Als nächstes wäre es spannend, solch eine Tour an einem Ort zu machen, der mir weniger vertraut ist, als die Hamburger Innenstadt."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 22.03.2018 | 10:15 Uhr