Stand: 06.03.2020 08:33 Uhr

"Africa Mercy": Einsatz auf dem Krankenhausschiff

von Frauke Hain

Majestätisch liegt das Krankenhausschiff "Africa Mercy" bei knapp 30 Grad im Hafen der senegalesischen Hauptstadt Dakar in Westafrika. Vor der Gangway warten Patientinnen und Patienten in Zelten auf ihre Voruntersuchung. Während sie in der Hitze schwitzen, reguliert auf dem 40 Jahre alten Schiff eine Klimaanlage die Temperatur. Damit das klappt, ist Stefan Jäger meistens im untersten Deck beschäftigt. Der 33-jährige Hamburger ist Elektriker. Jäger beschreibt die schwimmende Kleinstadt als "Inselbetrieb", was bedeutet: komplett unabhängig vom Land. Der Strom wird selbst erzeugt. Dafür stehen im Maschinenraum vier Generatoren zur Verfügung. Sie können bis zu vier Megawatt pro Stunde generieren - und könnten damit 13.000 Haushalte mit Strom versorgen. Und ohne Strom funktioniert nichts auf dem Krankenhausschiff der amerikanischen, christlichen Hilfsorganisation Mercy Ships.

Senegal: Ein Arzt kümmert sich um 10.000 Einwohner

Zehn Monate liegt es im Hafen von Dakar vor Anker. Für den gesamten Einsatz sind 1.500 Operationen geplant. Im Vorfeld fanden im ganzen Land sogenannte Screenings statt, bei denen die Patientinnen und Patienten ausgewählt wurden. Und obwohl der Senegal als eines der sichersten Länder Afrikas gilt, belegt er auf dem Index der menschlichen Entwicklung von 188 Ländern nur Platz 164.

Die meisten Senegalesen können sich eine OP normalerweise nicht leisten - 38 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als zwei US-Dollar am Tag und auf 10.000 Einwohner kümmert sich statistisch gesehen ein Arzt. Rund fünf Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sicherer und bezahlbarer chirurgischer Versorgung, heißt es von Mercy Ships. Die Organisation bezahlt den Einsatz durch Spenden. Nach eigenen Angaben liegen die Kosten im Millionenbereich. 

Familie Jäger steht zusammen mit Baby Lukas auf dem Arm vor dem Krankenhausschiff African Mercy im Hafen von Dakar. © Mercy Ships Foto: John Seddon

AUDIO: Mercy Ships: Familie Jäger erzählt von ihrem Einsatz (3 Min)

Motivation: Den Menschen im Land zu helfen

Die 400 Mitarbeitenden auf dem Schiff arbeiten ehrenamtlich und bezahlen für ihren Einsatz: vom operierenden Arzt bis hin zum Elektriker. Und sie haben alle die gleiche Motivation: "Hier hat jeder die Motivation, den Menschen im Land zu helfen. Und das ist ein ganz spannendes Arbeiten, weil wir aus fast 40 Nationen unterschiedliche Mitarbeiter haben mit unterschiedlichen Fähigkeiten und unterschiedlichen Arbeitsweisen", erzählt Stefan Jäger. "Dann ein Team daraus zusammenzukriegen und noch etwas Produktives zu machen, ist beeindruckend. Und wir haben schon viele Sachen repariert bekommen, wo wir im Nachgang nicht ganz sicher waren, wie wir das gebacken gekriegt haben."

Afrikanische und westliche Kultur vermischen sich

Stefan Jäger hat eigentlich keinen Patientenkontakt. Trotzdem hat er immer wieder Einblicke, wenn ihn sein Weg auf das Krankenhausdeck führt: "Man wird ganz automatisch in die Kultur mit eingebunden, weil man hier ein Stück weit lebt. Auch wenn wir hier auf dem Schiff eine westliche Kultur haben - man lebt doch mit den Patienten zusammen oder man kommt relativ leicht mit ihnen in Kontakt. So hat man dann auch Verbindungen zu dieser Kultur hier", beschreibt er. "Das ist komplett anders für uns als Deutsche - und ein Stück weit ungewohnt. Aber es ist toll, weil es eine ganz lebendige und fröhliche Kultur ist mit sehr viel Musik und Rhythmus. Das ist schon sehr spannend." Und es ist normal, dass auf dem Patientenflur gesungen wird. Die meisten Türen stehen offen. Viele Patientientinnen und Patienten haben Familienmitglieder dabei, die auf einer Matratze unter dem Patientenbett schlafen. Sie kommen aus dem ganzen Land und müssen nach der OP manchmal mehrere Tage auf dem Schiff verbringen.

Familie Jäger steht zusammen mit Baby Lukas auf dem Arm vor dem Krankenhausschiff African Mercy im Hafen von Dakar. © Mercy Ships Foto: John Seddon
Ann-Kathrin und Stefan Jäger arbeiten immer wieder ehrenamtlich für Mercy Ships in Afrika.
Luxusprobleme in Deutschland

Ann-Kathrin Jäger hat einen ruhigeren Tag als ihr Mann. Das Paar aus Hamburg nutzt seine Elternzeit für den Einsatz auf der "Africa Mercy". Baby Lukas ist erst knapp zehn Monate alt. Mit ihm darf die gelernte Krankenschwester nicht in den Krankenhausbereich. So kümmert sich die 34-Jährige zurzeit um das Baby und trifft sich mit anderen Müttern. Für das Paar ist es der vierte gemeinsame Einsatz. Die Arbeit auf Madagaskar, im Benin und in Kamerun haben Ann-Kathrin Jäger geprägt: "In Deutschland ist man ganz oft genervt - aber das ist ein Luxusproblem. Eigentlich haben wir gar keinen Grund, über irgendwas zu jammern oder zu meckern. In Madagaskar sind wir viel gereist und haben viel vom Land gesehen. Wenn man sieht, wie einfach die Leute leben, wie glücklich sie trotzdem leben und wie dankbar sie für einfache Dinge sind."

Und auch Stefan Jäger meint: "Wir in Deutschland sind immer darauf getriggert, dass das alles Just in Time funktionieren muss. Hier geht man eher entspannter damit um, weil die Kultur entspannter ist. Und alles läuft nach einem anderen Zeitplan ab. Das verändert ein Stück weit schon. Es macht einen entspannter. Und es lässt einen über gewisse Dinge anders nachdenken." Er schmunzelt: "Gerade wenn man zurück in Deutschland ist, nimmt man gewisse Dinge anders wahr. Dann freut man sich, dass die Bahn mit einer Viertelstunde Verspätung fährt, anstatt dass sie gar nicht fährt."

Ärzte entfernen gutartige Tumore

Ann-Kathrin Jäger arbeitet als Krankenschwester normalerweise im Aufwachraum und überwacht die Patientientinnen und Patienten nach der Narkose. "Was das für eine Veränderung in deren Leben machen kann, ist toll zu sehen. Wir hatten mal ein Mädel mit dollen Verbrennunskontrakturen, die gelöst werden konnten, dass sie halt wieder was machen kann", erzählt die Hamburgerin. Oft sind es keine alltäglichen Operationen, die die Ärzte durchführen müssen - und so sind manchmal Spezialisten nur für wenige Tage an Bord, um zum Beispiel gutartige Tumore zu entfernen. 

Die Familie ist noch bis Ende April an Bord der "Africa Mercy", die bis Juni im Hafen von Dakar liegt. Das Paar hat schon entschieden, sich wieder zu bewerben - und für die "Africa Mercy" steht fest: nächster Einsatzort ist ab Herbst 2020 Liberia.

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NDR 90,3 | 06.03.2020 | 10:15 Uhr

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