Illustration von Wolf-Rüdiger Marunde © Rainer Jensen

Marundes Landleben: "Ein Gemüsegarten ist der größte Luxus"

Stand: 12.11.2021 19:00 Uhr

Wie wollen wir wohnen und arbeiten? Wie möchten wir leben? Darum geht es in der ARD-Themenwoche Stadt.Land.Wandel. Der Karikaturist Wolf-Rüdiger Marunde wohnt und arbeitet seit 1988 im Wendland.

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Herr Marunde, Sie sind ländlich aufgewachsen, haben sich dann mal für ein halbes Jahr als Städter versucht. Warum hat es Sie dann direkt wieder aufs Land gezogen?

Wolf-Rüdiger Marunde: Ich habe festgestellt, dass ich abends dann doch immer wieder rausgefahren bin und mich in ein Moor gesetzt habe und die Stille genossen habe, so dass ich dachte, es ist einfacher für mich, wenn ich draußen wohne und bei Bedarf in die Stadt fahre als umgekehrt.

Gut ein Drittel der Stadtmenschen würden ja laut einer Umfrage gerne rausziehen aufs Land. Sie haben das gemacht. Was macht denn das Dorfleben für Sie als Künstler so attraktiv?

Porträt des Karikaturisten Wolf-Rüdiger Marunde  Foto: Philipp Schulze
Der Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde ist bekannt für seine Reihe "Marundes Landleben".

Marunde: Für mich als Künstler eigentlich wenig. Es sei denn, man nimmt die geringen Mieten als Pluspunkt. Es ist für mich schon so, dass das ein Gesichtspunkt ist. Ich muss nicht Aufträge annehmen, auf die ich eigentlich keine Lust habe, weil mein Atelier nicht so teuer ist wie in der Stadt. Da würde ich also das Drei- bis Vierfache dafür bezahlen. Aber ansonsten ist das Dorfleben für mich als Mensch, der einfach lebt, interessant und schöner als in der Stadt zu sein.

Vor gut 38 Jahren haben Sie eine Dorfgemeinschaft aus einem Weiler mit fünf Häusern mitbegründet. Was steckte denn damals dahinter?

Marunde: Ich lebte damals in Dänemark noch und hatte aber Freunde auf der anderen Seite der Grenze, also in Deutschland. Und einer hatte davon gehört, dass ein ganzes Dorf zu kaufen war. Da war ein Investor pleitegegangen. Der wollte aus einem alten Dorf so ein Resort machen. Er suchte sich ein paar Freunde zusammen. Wir waren zwölf Erwachsene, glaube ich, und 16 Kinder. Die Idee dahinter war, dass sich auch getrennte Ehepaare mit verschiedenen Wohnungen da in einem Ort um ihre Kinder kümmern können. Und das klappte hervorragend.

Was macht für Sie den Reiz dieses Landlebens aus?

Marunde: Tja, morgens erstmal rausgucken in den Himmel. Dann einen Garten zu haben. Ich habe einen Gemüsegarten. Ich finde, das ist überhaupt der größte Luxus, den man auf dem Land haben kann. Sich die Tomate sonnenwarm zu pflücken und aufs Brot zu legen oder den Kohlrabi. Sie haben da Geschmäcker, die Sie in der Stadt einfach nicht haben. Diese Gemüse- und Obstsorten, die verlieren ja im Supermarkt ihren Geschmack sehr schnell. Dann das Laufenkönnen. Also einfach mal nur 100, 200 Meter vom Haus weg im Wald zu sein oder auf einem kleinen Hügel, das finde ich unbezahlbar. Dann das soziale Leben. Das gefällt mir auf dem Dorf sehr gut, muss ich sagen. Die Nähe zu den Nachbarn, dass man zusammen auch was macht, die Dorfgemeinschaft.

"Zweite Kasse" - Karikatur von Wolf-Rüdiger Marunde © Deutscher Karikaturistenpreis
"Zweite Kasse" - so nimmt Karikaturist Marunde das Landleben liebevoll aufs Korn.

Jetzt gibt es ja viele Jugendliche, die sagen: "Das ist todlangweilig auf dem Land. Ich möchte unbedingt in die Stadt." Benachteiligt das Landleben Jugendliche?

Marunde: Es kommt darauf an, was die wollen. Das ist sehr unterschiedlich. Meine eigenen Töchter sind beide in die Stadt gegangen, weil die auch beide studiert haben und sind auch dageblieben, weil ihre Berufe dann halt so waren, dass das nur in der Stadt geht. Solche Arbeitsplätze gibt es auf dem Land kaum. Aber das ändert sich zurzeit, durch die Anbindung auch mit dem schnellen Internet können immer mehr Berufe auf dem Lande ausgeübt werden. Oder im Homeoffice mit zwei Tagen in der Woche in einer Stadt. Deswegen ziehen doch schon immer mehr aufs Land zurück, beziehungsweise bleiben Jugendliche gleich auf dem Land. Ich fand es bei meinen Töchter aber auf jeden Fall besser, dass sie erst mal raus in die Welt gegangen sind, auch ins Ausland und da erst mal gearbeitet haben und geguckt haben, wie es draußen ist. Wenn sie dann irgendwann wieder zurückkommen aus freier Entscheidung, weil sie jemanden kennengelernt haben, mit dem sie eine Familie gründen wollen, das ist dann ja gelebtes Leben sozusagen. Dann hat man eine bewusste Entscheidung getroffen. Wenn man mit 17 dableiben muss, dann, glaube ich, wird es ein bisschen eng.

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AUDIO: Das ganze Gespräch mit Marunde zum Nachhören (33 Min)

Sie sind Cartoonist und Illustrator und ihre Werke beschäftigen sich mit dem Landleben. "Marundes Landleben", das kennen wahrscheinlich ganz, ganz viele. Was fasziniert Sie an Ihrem Job, alles zu beobachten, aufs Papier zu bringen?

Marunde: Das Zeichnen und Malen macht mir unheimlich viel Spaß. Das habe ich schon als Kind gemacht, und als Jugendlicher auch. Das war ein Hobby für mich. Und mit 17 habe ich eine Aufnahmeprüfung gemacht für ein Studium. Und dann ging es so weiter. Das hat einfach unheimlich viel Spaß gemacht bis heute. Ich freue mich jeden Montag wieder, wenn ich nach dem Wochenende wieder vor der Staffelei stehen kann, in den Farben rummatschen kann und sie auf die Leinwand streichen kann. Das ist einfach superschön. Und was jetzt meinen Beruf als Cartoonist angeht, da kriege ich sehr viel Reaktionen von den Menschen zurück. Teilweise Verständnisfragen, dass jemand einen Witz nicht versteht. Solche Mails gibt es auch: Können Sie mir den bitte erklären?

Wo sehen Sie sich denn in zehn Jahren? Immer noch auf dem Land? Oder dann vielleicht doch in der Stadt?

Marunde: Nee, ich sehe mich nach wie vor auf dem Land. Ich bin gerade dabei, mir eine Atelierwohnung auszubauen, zusammen mit meiner Lebensgefährtin, so eine Art generationsübergreifendes Wohnen unter einem Dach zu verwirklichen. Drei Parteien in einem alten Haus. Und da sehe ich mich natürlich in zehn Jahren auch noch. Ich sehe mich da im Garten sitzen. Ich sehe mich abends ein Feuerchen machen und in die Sterne gucken.

Das Gespräch führte Martina Gilica, NDR 1 Niedersachsen

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