Abendlich beleuchtete Fußgängerzone einer bayerischen Kleinstadt © IMAGO Foto: Volker Preußer

Dorfidylle statt Großstadt: Leona Stahlmann will aufs Land

Stand: 11.11.2021 10:37 Uhr

Welchen Reiz hat das Landleben für Kreative? Die Hamburger Autorin Leona Stahlmann hat beschlossen, der Stadt den Rücken zu kehren und aufs Dorf zu ziehen. Sie hat vielfältige Gründe.

von Juliane Bergmann

Instagram-Eintrag Ende Oktober: Mit Sonnenbrille auf der Nase und Baby im Arm steht Leona Stahlmann im spätsommerlichen, venezianischen San Polo. Die selbstironische Bildunterschrift: "Unvereinbarkeit von Schreiben und Kind never looked better". Wer in diesen Tagen ein Interview mit der Autorin führen will, dem sei dafür definitiv ein Video-Telefonat empfohlen.

Denn zurzeit erreicht man Leona Stahlmann in Venedig. Dort lebt sie zur als Stipendiatin des Deutschen Studienzentrums: Am türkisblauen Canale Grande reihen sich Paläste aneinander, weiter hinten lugt der Markusturm hervor. 2020 machte Stahlmann mit ihrem Debütroman "Der Defekt" auf sich aufmerksam. Darin erzählt sie von einem Mädchen in der Sado-Maso-Szene und dessen Kämpfen gegen gesellschaftliche Widerstände.

Momentan vollendet sie ihren neuen Roman. Schreiben kann sie überall. An manchen Orten klappt es aber deutlich besser, sagt sie: "Für mich ist es so, dass es meine Gedanken ins Fließen bringt, auf ein fließendes Gewässer zu gucken, wenn ich aus dem Fenster schaue."

Von Hamburg-Ottensen nach Murnau in Bayern

Autorin Leona Stahlmann © Simone Hawlisch Foto: Simone Hawlisch
Die Schriftstellerin Leona Stahlmann hat 2020 ihren Debütroman "Der Defekt" veröffentlicht.

Über Orte hat Leona Stahlmann sich zuletzt viele Gedanken gemacht und über die Frage: Wo lebt es sich gut? Bislang wohnte ihre kleine Familie mit Hund in einer 40 Quadratmeter großen, balkonlosen Altbauwohnung im urbanen Hamburger Stadtteil Ottensen. Direkt vor der Tür: Bars, Cafés, Einkaufsmöglichkeiten. Die Geburt der Tochter und die Corona-Zeit haben einer alten Idee den letzten Schubs gegeben: Jetzt steht ein Umzug an, ins oberbayerische 12.000-Seelen-Dorf Murnau am Staffelsee. Für Leona Stahlmann immer noch ein bisschen unwirklich, sich das neue Leben auszumalen: "In einem kleinen Hexenhäuschen auf einem Grundstück mitten im Wald und vor uns der Staffelsee mit Bootsanleger."

Zunehmend gegen die Reize der Stadt abgeschirmt

Die Stadt hat Leona Stahlmann nicht mehr gutgetan. Seelisch und beruflich. Sie beschreibt sie als Umgebung, die nicht mehr für den Menschen gedacht sei. Um schreiben zu können, brauche sie einen offenen Blick. Zuletzt bemerkte sie an sich jedoch eine Abwehrhaltung, schildert sie: "Der Gegenwartsdruck, den ich empfinde, wenn ich in der Stadt bin, dass ich den versuche runterzuschrauben, so viel es geht. Dass ich mir Kopfhörer aufsetze, dass ich versuche, möglichst wenig von der Stadt mitzubekommen, um sie auszuhalten. Dass ich meine Kanäle mit irgendwas verstopfe. Aber für meinen Beruf ist es tödlich, wenn ich mich dagegen zur Wehr setze, dass Reize auf mich einprasseln, denn ich brauche diese Reize."

Angespannter Wohnungsmarkt benachteiligt Kreative

Die linksliberale Städter-Umgebung tauscht sie ein gegen die Dorfgemeinschaft in einem Bundesland, das von der CSU regiert wird. Sie witzelt, sie habe eine habituelle Anpassungsstörung. Immerhin: Im Terminplan steht schon ein Trachtenabend. Leona Stahlmann will sich einlassen auf die neue Welt. Viele ihrer Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen würden momentan ebenfalls die Städte verlassen, sagt sie. Hohe Mieten seien das eine, schlechte Chancen schon bei der Wohnungsvergabe für Freiberufler das andere.

Für Leona Stahlmann hat die Stadt ausgedient

"Wenn man so mit Kreativen in der Stadt umgeht, dann sollte man sich nicht wundern über den Wegzug und am Ende die vollkommene Verödung der eigentlich mal bunten, schönen, lauten, krachigen, sehr unterschiedlichen Stadtlandschaft," meint Stahlmann. Für sie hat die Stadt ausgedient. Vorerst. Denn Neuanfänge gehören für sie zum Leben. Ein bisschen Hamburg kommt aber mit: Ums Hexenhäuschen in Murnau sieht man sie vermutlich bald schlendern - typisch Großstadtflaneurin: "Dass ich mal wieder flanierend etwas auf mich wirken lassen darf. Ohne ein genaues Ziel zu haben - im Wald, am See, auch in den Dörfchen Drumherum, darauf freue ich mich." Und auch auf diese Instagram-Posts dürfen wir gespannt sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 11.11.2021 | 09:20 Uhr

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